Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Technische Universität Berlin
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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

„Und in alle Ewigkeit: Kommunikation über 10 000 Jahre: Wie sagen wir unsern Kindeskindern wo der Atommüll liegt?
Jahr: 1984
Band:  6
Heft: 3

Roland Posner
Mitteilungen an die ferne Zukunft. Hintergrund, Anlaß, 
Problemstellung und Resultate einer Umfrage

Thomas A. Sebeok
Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung: 
Ein Relaissystem in der Obhut einer Atompriesterschaft 

Stanislaw Lem 
Mathematische Kodierung auf lebendem Trägermaterial 

Françoise Bastide und Paolo Fabbri 
Lebende Detektoren und komplementäre Zeichen: 
Katzen, Augen und Sirenen 

Vilmos Voigt 
Konzentrisch angeordnete Warntafeln in zunehmend neueren 
Sprachformen 

Philipp Sonntag 
Künstlicher Mond am Himmel und Datenbank im Keller 

Wulf Rehder
Sicherung gegen Kodebrecher durch Randomisierung

Percy H. Tannenbaum
Staffelung der Informationsquellen nach Inhalt und 
Entfernung von den Lagerstätten 

David B. Givens
Was wir aus der Menschheitsgeschichte lernen können 

Marshall Blonsky 
Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik? 

Susanne Hauser 
Problematisch sind nicht nur die Antworten, 
sondern bereits die Voraussetzungen

Literaturbericht 
Claus Dreyer 
Neuere Tendenzen in der Architektursemiotik 
 


Mitteilungen an die ferne Zukunft. Hintergrund, Anlaß, Problemstellung und 
Resultate einer Umfrage

Roland Posner, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Die Frage, wie die heutigen Menschen ihren Nachfahren den Lagerungsort und die besonderen Gefahren von Atommüll mitteilen können, war Anlaß einer Umfrage der Zeitschrift für Semiotik zu den Möglichkeiten der 
Kommunikation über einen Zeitraum von 10000 Jahren. Der vorliegende Beitrag liefert im ersten Teil Hintergrundwissen zur Diskussion dieser Frage: er faßt die bisherige Theoriebildung über Zeichenprozesse zwischen räumlich und 
zeitlich weit entfernten Partnern zusammen, klassifiziert die Zeichen, die uns 
aus den vergangenen 10000 Jahren erreichten, in Anzeichen, Überreste, Quellen und Mitteilungen und analysiert als Beispiel für Mitteilungen an die Zukunft 
die Zeitkapseln von Ninive, die projektierten Lichtsignale für Marsbewohner, 
die Radiosendungen von Arecibo und die von Erdsatelliten und Raumsonden 
mitgeführten Bild-Ton-Träger. Nachdem im zweiten Teil die Gefahren des 
Atommülls für die Menschheit skizziert worden sind, zeigt der Beitrag im 
dritten Teil, wieso weder natürliche oder künstliche Barrieren noch Überreste 
oder Quellen, sondern nur erkennbar an sie addressierte Mitteilungen 
intelligente Wesen vom Eindringen in Atommüllager abhalten können. Der vierte 
Teil faßt die in Beantwortung der Umfrage gemachten Vorschläge zusammen und diskutiert der Reihe nach die physikalische, die biologische und die kulturelle Option. Die Größenordnung der gesellschaftlichen Herausforderung, die die Atomenergie an die Menschheit stellt, wird abschließend durch einen Vergleich mit den Stadien der Bewältigung des Feuers durch die Menschheit vor Augen geführt. In beiden Fällen sind Lösungen nur durch Entwicklungssprünge im Bereich der Kommunikationspraxis denkbar. 
 


Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung: Ein Relaissystem in der Obhut einer 
Atompriesterschaft 

Thomas A. Sebeok, Indiana University, Bloomington 

Zusammenfassung. Der Beitrag befaßt sich mit den semiotischen Techniken, die 
geeignet sind, intelligente Wesen am Eindringen in Atommüllager zu hindern. Er 
plädiert für die kulturelle Option, skizziert die erforderlichen Eigenschaften 
der Nachrichten, Nachrichtenquellen, Kanäle und Kontexte und formuliert eine 
Reihe von Empfehlungen. Grundidee ist die Übermittlung des notwendigen Wissens im Rahmen eines künstlich geschaffenen Rituals mit zugehöriger Legende, die von Generation zu Generation tradiert werden. Die Aufgabe, Informationsverluste bei der Tradierung zu verhindern, soll von einer "Atompriesterschaft" übernommen werden, die die Übersetzung der Nachricht in die jeweils geltenden Zeichensysteme überwacht. 
 


Mathematische Kodierung auf lebendem Trägermaterial

Stanislaw Lem, Krakau 

Zusammenfassung. Der Beitrag nimmt die Problematik des Atommülls zum Anlaß für allgemeine Erwägungen über die Möglichkeiten der Kommunikation von Menschen mit intelligenten Wesen, die zwar nicht durch kulturelle aber doch durch biologische Kontinuität miteinander verbunden sind. Als Wege zum Schutz der Zeichenträger gegen Korrosion werden die physikalische Option (Edelmetalle) und die biologische Option (lebende, sich selbst regenerierende Zeichenmaterie) untersucht. Es wird vorgeschlagen, die Nachricht in zwei Teile zu zerlegen, von denen der erste in die verwendeten Kodes einführt und der zweite die eigentliche Mitteilung enthält. Um der technischen Veraltung zu entgehen, soll mathematisches Wissen zur Mitteilungsbasis gemacht werden. 
 


Lebende Detektoren und komplementäre Zeichen: Katzen, Augen und Sirenen

Françoise Bastide und Paolo Fabbri, Groupe de Recherches Sémio-Linguistiques, E.H.E.S.S., Paris 

Zusammenfassung. Der Beitrag schlägt vor, den genauen Ort der Atommüllager der Vergessenheit anheim zu geben und nur das Wissen über die Existenz von 
Atommüllagern und über Methoden der Strahlungsmessung zu tradieren. Damit soll verhindert werden, daß ein Teil der Gesellschaft dem anderen politisch 
instrumentalisierbares Wissen voraus hat und ihn damit erpreßt. Für die 
Strahlungsmessung wird die biologische Option empfohlen: Um die Kernstrahlung für Menschen wahrnehmbar zu machen, wird die Züchtung von Tieren vorgeschlagen, die auf radioaktive Bestrahlung mit Verfärbung der Haut reagieren. Diese Tierart soll in der ökologischen Nische des Menschen angesiedelt werden, und ihre Rolle als Strahlendetektor soll durch die Einführung eines geeigneten Namens (z.B. "Strahlenkatze") sowie durch Sprichwörter und Mythen in der kulturellen Tradition verankert werden. Falls jemand unwissentlich in ein Atommüllager eindringt, so soll er durch ikonisch-indexikalische Zeichen gewarnt werden. Als optisches Signal wird die Darstellung eines menschlichen Körperteils (z.B. eines "brechenden Auges") und als akustisches Signal eine durch die Strahlungsenergie gespeiste Sirene vorgeschlagen, deren Lautstärke und Klang mit der Strahlungsintensität korrespondiert. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Zeichen von den Adressaten wörtlich verstanden und als Warnung akzeptiert werden, wird von den Autoren allerdings skeptisch beurteilt. 
 


Konzentrisch angeordnete Warntafeln in zunehmend neueren Sprachformen

Vilmos Voigt, Lórand-Eötvös-Universität Budapest 

Zusammenfassung. Der Beitrag diskutiert Probleme der kulturellen Option für 
Mitteilungen an die ferne Zukunft. Er setzt nicht nur biologische sondern auch 
kulturelle Kontinuität voraus. Um den Sprachwandel zu bewältigen, schlägt er 
vor, für jede neue Sprachstufe einen neuen Text zu verfassen und die jeweils 
neueren Formulierungen auf Warntafeln in zunehmender Entfernung konzentrisch um das Atommüllager herum aufzustellen. Auf diese Weise wird für jeden 
Eindringling eine räumliche Umkehrung der Sprachgeschichte inszeniert, die es 
ihm ermöglicht, die ursprüngliche Mitteilung im Zentrum über demAtommüllager 
verstehen zu lernen. Die Organisation der Übersetzungen und die Aufstellung der Warntafeln soll einem Stab von Nachrichtenhütern übertragen werden. 
 


Künstlicher Mond am Himmel und Datenbank im Keller

Philipp Sonntag, Wissenschaftszentrum Berlin 

Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Art der Katastrophen, die die 
Kontinuität der kulturellen und biologischen Entwicklung in den nächsten 10000 
Jahren stören könnten und überlegt Vorrichtungen zum Schutz der zu 
übermittelnden Nachricht. Zu den sichersten Aufbewahrungsorten rechnet er einen künstlichen Mond am Himmel und eine Datenbank im Keller. 
 


Kodierung durch Randomisierung

Wulf Rehder, University of Denver, Colorado 

Zusammenfassung. Der Beitrag geht davon aus, daß die Botschaft über Ort und 
Gefährlichkeit des Atommülls zum Schutz vor Machtmißbrauch und Erpressung 
geheim gehalten werden sollte und beschreibt ein Verfahren zu ihrer Kodierung, 
das sie gegen den Zugriff Unbefugter optimal sichert. 
 


Staffelung der Informationsstellen nach Inhalt und Entfernung von den 
Lagerstätten 

Zusammenfassung. Der Beitrag setzt voraus, daß unter allen Risiken, die mit der Endlagerung von Atommüll 500 bis 1000 Meter unter der Erdoberfläche verbunden sind, das größte Risiko im Eindringen von Menschen in die Lager liegt. Er hält die Bewachung der Lager über Hunderte von Generationen für undurchführbar und empfiehlt ein Informationssystem zur Warnung vor Tiefbohrungen an jeder Lagerstätte. Da das anzusprechende Publikum und die Situationen, in denen gewarnt werden muß, heterogen sind und der Informationszweck sowohl verfehlt werden kann, wenn die Adressaten subjektiv zu wenig als auch zu viel Information erhalten, wird eine situations- und adressatenspezifische Differenzierung der Nachricht vorgeschlagen: Unmittelbar über der Lagerstätte soll nur ein warnender Hinweis auf Ort, Beschaffenheit und Gefährlichkeit des radioaktiven Materials erfolgen, ein weithin sichtbares Monument soll das Lager bereits auf mittlere Entfernung über Land oder aus der Luft erkennbar machen; Detailinformationen, die nur für professionelle Tiefbohrungen bestimmt sind, sollen in besonderen Archiven und Bibliotheken an allgemein zugänglichen Plätzen aufbewahrt werden. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Beitrag den konnotativen Elementen der Botschaft und empfiehlt, durch Offenlegung aller Informationen sowohl das Herunterspielen als auch das Übertreiben der Gefahren zu verhindern. 
 


Was wir aus der Menschheitsgeschichte lernen können

 David B. Givens, University of Washington, Seattle 

Zusammenfassung. Der Beitrag vergleicht die Zeiträume, in denen der Atommüll das kollektive Gedächtnis der Menschheit wird beschäftigen müssen, mit den 
Zeiträumen, die in der bisherigen Menschheitsgeschichte eine Rolle spielen, und 
untersucht die Zeichen, die aus ihnen auf uns gekommen sind. Er geht von 
biologischer Kontinuität zwischen den heutigen Menschen und den Adressaten von Warnungen über Atommüllager aus und entwickelt auf der Grundlage der 
Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte Vorschläge für die Gestaltung eines 
differenzierten Informationssystems. Es werden einfache, warnende, grundlegende und detaillierte Nachrichten unterschieden und für jeden Nachrichtentyp spezifische Medien, Kodes und Aufbewahrungsorte vorgeschlagen. Der Beitrag schließt mit einer umfangreichen Liste von Kriterien für die jeweils angemessenste Gestaltung von Zeichen und Zeichenvehikeln. 
 


Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik? 

Marshall Blonsky, State University of New York, Stony Brook 

Zusammenfassung. Der Beitrag analysiert die impliziten Voraussetzungen der 
Frage nach den Möglichkeiten, Menschen über Jahrtausende vom Eindringen in 
Atommüllager abzuhalten, und die Motive ihrer Beantworter. Er kommt zu dem 
Ergebnis, daß diese Frage nur Sinn macht, wenn man sie auf die gegenwärtige 
Lage der Menschheit bezieht, die er besonders deutlich im heutigen Zustand der USA verkörpert sieht: Die Elite einer in Auflösung begriffenen Spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung projiziert ihre eigene Verunsicherung 
anläßlich der bevorstehenden Jahrtausendwende auf die Zukunft der Menschheit. Autoritäre Lösungsvorschläge und die mit ihrer Verwirklichung verbundenen Ängste scheinen sich gegenseitig zu bedingen. Als Ausweg schlägt der Autor vor, direkte Anstrengungen zu unternehmen, um zu verhindern, daß die Menschheit sich nicht schon im ersten der in Aussicht genommenen 100 Jahrhunderte selbst vernichtet. 
 


Problematisch sind nicht nur die Antworten, sondern bereits die Voraussetzungen 

Susanne Hauser, Technische Universität Berlin 

 Zusammenfassung. Der Beitrag betont, daß die Verhinderung des Eindringens von Menschen in Atommüllager ein zweitrangiges Problem ist, solange diese Lager nicht einmal gegen Naturgewalten einwandfrei gesichert werden können, und macht darauf aufmerksam, daß selbst die Lösung dieses technischen Problems noch aussteht. Solange dies so ist, erscheint nur eine Konsequenz unausweichlich, nämlich die Vermeidung der Produktion weiterer radioaktiver Abfälle. Diese Konsequenz erhält besonderes Gewicht dadurch, daß die gängigen Vorschläge für Informationssysteme zur Sicherung von Atommüllagern neue Probleme schaffen, die ihrerseits unlösbar erscheinen. 
 

 


 
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