Roland Posner
Mitteilungen an die ferne Zukunft. Hintergrund, Anlaß,
Problemstellung und Resultate einer Umfrage
Thomas A. Sebeok
Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung:
Ein Relaissystem in der Obhut einer Atompriesterschaft
Stanislaw Lem
Mathematische Kodierung auf lebendem Trägermaterial
Françoise Bastide und Paolo Fabbri
Lebende Detektoren und komplementäre Zeichen:
Katzen, Augen und Sirenen
Vilmos Voigt
Konzentrisch angeordnete Warntafeln in zunehmend neueren
Sprachformen
Philipp Sonntag
Künstlicher Mond am Himmel und Datenbank im Keller
Wulf Rehder
Sicherung gegen Kodebrecher durch Randomisierung
Percy H. Tannenbaum
Staffelung der Informationsquellen nach Inhalt und
Entfernung von den Lagerstätten
David B. Givens
Was wir aus der Menschheitsgeschichte lernen können
Marshall Blonsky
Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik?
Susanne Hauser
Problematisch sind nicht nur die Antworten,
sondern bereits die Voraussetzungen
Literaturbericht
Claus Dreyer
Neuere Tendenzen in der Architektursemiotik
Mitteilungen an die ferne Zukunft. Hintergrund,
Anlaß, Problemstellung und
Resultate einer Umfrage
Roland Posner, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Die Frage, wie die heutigen Menschen ihren Nachfahren
den Lagerungsort und die besonderen Gefahren von Atommüll mitteilen
können, war Anlaß einer Umfrage der Zeitschrift für Semiotik
zu den Möglichkeiten der
Kommunikation über einen Zeitraum von 10000 Jahren. Der vorliegende
Beitrag liefert im ersten Teil Hintergrundwissen zur Diskussion dieser
Frage: er faßt die bisherige Theoriebildung über Zeichenprozesse
zwischen räumlich und
zeitlich weit entfernten Partnern zusammen, klassifiziert die Zeichen,
die uns
aus den vergangenen 10000 Jahren erreichten, in Anzeichen, Überreste,
Quellen und Mitteilungen und analysiert als Beispiel für Mitteilungen
an die Zukunft
die Zeitkapseln von Ninive, die projektierten Lichtsignale für
Marsbewohner,
die Radiosendungen von Arecibo und die von Erdsatelliten und Raumsonden
mitgeführten Bild-Ton-Träger. Nachdem im zweiten Teil die
Gefahren des
Atommülls für die Menschheit skizziert worden sind, zeigt
der Beitrag im
dritten Teil, wieso weder natürliche oder künstliche Barrieren
noch Überreste
oder Quellen, sondern nur erkennbar an sie addressierte Mitteilungen
intelligente Wesen vom Eindringen in Atommüllager abhalten können.
Der vierte
Teil faßt die in Beantwortung der Umfrage gemachten Vorschläge
zusammen und diskutiert der Reihe nach die physikalische, die biologische
und die kulturelle Option. Die Größenordnung der gesellschaftlichen
Herausforderung, die die Atomenergie an die Menschheit stellt, wird abschließend
durch einen Vergleich mit den Stadien der Bewältigung des Feuers durch
die Menschheit vor Augen geführt. In beiden Fällen sind Lösungen
nur durch Entwicklungssprünge im Bereich der Kommunikationspraxis
denkbar.
Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung:
Ein Relaissystem in der Obhut einer
Atompriesterschaft
Thomas A. Sebeok, Indiana University, Bloomington
Zusammenfassung. Der Beitrag befaßt sich mit den semiotischen
Techniken, die
geeignet sind, intelligente Wesen am Eindringen in Atommüllager
zu hindern. Er
plädiert für die kulturelle Option, skizziert die erforderlichen
Eigenschaften
der Nachrichten, Nachrichtenquellen, Kanäle und Kontexte und formuliert
eine
Reihe von Empfehlungen. Grundidee ist die Übermittlung des notwendigen
Wissens im Rahmen eines künstlich geschaffenen Rituals mit zugehöriger
Legende, die von Generation zu Generation tradiert werden. Die Aufgabe,
Informationsverluste bei der Tradierung zu verhindern, soll von einer "Atompriesterschaft"
übernommen werden, die die Übersetzung der Nachricht in die jeweils
geltenden Zeichensysteme überwacht.
Mathematische Kodierung auf lebendem Trägermaterial
Stanislaw Lem, Krakau
Zusammenfassung. Der Beitrag nimmt die Problematik des Atommülls
zum Anlaß für allgemeine Erwägungen über die Möglichkeiten
der Kommunikation von Menschen mit intelligenten Wesen, die zwar nicht
durch kulturelle aber doch durch biologische Kontinuität miteinander
verbunden sind. Als Wege zum Schutz der Zeichenträger gegen Korrosion
werden die physikalische Option (Edelmetalle) und die biologische Option
(lebende, sich selbst regenerierende Zeichenmaterie) untersucht. Es wird
vorgeschlagen, die Nachricht in zwei Teile zu zerlegen, von denen der erste
in die verwendeten Kodes einführt und der zweite die eigentliche Mitteilung
enthält. Um der technischen Veraltung zu entgehen, soll mathematisches
Wissen zur Mitteilungsbasis gemacht werden.
Lebende Detektoren und komplementäre
Zeichen: Katzen, Augen und Sirenen
Françoise Bastide und Paolo Fabbri, Groupe de Recherches
Sémio-Linguistiques, E.H.E.S.S., Paris
Zusammenfassung. Der Beitrag schlägt vor, den genauen Ort der Atommüllager
der Vergessenheit anheim zu geben und nur das Wissen über die Existenz
von
Atommüllagern und über Methoden der Strahlungsmessung zu
tradieren. Damit soll verhindert werden, daß ein Teil der Gesellschaft
dem anderen politisch
instrumentalisierbares Wissen voraus hat und ihn damit erpreßt.
Für die
Strahlungsmessung wird die biologische Option empfohlen: Um die Kernstrahlung
für Menschen wahrnehmbar zu machen, wird die Züchtung von Tieren
vorgeschlagen, die auf radioaktive Bestrahlung mit Verfärbung der
Haut reagieren. Diese Tierart soll in der ökologischen Nische des
Menschen angesiedelt werden, und ihre Rolle als Strahlendetektor soll durch
die Einführung eines geeigneten Namens (z.B. "Strahlenkatze") sowie
durch Sprichwörter und Mythen in der kulturellen Tradition verankert
werden. Falls jemand unwissentlich in ein Atommüllager eindringt,
so soll er durch ikonisch-indexikalische Zeichen gewarnt werden. Als optisches
Signal wird die Darstellung eines menschlichen Körperteils (z.B. eines
"brechenden Auges") und als akustisches Signal eine durch die Strahlungsenergie
gespeiste Sirene vorgeschlagen, deren Lautstärke und Klang mit der
Strahlungsintensität korrespondiert. Die Wahrscheinlichkeit, daß
diese Zeichen von den Adressaten wörtlich verstanden und als Warnung
akzeptiert werden, wird von den Autoren allerdings skeptisch beurteilt.
Konzentrisch angeordnete Warntafeln in
zunehmend neueren Sprachformen
Vilmos Voigt, Lórand-Eötvös-Universität
Budapest
Zusammenfassung. Der Beitrag diskutiert Probleme der kulturellen Option
für
Mitteilungen an die ferne Zukunft. Er setzt nicht nur biologische sondern
auch
kulturelle Kontinuität voraus. Um den Sprachwandel zu bewältigen,
schlägt er
vor, für jede neue Sprachstufe einen neuen Text zu verfassen und
die jeweils
neueren Formulierungen auf Warntafeln in zunehmender Entfernung konzentrisch
um das Atommüllager herum aufzustellen. Auf diese Weise wird für
jeden
Eindringling eine räumliche Umkehrung der Sprachgeschichte inszeniert,
die es
ihm ermöglicht, die ursprüngliche Mitteilung im Zentrum über
demAtommüllager
verstehen zu lernen. Die Organisation der Übersetzungen und die
Aufstellung der Warntafeln soll einem Stab von Nachrichtenhütern übertragen
werden.
Künstlicher Mond am Himmel und Datenbank
im Keller
Philipp Sonntag, Wissenschaftszentrum Berlin
Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Art der Katastrophen, die
die
Kontinuität der kulturellen und biologischen Entwicklung in den
nächsten 10000
Jahren stören könnten und überlegt Vorrichtungen zum
Schutz der zu
übermittelnden Nachricht. Zu den sichersten Aufbewahrungsorten
rechnet er einen künstlichen Mond am Himmel und eine Datenbank im
Keller.
Kodierung durch Randomisierung
Wulf Rehder, University of Denver, Colorado
Zusammenfassung. Der Beitrag geht davon aus, daß die Botschaft
über Ort und
Gefährlichkeit des Atommülls zum Schutz vor Machtmißbrauch
und Erpressung
geheim gehalten werden sollte und beschreibt ein Verfahren zu ihrer
Kodierung,
das sie gegen den Zugriff Unbefugter optimal sichert.
Staffelung der Informationsstellen nach
Inhalt und Entfernung von den
Lagerstätten
Zusammenfassung. Der Beitrag setzt voraus, daß unter allen Risiken,
die mit der Endlagerung von Atommüll 500 bis 1000 Meter unter der
Erdoberfläche verbunden sind, das größte Risiko im Eindringen
von Menschen in die Lager liegt. Er hält die Bewachung der Lager über
Hunderte von Generationen für undurchführbar und empfiehlt ein
Informationssystem zur Warnung vor Tiefbohrungen an jeder Lagerstätte.
Da das anzusprechende Publikum und die Situationen, in denen gewarnt werden
muß, heterogen sind und der Informationszweck sowohl verfehlt werden
kann, wenn die Adressaten subjektiv zu wenig als auch zu viel Information
erhalten, wird eine situations- und adressatenspezifische Differenzierung
der Nachricht vorgeschlagen: Unmittelbar über der Lagerstätte
soll nur ein warnender Hinweis auf Ort, Beschaffenheit und Gefährlichkeit
des radioaktiven Materials erfolgen, ein weithin sichtbares Monument soll
das Lager bereits auf mittlere Entfernung über Land oder aus der Luft
erkennbar machen; Detailinformationen, die nur für professionelle
Tiefbohrungen bestimmt sind, sollen in besonderen Archiven und Bibliotheken
an allgemein zugänglichen Plätzen aufbewahrt werden. Besondere
Aufmerksamkeit widmet der Beitrag den konnotativen Elementen der Botschaft
und empfiehlt, durch Offenlegung aller Informationen sowohl das Herunterspielen
als auch das Übertreiben der Gefahren zu verhindern.
Was wir aus der Menschheitsgeschichte
lernen können
David B. Givens, University of Washington, Seattle
Zusammenfassung. Der Beitrag vergleicht die Zeiträume, in denen
der Atommüll das kollektive Gedächtnis der Menschheit wird beschäftigen
müssen, mit den
Zeiträumen, die in der bisherigen Menschheitsgeschichte eine Rolle
spielen, und
untersucht die Zeichen, die aus ihnen auf uns gekommen sind. Er geht
von
biologischer Kontinuität zwischen den heutigen Menschen und den
Adressaten von Warnungen über Atommüllager aus und entwickelt
auf der Grundlage der
Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte Vorschläge für
die Gestaltung eines
differenzierten Informationssystems. Es werden einfache, warnende,
grundlegende und detaillierte Nachrichten unterschieden und für jeden
Nachrichtentyp spezifische Medien, Kodes und Aufbewahrungsorte vorgeschlagen.
Der Beitrag schließt mit einer umfangreichen Liste von Kriterien
für die jeweils angemessenste Gestaltung von Zeichen und Zeichenvehikeln.
Wes Geistes Kind ist die Atomsemiotik?
Marshall Blonsky, State University of New York, Stony Brook
Zusammenfassung. Der Beitrag analysiert die impliziten Voraussetzungen
der
Frage nach den Möglichkeiten, Menschen über Jahrtausende
vom Eindringen in
Atommüllager abzuhalten, und die Motive ihrer Beantworter. Er
kommt zu dem
Ergebnis, daß diese Frage nur Sinn macht, wenn man sie auf die
gegenwärtige
Lage der Menschheit bezieht, die er besonders deutlich im heutigen
Zustand der USA verkörpert sieht: Die Elite einer in Auflösung
begriffenen Spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung projiziert ihre
eigene Verunsicherung
anläßlich der bevorstehenden Jahrtausendwende auf die Zukunft
der Menschheit. Autoritäre Lösungsvorschläge und die mit
ihrer Verwirklichung verbundenen Ängste scheinen sich gegenseitig
zu bedingen. Als Ausweg schlägt der Autor vor, direkte Anstrengungen
zu unternehmen, um zu verhindern, daß die Menschheit sich nicht schon
im ersten der in Aussicht genommenen 100 Jahrhunderte selbst vernichtet.
Problematisch sind nicht nur die Antworten,
sondern bereits die Voraussetzungen
Susanne Hauser, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Der Beitrag betont, daß die Verhinderung
des Eindringens von Menschen in Atommüllager ein zweitrangiges Problem
ist, solange diese Lager nicht einmal gegen Naturgewalten einwandfrei gesichert
werden können, und macht darauf aufmerksam, daß selbst die Lösung
dieses technischen Problems noch aussteht. Solange dies so ist, erscheint
nur eine Konsequenz unausweichlich, nämlich die Vermeidung der Produktion
weiterer radioaktiver Abfälle. Diese Konsequenz erhält besonderes
Gewicht dadurch, daß die gängigen Vorschläge für Informationssysteme
zur Sicherung von Atommüllagern neue Probleme schaffen, die ihrerseits
unlösbar erscheinen.