Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Dr. habil. Reinhard Krüger


Exposé


Eine Welt ohne Amerika: Globale Weltkonstruktion und europäisches Raumbewußtsein im kosmologischen Denken von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit, 2 vols., 950p. Berlin 1998 (im Druck)
 


1. Die Idee, daß die Menschen im Mittelalter, d.h. vor allem jene Menschen, von denen wir über schriftliche oder graphische Zeugnisse verfügen, der Vorstellung anhingen, die Erde sei eine flache Scheibe, ist ein Mythos der Moderne. Dieser wurde im beginnenden 19. Jahrhundert von den romantischen Mittelalterhistorikern erfunden - vor allem von Daunou in seinem Discours sur l'état des lettres au XIIIe siècle, Paris 1824 - und gründet sich teilweise auf dem modernistischen Epochendiskurs der Renaissance und der Frühen Neuzeit. In dieser Zeit wurde in Verkennung der eigenen geschichtlichen Voraussetzungen versucht, sich von jener Phase des angeblichen kulturellen Niedergangs abzugrenzen, als welche man die Epoche zwischen der eigenen Zeit und jener der antiken Kultur identifizierte. 

 Auf der Strecke blieben eine Vielzahl von Quellen des mittelalterlichen kosmologischen Denkens, welche im Hinblick auf das Mittelalter vom geraden Gegenteil dessen Zeugnis ablegen, wovon die Geistesgrößen der Renaissance überzeugt waren. Während praktisch alle bedeutsamen und einschlägigen kosmologischen und naturphilosophischen Texte des Mittelalters - beispielsweise John of Hollywoods  De sphaera mundi von 1218 - noch als Wiegendrucke und dann bis in die Zeit um 1530-40 gedruckt erschienen, reißt diese Tradition und mit ihr die Rezeption des mittelalterlichen kosmologischen Denkens in dieser Zeit irreversibel ab. 

 Dieser Vorgang des unversehenen Endes der Rezeption zahlreicher, bislang ungebrochener mittelalterlicher Wissenschaftstraditionen in dieser Zeit ist ein noch nicht aufgeklärter Prozeß der historischen Transformation der Wissenskonstellationen. Es kann jedoch Folgendes vermutet werden: in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts breitet sich bereits die kopernikanische Konstruktion des heliozentrischen Weltsystems aus, und zwar noch bevor der diesbezüglich einschlägige Text von Kopernikus in gedruckter Form vorliegt. Damit gerät jedoch vor allem der Geozentrismus des bisherigen Weltsystems in die Defensive und in der Folge davon werden die kosmologischen Texte des Mittelalters aus dem wissenschaftlichen Verkehr ausgesondert. Mit der posthumen Publikation von Kopernikus' Hauptschrift De revolutionibus orbium cœlestium (1543) werden schließlich die Grundlagen des geozentrischen Weltmodells als irreal überwunden, zugleich jedoch ist in der Kopernikanischen Lehre das aus dem geozentrischen Weltmodell übernommene Globusmodell für die Himmelskörper einschließlich der Erde aufgehoben. Hinsichtlich der Auffassung von der Erdgestalt also bekräftigt das Kopernikanische Weltmodell die spätantiken und mittelalterlichen Vorstellungen und schreibt sie unverändert fort. Es handelt sich bei der Durchsetzung des Kopernikanischen Weltmodells also auch um eine Form des Vergessens eines in dieser Konstellation von Globustheorie und Geozentrismus unbrauchbar gewordenen Wissens. Dieser Prozeß setzt mit der ersten Diffusion der Kopernikanischen Thesen in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts ein und findet sogleich mit der Publikation von De revolutionibus im Jahre 1543 seinen Abschluß. Danach ist diese Welt kein geeigneter Ort mehr für die Publikation der mittelalterlichen Kosmologien, was in der Praxis auch dazu führt, daß die eigentlich ja weiterhin, und zwar bis heute gültigen Spolien des globalen Weltbewußtseins im Mittelalter in Vergessenheit geraten. Übernimmt jetzt jedoch das gedruckte Buch die wesentliche Funktion des Wissensspeichers und entsteht in dieser Zeit der typographic man (Mc Luhan), dann kommen verlegerische Umlagerungen und Entwertungen einer Umstrukturierung zunächst des vorhandenen und schließlich des verfügbaren Wissens gleich. 

 In nunmehr sich ausbreitender Unkenntnis des mittelalterlichen Quellenmaterials bilden sich jetzt innerhalb weniger Jahre die ersten Konturen jenes Mythos vom ignoranten Kleriker des Mittelalters heraus, welcher jedem Erkenntnisforschritt im Wege stand. Hier werden ein bereits seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in Italien herausgebildetes, geschichtliches Periodisierungsschema, welches die Abfolge von Antike, Barbarei und Gegenwart voraussetzt, kurz geschlossen, und beginnen - beides als Mythen - einander zu erhellen und zu bekräftigen. Tatsächlich jedoch basiert die negative Bewertung des nunmehr herauskristallisierten 'mittleren Zeitalters' zwischen Antike und Gegenwart zumeist auf Unkenntnis der erbrachten intellektuellen Leistungen des Mittelalters. 

 Die romantische Mittelaltersichtung, die vor allem in der Edition der Monumenta Germaniae historica und der Patrologia Latina - aber auch entsprechender Projekte in anderen europäischen Ländern - hat an den Verwerfungen des Mittelalterbildes nachhaltig nichts mehr geändert. Obgleich die Wissenschaftsgeschichtsschreibung des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts durchaus erkannte, daß in Spätantike und Mittelalter die Kosmologen, Philosophen und Theologen von der Kugelgestalt der Erde überzeugt waren, ist diese Erkenntnis nicht mehr in das breite Bewußtsein diffundiert. Die Moderne des 20. Jahrhunderts benötigte ganz offenbar zum Zwecke der Selbstvergewisserung der eigenen Modernität erneut den Mythos vom naiven und unwissenden Mittelalter. Tendenzen zur Auflösung dieses im Grunde frühneuzeitlichen und romantischen Mittelalterbildes kommen im Verlauf unseres Jahrhunderts dann nicht mehr zum Tragen. Das Denken ist heutzutage, obgleich sich in den letzten Jahren die Anzeichen für eine Änderung hinsichtlich unserer Vorstellung vom Mittelalter mehren, im wesentlichen immer noch von diesem alten Mythos der Moderne bestimmt. 

 2. Tatsächlich widerspricht die verfügbare Quellenlage für die Zeit vom 4. Jahrhundert bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert, d.h. bis zur Fahrt des Columbus und bis zur Weltumrundung durch Magellan, dem immer noch verbreiteten Bild vom mittelalterlichen Weltbewußtsein. Hunderte von Quellen, von denen im Kontext der hier vorgelegten Untersuchung nur einige exemplarisch vorgestellt werden können, legen Beweis dafür ab, daß die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde auch in dieser Zeit verbreitet und selbstverständlich war. Allerdings geht es in der folgenden Darstellung nicht darum festzustellen, daß das geozentrische Weltmodell falsch ist - d.h. unseren heutigen Beschreibungsprinzipien unangemessen -, sondern daß das Globusmodell für die Erde, welches auch unverzichtbarer Bestandteil des geozentrischen Weltmodells ist, einschließlich seiner Konsequenzen für die mentalen Koordinaten des geographischen Raumes des Menschen von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit cum grano salis richtig ist. 

 Die Frage nach dem daraus resultierenden räumlichen Modell, mit welchem in der Spätantike und im Mittelalter der dem Menschen verfügbare Erdraum begriffen wurde, soll in dieser Untersuchung nun aus der Perspektive der mittelalterlichen Kosmologien gelesen und rekonstruiert werden. Zudem soll darauf verzichtet werden, die Texte hinsichtlich einer Finalität, in deren Zentrum dann die Genese unseres 'modernen Weltbildes' oder die 'kopernikanische Wende' stünde, zu lesen und zu strukturieren. Vielmehr erscheint hier jeder Text als die Manifestation eines kosmologischen Wissens, welches unter dem Griffel des jeweiligen Autors in einem Prozeß von Interpretation, Verständnis, Mißverständnis und Hinzufügung neuer Kenntnisse und Hypothesen gegenüber der Tradition verändert und neu konstituiert wurde. Insgesamt zeichnet sich so der Vorgang einer fortwährenden, von allen Risiken der Lektüre und Interpretation gekennzeichneten Ver-Wendung und Anverwandlung von kosmologischem Wissen zum Zwecke der Selbstpositionierung des jeweiligen Autors in seinem Universum ab. 

 Das Organisations- und Konstruktionsmuster dieser Geschichte des Denkens ist demnach kein Prozeß mehr, welcher auf die richtige Erkenntnis der naturgegebenen, physikalischen Verhältnisse hinausliefe, sondern eher die Vorstellung eines in der Zeit sich ausbreitenden Gewebes von Lektüren und mündlich erteilten Lehren, von Interpretationen und Konstruktionen, welche sich in Texten manifestieren, die wir als schriftliches Substitut für dieses Denken nehmen. Es handelt sich um das gleichsam magmatische Volumen eines Denkens, welches wir von einer Lektüre und Interpretation zur anderen als unaufhörlich in Bewegung und Umstrukturierung befindlich verstehen können. Bei jedem Autoren zeichnen sich dabei andere Akzentsetzungen ab. Es kommt zu Erfindungen, zu Versuchen, aus anderen Wissensgebieten Strukturierungsprinzipien in das Material hereinzutragen, welchen in der Zukunft unterschiedlicher Erfolg zuteil wird, und die schließlich - auf ganz anderen Gebieten - wieder auftauchen und folgenreich sein können. 

 Durch die Zuspitzung des Materials auf die Fragen jedoch, welche der Rekonstruktion der Genealogie unseres Denkens und seiner Koordinaten dienen, würde die Geschichte des Denkens vollkommen der heutigen Perspektive unterworfen, die eigentliche Geschichte des Denkens mithin als jener schmale Grat verstanden, auf welchem sich das Denken den Weg zu der unstrittigen und niemals in Abrede gestellten Höhe der Gegenwart gebahnt hat. Tatsache jedoch ist, daß das Denken in der Geschichte viel größere Volumina aufweist, als die rekonstruierten Filiationen unseres gegenwärtigen Denkens in der Regel vermuten lassen. Die Konturierung dieser semantischen Volumina aus den Quellen soll dazu beitragen, an die Stelle einer historischen Linienführung des Denkens und seiner 'Entwicklungen', facettenreiche Konstellationen des Denkens zu setzen, aus denen die weiteren Wege in die verschiedensten Richtungen möglich sind und waren. Dabei gilt jede, auch die aus der heutigen Perspektive noch so abwegige Position als Bestandteil des historischen Volumens der Kosmologien, der im Sinne einer Geschichte, welche die mentalen Werkzeuge der Menschen als die Instrumente ihrer Denkpraxis und in Folge davon als die intellektuelle Voraussetzung ihrer irdischen Lebenspraxis beschreiben will, berücksichtigt werden muß. 

 Zudem geht es in der vorliegenden Untersuchung nicht mehr darum, einzelne Momente kosmologischer Diskurse isoliert von ihren Kontexten zu lesen und zu interpretieren, sondern durch kontextuelle Lektüren die tatsächliche geschichtliche Semantik solcher Begriffe wie orbis terrarum, occeanus etc. zu rekonstruieren. In der Tat können wir im Rahmen dieser Untersuchungen dann feststellen, daß ein Begriff wir orbis terrarum beispielsweise, der immer wieder als Beweis für die angebliche Erdscheibentheorie in Spätantike und Mittelalter genommen wird, von einigen Autoren des Mittelalters explizit als Kugel interpretiert und definiert, von anderen jedoch implizit immer so verstanden und eingesetzt wird. 

 3. Da die gesamte mittelalterliche Kosmologie praktisch ohne Ausnahme dem von Platon im Timaios (dieser Text steht seit dem 4. Jahrhundert in lateinischer Übersetzung zur Verfügung) und von Aristoteles in De Caelo und vor allem im Pseudoaristotelischen De Mundo entwickelten Modell der Schichtung der vier Elemente in vier konzentrischen Sphären folgt, bleibt es praktisch nicht aus, daß immer wieder auch die Vorstellung von der im Zentrum des Universums befindlichen sphaira, welche aus dem Element terra gebildet ist, nachgewiesen werden kann. Es kommt hinzu, daß spätestens seit dem 6. Jahrhundert eine kontinuierliche Kenntnis des Verfahrens und des Resultats der Erdumfangsmessung des Eratosthenes (4. Jahrhundert v.u.Z.) nachgewiesen werden kann. Berichte von diesem Verfahren machen keinen Sinn, ohne daß nicht zugleich die Kugelgestalt der Erde vorausgesetzt wird. Ebenso verfechten praktisch alle Kosmologen die Theorie von den Sieben Klimazonen auf der Nördlichen Hemisphäre, welche im Norden von der unbewohnbaren und eisigen Polarkappe, im Süden von der sonnenverbrannten und daher gleichfalls unbewohnbaren Äquatorzone begrenzt werden. Diese Theorie kommt jedoch ohne die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde nicht aus. Entsprechende Darstellungen, die uns aus alten Manuskripten zahlreich erhalten sind, zeigen uns planiglobe Bilder der als Kugel aufgefaßten Erde. Auf diese Weise treffen wir auf hunderte von einschlägigen Belegstellen von der Spätantike bis zum sogenannten Zeitalter der Entdeckungen, in denen die Kugelgestalt der Erde aufgrund der platonisch-aristotelischen Sphärentheorie, der verschiedenen Klimata und der Erdumfangsmessung des Eratosthenes als gesichert angenommen wird. 

 Eine Namensliste der spätantiken und mittelalterlichen Vertreter der Globustheorie kommt einer Lektüreliste zur Einführung in die mittelalterliche Philosophie gleich: Augustinus, Martianus Capella, Macrobius, Cassiodor, Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis, Hrabanus Maurus, Papst Silvester II, Notker von St. Gallen, Hermann der Lahme, Thierry de Chartres, Pierre Abélard, Hildegard von Bingen, Gautier de Châtillon, Alain de Lille, Vincent de Beauvais, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Roger Bacon, Ramon Llull, Dante Alighieri, Christine de Pizan und Geoffrey Chaucer sind nur die herausragendsten und bekanntesten Namen einer noch viel umfangreicheren Liste von Autoren, welche allesamt die Globusgestalt der Erde voraussetzen, diese erklären und teilweise die geographischen und verkehrstechnischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, erläutern. 

 4. Die wenigen Berichte hingegen von einem 'gefährlichen Weltenende am Rande des Ozeans', hier kommt vor allem Adam von Bremens Geschichte der Hamburgischen Kirche von etwa 1080 zu Wort, entpuppen sich bei genauerer und kontextueller Lektüre als mythologisch-phantastische Digressionen epischen Zuschnitts, welche in kosmologisch einschlägige Passagen über die Kugelgestalt der Erde eingebettet sind. Mithin können auch derartige Passagen nicht als beweiskräftig für die Vorstellung von der Scheibengestalt der Erde im Mittelalter herangezogen werden. Neben dem Kirchenvater Laktanz, der bemerkenswerterweise in der mittelalterlichen Kosmologie keine Rolle spielt, wohl aber in der Renaissance dann zu Recht als theologischer Ignorant in kosmologischen Fragen kritisiert wird, kann lediglich der griechisch-syrische Händler und spätere Prediger Kosmas Indikopleusthes zitiert werden, der im 6. Jahrhundert eine Topographia Christiana vorlegte, in welcher er seine eigene Erfahrung als Händler einer wortgetreuen Auslegung geographischer Passagen der Bibel opfert. Im Ergebnis entsteht das Bild eines von der Bibellektüre in seiner Bereitschaft zur Weltwahrnehmung beschränkten Mannes, der sich die Erde als einen Berg inmitten des Ozeans und diese ganze Konstruktion als den Inhalt eines der Bundeslade vergleichbaren, schachtelartigen Kosmos vorstellt. Gehört dieser Text als große Ausnahme jedoch unabweisbar zu den Möglichkeiten eines bibelbestimmten, kosmologischen Denkens im Mittelalter, so darf er dennoch nicht als paradigmatisch und repräsentativ für das kosmologische Denken im Mittelalter zitiert werden. Die erste den lateinischen Europäern zugängliche Fassung dieses Textes ist erst im 18. Jahrhundert - hier schon als mittelalterliches Kuriosum - vorgelegt worden, der Text ist mithin ohne jede Wirkung in der kosmologischen Tradition Westeuropas geblieben. 

 5. In der Regel versuchen die mittelalterlichen Kosmologen - und zwar bereits spätestens seit dem 6. Jahrhundert - die Kugelgestalt der Erde neben graphischen Darstellungen auch dadurch zu illustrieren, daß sie ihren Lesern, Schülern und Hörern Beispiele hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeit des Menschen auf diesem Erdglobus vorführen. Dabei greifen sie zunächst vorzugsweise zum Beispiel der imaginären Wanderung eines aliquis, eines den Menschen repräsentierenden jemand, vom Nordpol zum Äquator und darüber hinaus zum Südpol. Das Sinken des Polarsterns, der sich am Nordpol ja im Zenith des Betrachters befindet und der in dem Maße sich dem Horizont nähert, wie der Betrachter den Äquator erreicht, wird dabei zum Beweis für die Rundung der Erde in nord-südlicher Richtung. Für die Ost-West-Richtung dagegen wird in der Regel nur das Argument der Ungleichzeitigkeit der Himmelsereignisse zwischen Osten und Westen angeführt. Doch auch dieses ändert sich spätestens seit dem 12. Jahrhundert grundlegend: es werden Wanderungen in ost-westlicher Richtung, sogar imaginär-gedankliche Flüge in westlicher Richtung und dann schließlich seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert erste über die Säulen des Herkules hinausreichende, transatlantische westliche Seereisen erdacht, in deren Verlauf man nach der Überzeugung der Autoren ungehindert nach China und Indien gelangen könnte. Im 13. Jahrhundert folgt dann durch Roger Bacon die erste schematische Darstellung des Ozeans auf der Erdrückseite: es ist das erste Mal, daß die Entfernung zwischen Spanien im Westen und China respektive Indien im Osten als der Raum graphisch dargestellt und sinnlich erfaßt wird, welchen der Atlantische und dann der Pazifische Ozean einnehmen. 

 Es werden hier auf immer konkretere Weise die verkehrstechnischen Möglichkeiten einer auf dem Wege der westlichen Seereise zu umrundenden Erde erdacht, ein Vorgang, der deutlich für das sich herausbildende globale Bewußtsein vom Lebens- und Aktionsraum des Menschen steht. Von hierher ist es nur noch ein Schritt, bis der Verfasser einer der größten wissenschaftlichen Fiktionen des Mittelalters, nämlich John de Mandeville mit seinem imaginären Bericht von einer Weltreise (Livre des merveilles du monde, 1356) kategorisch feststellt, daß es möglich ist, unter der Voraussetzung, daß man über ein ausreichend großes Schiff und eine qualifizierte Mannschaft verfügt, die Erde in beliebiger Richtung auf dem Seewege so zu umrunden, daß man wieder an den Ausgangspunkt der Reise zurückgelangt. 

 Der erste Seefahrer, der sich dann tatsächlich mit derartigen materiellen Bedingungen für eine erfolgreiche westliche Seereise bei der spanischen Krone auszustatten verstand, war im Jahre 1492 ein genuesischer Kaufmann mit Namen Christoforo Colombo. Als er zurückkehrte, hatte er nach dem eigenen Bewußtsein und den eigenen Wahrnehmungsmustern Zipango, Japan, China oder wenigstens die diesen ostasiatischen Reichen vorgelagerten Inseln erreicht. Dieser "Riese der Renaissance und des Entdeckungszeitalters" bewegte sich noch mit dem uneingeschränkten Wissen des Mittelalters auf diesem Planeten. Seine Welt blieb auf diese Weise in seiner eigenen mentalen Repräsentation immer noch eine Welt ohne Amerika. 

 



 
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