Friedemann Pfäfflin
Facetten der Geschlechtsumwandlung
Dagmar Schmauks
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle von Artefakten beim
Geschlechtswechsel
Annette Runte
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle des Diskurses bei
der (Re-)Konstruktion von Transsexualität
Waltraud Schiffels
Autobiographie
Wunschgeschlecht als Zeichen
Marga van Mechelen
Ekelkunst als Diskurs über die Geschlechter
Mihály Riszovannij, Dagmar Schmauks
Geschlechtswechsel in der Karikatur
Facetten der Geschlechtsumwandlung
Friedemann Pfäfflin, Universität Ulm
Zusammenfassung. Obwohl es schon in früheren Epochen so etwas wie
Geschlechtswechsel gab, ist Transsexualität im spezifischen Sinne
ein junges Phänomen, dessen Geschichte etwa 100 Jahre zurückreicht.
Der vorliegende Beitrag zeichnet einige der Teilprozesse nach, die dabei
in komplexer Weise zusammenwirkten. Zum einen musste die Begrifflichkeit
der betroffenen Wissenschaften (Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaft)
verfeinert werden, um die Diskrepanz zwischen Selbsterleben und körperlichem
Erscheinungsbild angemessen beschreiben zu können. Parallel dazu wurden
die Behandlungsmöglichkeiten verbessert, so dass heute durch eine
Kombination von psychiatrisch-psychotherapeutischer Begleitung sowie hormonellen
und chirurgischen Methoden eine Geschlechtsumwandlung möglich
geworden ist, die im sozialen Umfeld überzeugend wirkt und die persönliche
Befindlichkeit verbessert. Beide Entwicklungsstränge stehen in Wechselwirkung
mit dem Selbstverständnis der Betroffenen. Die begriffsgeschichtlichen
Präzisierungen werden in einem Glossar der aktuellen Terminologie
kompakt zusammengefasst. Abschließend werden aus der Perspektive
des klinisch arbeitenden Praktikers einige technische Fragen des
sogenannten Geschlechtswechsels erörtert.
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle von
Artefakten beim Geschlechtswechsel
Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Im Gegensatz zu vielen Tierarten gehört jeder
Mensch im Standardfall konstant zu einem von zwei Geschlechtern. Im Hinblick
auf diese Geschlechter (a) differenziert jede Kultur die Zeichensysteme,
die Aussehen und Verhalten jedes Individuums regeln, und (b) legt dessen
Status in der Gesellschaft fest. Diese Differenzierungen können das
Verlangen nach einem Geschlechtswechsel motivieren. Der vorliegende Artikel
belegt zunächst anhand von Beispielen, dass der Geschlechtswechsel
nur eine der Möglichkeiten ist, die Erscheinung des Körpers gezielt
zu verändern. Diese Möglichkeiten können klassifiziert werden
anhand ihrer Motive und Methoden sowie der Dauer der Veränderung.
Auf dieser Typologie aufbauend werden Artefakte untersucht, die am Prozess
des temporären oder dauerhaften Geschlechtswechsels wesentlich beteiligt
sind. Zum einen werden alle Körperhüllen nach dem Kode des Wunschgeschlechts
gestaltet, also Haut und Haare, Schmuck, Kleidung und Wohnung. Zum anderen
kann der Körper selbst zu einem Artefakt werden, das nicht nur künstliche
Teile enthält, sondern auch als Ganzes gestaltet wird.
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle des
Diskurses bei der (Re)Konstruktion von Transsexualität
Annette Runte, Universität Gesamthochschule Siegen
Zusammenfassung. Obwohl das transsexuelle Phänomen in hohem Maße
die gesellschaftliche, insbesondere semiotische Konstruktion von Männlichkeit
und Weiblichkeit verdeutlicht, verweisen die metaphysischen Reste und Paradoxien
moderner Diskurse über medizinisch-juristische "Geschlechtskorrekturen"
auch auf deren psychodynamischen Hintergrund. Die psychoanalytisch orientierte
Analyse neuerer (auto)biographischer Textmaterialien erlaubt es, behavioristisch
fundierte Unterschiede zum klinischen Syndrom des Transvestismus zu relativieren
und die Kodierungen von Sexualität und Geschlecht auf eine Begehrenslogik
zu beziehen. Während die transsexuelle "Geschlechtsidentitätsstörung"
mit Lacans Strukturmodell der Psychose in ihrer Kontingenz begreiflich
wird, fügt sich das kollektive Imaginäre einer Grenzüberschreitung
postmodernen Tendenzen eines Spiels mit der Geschlechterdifferenz.
Autobiographie
Wunschgeschlecht als Zeichen
Waltraud Schiffels, Saarbrücken
Zusammenfassung. Die Autorin - selbst Transsexuelle - geht von der Tatsache
aus, dass das Phänomen Transsexualität nicht ausreichend beschreibbar
ist, wenn man sich auf seine medizinischen und psychologischen Aspekte
beschränkt: seine Žtiologie bleibt unklar. Ein semiotischer Ansatz
aber lässt transsexuelle Biographien recht gut verstehen. Transsexuellen
wird in frühester Kindheit das andere biologische Geschlecht zu einer
Chiffre für Befindlichkeiten, Wünsche und Notwendigkeiten, die
auszuleben in ihrem eigenen biologischen Geschlecht nicht erlaubt scheint.
Transsexualität ist auch ein Ergebnis der Verwechslung und Vermischung
von "Geschlecht" im Sinne einmal von "sexus", einmal von "genus". Geschlecht
wird Transsexuellen zum Zeichen für Merkmale, die genau genommen außerhalb
des Bereichs von Sexus und Eros liegen: Schönheit beispielsweise,
Stärke, Zärtlichkeit. Der Eingriff in die biologischen Gegebenheiten
scheint nötig, um die Rolle leben zu dürfen, die ganz als eigene
akzeptierbar scheint. Am Beispiel ihrer eigenen Biographie konkretisiert
die Autorin dieses Vorhaben und stellt weiterführende Literatur vor.
Ekelkunst als Diskurs über die Geschlechter
Marga van Mechelen, Universität Amsterdam
Zusammenfassung. In der Ekelkunst des letzten Jahrzehnts sind Körperflüssigkeiten
zu Zeichen für die Geschlechter geworden. Was diese Zeichen in der
Kunst von Frauen im einzelnen bezeichnen, ist jedoch nicht ganz klar. Der
gegenwärtigen psychosemiotischen Theorie zufolge drücken Künstlerinnen
durch Körperflüssigkeiten ihre Einstellung zum Gesetz des Vaters
und zum Körper der Mutter aus. Es wird behauptet, dass männliche
Künstler dieses Gesetz verspotten, während weibliche den mütterlichen
Körper untersuchen und prüfen, wie er vom Gesetz des Vaters unterjocht
wird. So glaubwürdig diese Erklärung auch ist, wird sie hier
für unvollständig und daher unbefriedigend gehalten. In der Ekelkunst
von Kiki Smith, Rona Pondick und Cindy Sherman zum Beispiel geht es bei
der Darstellung von Körperflüssigkeiten ebenso wie bei der Darstellung
sexuell besetzter Themen auch um die Stellung der Künstlerinnen in
der Gesellschaft. Sie kommentieren außerdem die Art, in der die Geschlechtsthematik
im Werk männlicher Künstler behandelt wird. Es wird darum dafür
plädiert, die Arbeiten von Künstlerinnen innerhalb der Ekelkunst
als eine Art Metadiskurs aufzufassen.
Geschlechtswechsel in der Karikatur
Mihály Riszovannij, Technische
Universität Berlin *
Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. In Karikaturen werden häufig männliche Politiker
als Frauen dargestellt. Ausgehend von einem begrenzten Korpus erarbeiten
die Autoren eine Typologie der auftretenden Fälle. Sie untersuchen,
welche Zeichensysteme (von der Körpersprache bis zur Kleidung) für
diese bildliche Art von Geschlechtswechsel besonders geeignet sind. Ferner
werden verschiedene Funktionen solcher Darstellungen unterschieden, die
von der Stärkung der Gruppenidentität bis zur aggressiven Verleumdung
reichen.