Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

„Geschlechtswechsel “
Jahr: 1999
Band:  21
Heft: 3 / 4

 

Friedemann Pfäfflin
Facetten der Geschlechtsumwandlung 

Dagmar Schmauks
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle von Artefakten beim Geschlechtswechsel

Annette Runte
Zeichen des Geschlechts: Die Rolle des Diskurses bei der (Re-)Konstruktion von Transsexualität

Waltraud Schiffels
Autobiographie
Wunschgeschlecht als Zeichen

Marga van Mechelen
Ekelkunst als Diskurs über die Geschlechter

Mihály Riszovannij, Dagmar Schmauks
Geschlechtswechsel in der Karikatur 
 


Facetten der Geschlechtsumwandlung

Friedemann Pfäfflin, Universität Ulm 

Zusammenfassung. Obwohl es schon in früheren Epochen so etwas wie Geschlechtswechsel gab, ist Transsexualität im spezifischen Sinne ein junges Phänomen, dessen Geschichte etwa 100 Jahre zurückreicht. Der vorliegende Beitrag zeichnet einige der Teilprozesse nach, die dabei in komplexer Weise zusammenwirkten. Zum einen musste die Begrifflichkeit der betroffenen Wissenschaften (Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaft) verfeinert werden, um die Diskrepanz zwischen Selbsterleben und körperlichem Erscheinungsbild angemessen beschreiben zu können. Parallel dazu wurden die Behandlungsmöglichkeiten verbessert, so dass heute durch eine Kombination von psychiatrisch-psychotherapeutischer Begleitung sowie hormonellen und chirurgischen Methoden  eine Geschlechtsumwandlung möglich geworden ist, die im sozialen Umfeld überzeugend wirkt und die persönliche Befindlichkeit verbessert. Beide Entwicklungsstränge stehen in Wechselwirkung mit dem Selbstverständnis der Betroffenen. Die begriffsgeschichtlichen Präzisierungen werden in einem Glossar der aktuellen Terminologie kompakt zusammengefasst. Abschließend werden aus der Perspektive des klinisch arbeitenden Praktikers einige technische Fragen  des sogenannten Geschlechtswechsels erörtert. 
 


Zeichen des Geschlechts: Die Rolle von Artefakten beim Geschlechtswechsel

Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Im Gegensatz zu vielen Tierarten gehört jeder Mensch im Standardfall konstant zu einem von zwei Geschlechtern. Im Hinblick auf diese Geschlechter (a) differenziert jede Kultur die Zeichensysteme, die Aussehen und Verhalten jedes Individuums regeln, und (b) legt dessen Status in der Gesellschaft fest. Diese Differenzierungen können das Verlangen nach einem Geschlechtswechsel motivieren. Der vorliegende Artikel belegt zunächst anhand von Beispielen, dass der Geschlechtswechsel nur eine der Möglichkeiten ist, die Erscheinung des Körpers gezielt zu verändern. Diese Möglichkeiten können klassifiziert werden anhand ihrer Motive und Methoden sowie der Dauer der Veränderung. Auf dieser Typologie aufbauend werden Artefakte untersucht, die am Prozess des temporären oder dauerhaften Geschlechtswechsels wesentlich beteiligt sind. Zum einen werden alle Körperhüllen nach dem Kode des Wunschgeschlechts gestaltet, also Haut und Haare, Schmuck, Kleidung und Wohnung. Zum anderen kann der Körper selbst zu einem Artefakt werden, das nicht nur künstliche Teile enthält, sondern auch als Ganzes gestaltet wird. 
 


Zeichen des Geschlechts: Die Rolle des Diskurses bei der (Re)Konstruktion von Transsexualität

Annette Runte, Universität Gesamthochschule Siegen 

Zusammenfassung. Obwohl das transsexuelle Phänomen in hohem Maße die gesellschaftliche, insbesondere semiotische Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit verdeutlicht, verweisen die metaphysischen Reste und Paradoxien moderner Diskurse über medizinisch-juristische "Geschlechtskorrekturen" auch auf deren psychodynamischen Hintergrund. Die psychoanalytisch orientierte Analyse neuerer (auto)biographischer Textmaterialien erlaubt es, behavioristisch fundierte Unterschiede zum klinischen Syndrom des Transvestismus zu relativieren und die Kodierungen von Sexualität und Geschlecht auf eine Begehrenslogik zu beziehen. Während die transsexuelle "Geschlechtsidentitätsstörung" mit Lacans Strukturmodell der Psychose in ihrer Kontingenz begreiflich wird, fügt sich das kollektive Imaginäre einer Grenzüberschreitung postmodernen Tendenzen eines Spiels mit der Geschlechterdifferenz. 
 


Autobiographie
Wunschgeschlecht als Zeichen

Waltraud Schiffels, Saarbrücken 

Zusammenfassung. Die Autorin - selbst Transsexuelle - geht von der Tatsache aus, dass das Phänomen Transsexualität nicht ausreichend beschreibbar ist, wenn man sich auf seine medizinischen und psychologischen Aspekte beschränkt: seine Žtiologie bleibt unklar. Ein semiotischer Ansatz aber lässt transsexuelle Biographien recht gut verstehen. Transsexuellen wird in frühester Kindheit das andere biologische Geschlecht zu einer Chiffre für Befindlichkeiten, Wünsche und Notwendigkeiten, die auszuleben in ihrem eigenen biologischen Geschlecht nicht erlaubt scheint. Transsexualität ist auch ein Ergebnis der Verwechslung und Vermischung von "Geschlecht" im Sinne einmal von "sexus", einmal von "genus". Geschlecht wird Transsexuellen zum Zeichen für Merkmale, die genau genommen außerhalb des Bereichs von Sexus und Eros liegen: Schönheit beispielsweise, Stärke, Zärtlichkeit. Der Eingriff in die biologischen Gegebenheiten scheint nötig, um die Rolle leben zu dürfen, die ganz als eigene akzeptierbar scheint. Am Beispiel ihrer eigenen Biographie konkretisiert die Autorin dieses Vorhaben und stellt weiterführende Literatur vor. 
 


Ekelkunst als Diskurs über die Geschlechter

Marga van Mechelen, Universität Amsterdam 

Zusammenfassung. In der Ekelkunst des letzten Jahrzehnts sind Körperflüssigkeiten zu Zeichen für die Geschlechter geworden. Was diese Zeichen in der Kunst von Frauen im einzelnen bezeichnen, ist jedoch nicht ganz klar. Der gegenwärtigen psychosemiotischen Theorie zufolge drücken Künstlerinnen durch Körperflüssigkeiten ihre Einstellung zum Gesetz des Vaters und zum Körper der Mutter aus. Es wird behauptet, dass männliche Künstler dieses Gesetz verspotten, während weibliche den mütterlichen Körper untersuchen und prüfen, wie er vom Gesetz des Vaters unterjocht wird. So glaubwürdig diese Erklärung auch ist, wird sie hier für unvollständig und daher unbefriedigend gehalten. In der Ekelkunst von Kiki Smith, Rona Pondick und Cindy Sherman zum Beispiel geht es bei der Darstellung von Körperflüssigkeiten ebenso wie bei der Darstellung sexuell besetzter Themen auch um die Stellung der Künstlerinnen in der Gesellschaft. Sie kommentieren außerdem die Art, in der die Geschlechtsthematik im Werk männlicher Künstler behandelt wird. Es wird darum dafür plädiert, die Arbeiten von Künstlerinnen innerhalb der Ekelkunst als eine Art Metadiskurs aufzufassen. 
 


Geschlechtswechsel in der Karikatur

Mihály Riszovannij, Technische Universität Berlin * 
Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. In Karikaturen werden häufig männliche Politiker als Frauen dargestellt. Ausgehend von einem begrenzten Korpus erarbeiten die Autoren eine Typologie der auftretenden Fälle. Sie untersuchen, welche Zeichensysteme (von der Körpersprache bis zur Kleidung) für diese bildliche Art von Geschlechtswechsel besonders geeignet sind. Ferner werden verschiedene Funktionen solcher Darstellungen unterschieden, die von der Stärkung der Gruppenidentität bis zur aggressiven Verleumdung reichen. 
 

 


 
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