Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Kommunikation in Straßenverkehr
Jahr: 1995
Band:  17
Heft: 1 / 2

 

Hardarik Blühdorn
Autoaufkleber: Die Mimik auf der Blechkarosse

Gerard J. van den Broek
Fußgänger im Zeichendschungel der Stadt

Robert E. Dewar
Verkehrsschilder: Forschungsstand und Verbesserungsmöglichkeiten

Klaus Frerichs
Der Winker und das Winken: Ein zeichenphänomenologischer Passus in Martin Heideggers Sein und Zeit

Jørgen Dines Johansen
Verkehrsampeln: Paradigma und Testfall der Zeichentheorie

Sabine Kowal, Daniel O’Connell, Roland Posner
Der prototypische Fußgänger: Zum Menschenbild der amtlichen Verkehrszeichen

Martin Krampen
Zur Geschichte der amtlichen Verkehrszeichen

Eike von Savigny
Autofahrerzeichen: Funktion, System, Autonomie

Dagmar Schmauks
Die semiotische Struktur der Wagenstandsanzeiger von Zügen auf deutschen Bahnhöfen

Romuald von Tomkewitsch
Individuelle dynamische Verkehrsleitung: Funktionsweise, Aufgaben und Nutzen

Vilmos Voigt
Vergleichende Verkehrssemiotik: Zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der Kommunikation im Straßenverkehr
 


Autoaufkleber: Die Mimik auf der Blechkarosse

Hardarik Blühdorn, Universität São Paulo 

Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag untersucht Autoaufkleber als Kommunikationsmittel im Straßenverkehr unter wirtschaftlicher, technologischer und semiotischer Perspektive. Am Straßenverkehr wirken Teilnehmer erster Ordnung (Personen) mit, die Teilnehmer zweiter Ordnung (z.B. Autos) im Rahmen von Teilnehmern dritter Ordnung (z.B. Autokolonnen) über die Straßen dirigieren. Diese Struktur erzeugt typische Kommunikationsbeschränkungen, die durch den Einsatz ebenenspezifischer mimischer, gestischer und posturaler Zeichen überwunden werden. Autoaufkleber werden als mimische Zeichen zweiter Ordnung behandelt, die zur Diversifizierung der Verkehrskommunikation dienen. Analysiert werden ihre zentralen Themen, ihre Darstellungsweisen und ihre Kommunikationsfunktionen. 
 


Fußgänger im Zeichendschungel der Stadt

Gerard J. van den Broek, De Voetgangersvereniging, Den Haag 

Zusammenfassung. Die Zahl und Häufigkeit der Verkehrszeichen, auf denen der Mensch als ’ungefiederter Zweibeiner’ auftritt, ist beträchtlich, und dies legt den Schluß nahe, es gebe verläßliche Regelungen, die diesen schwächsten und langsamsten Verkehrsteilnehmer leiten und beschützen. Doch weit gefehlt! Der ungefiederte Zweibeiner fällt jedes Jahr zu Hunderten dem menschenfressenden Moloch Straße zum Opfer. Der vorliegende Beitrag untersucht die Art und Weise, wie die gültigen Verkehrszeichen auf den Fußgänger hinweisen, und macht Verbesserungsvorschläge, damit dieser ohne Gefahr für Leib und Leben seinen Zielort sicher erreicht. 
 


Verkehrsschilder: Forschungsstand und Verbesserungsmöglichkeiten

Robert E. Dewar, Universität von Calgary 

Zusammenfassung. Autofahrern auf den heutigen dichtbefahrenen, komplizierten Schnellstraßen gelingt es oft nicht, die Verkehrsschilder rechtzeitig zu lesen und zu verstehen, um auf die gegebenen Informationen sicher reagieren zu können. Zu deren effektiver Mitteilung muß ein Verkehrsschild gut sichtbar sein, die Aufmerksamkeit auf sich lenken, schon bei kurzem Hinsehen aus angemessener Entfernung lesbar sein sowie leicht und schnell verstanden werden. Viele der gängigen Zeichen erfüllen diese Kriterien nicht. Zur Übermittlung von Informationen über den spezifischen Zeicheninhalt hinaus werden weitgehend Form- und Farbkodes benutzt (in Europa z.B. rot-weiße, dreieckige Warnschilder, in Nordamerika rechteckige, grüne Hinweiszeichen), doch viele Fahrer verstehen diese Kodes nicht. Auch Piktogramme finden weltweite Anwendung. Sie haben gegenüber Wortzeichen einige Vorteile: sie sind aus der Entfernung und unter schlechten Sichtverhältnissen leichter lesbar, werden schneller verstanden und dies auch von Fahrern, die die einheimische Sprache nicht lesen können. Doch haben genauere Untersuchungen ergeben, daß auch viele Piktogramme unzulänglich gestaltet sind und nicht gut verstanden werden. Im folgenden werden einige Methoden der Gestaltung und Bewertung von Verkehrsschildern beschrieben. Aktuelle Fragen der Verkehrszeichenforschung betreffen die notwendige Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Bewertungsmethoden, die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit älterer Fahrer sowie die gründlichere Ermittlung der fahrerseitigen Informationsverarbeitungsschwächen im Zusammenhang mit der Gestaltung und Verwendung von Verkehrsschildern. 
 


Der Winker und das Winken: Ein zeichenphänomenologischer Passus in Martin Heideggers Sein und Zeit

Klaus Frerichs, Arbeitsstelle für Semiotik Berlin, Außenstelle Buxtehude 

Zusammenfassung. Der Richtungswechsel beim Fahren wurde früher gar nicht, dann bei zunehmendem Straßenverkehr gelegentlich durch Herausstrecken eines Armes und erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig durch Betätigung eines metallenen Winkers angezeigt, der seit der Jahrhundertmitte durch einen Blinker ersetzt wurde. Der vorliegende Beitrag diskutiert die phänomenologische Analyse der Richtungsanzeiger in Heideggers Sein und Zeit (1927). Heidegger unterscheidet zwischen Zeug im allgemeinen, Zeigzeug und Fahrzeug; er legt dar, daß die semiotische Funktion des Winkers als Zeigzeug eine kontextabhängige Spezialisierung der Funktion des Armausstreckens ist, und weist nach, daß die Kodierung des Winkers (und des Blinkers) als Zeigzeug nur im Rahmen seiner Beziehung zu Fahrzeug, Straße und Fahrweise möglich war. 
 


Verkehrsampeln: Paradigma und Testfall der Zeichentheorie

Jørgen Dines Johansen, Universität Odense 

Zusammenfassung. Der Verfasser referiert und diskutiert Hjelmslevs klassische strukturalistische Analyse der Verkehrsampel als eines eingeschränkt verwendbaren Kodes, der gleichwohl die grundlegende Struktur jeder Sprache aufweist. Er kritisiert Hjelmslevs Ansatz wegen seiner übermäßigen Abstraktionen und führt folgende Faktoren wieder in die Diskussion ein: den Zweck der Verkehrsampel, der die Modalität ihrer Botschaften bestimmt; den vorausgesetzten Sender und die tatsächliche Verkehrsverwaltung; die vorausgesetzten Adressaten und die wirklichen Verkehrsteilnehmer; das vorausgesetzte Objekt und die wirklichen Botschaften; die logischen Interpretanten und die tatsächlichen Handlungen der Autofahrer; die Kotexte der Verkehrsampel in einem Ampelsystem an einer Straßenkreuzung; den Kontextraum der Verkehrsampel und den Straßenbereich, in dem sie befolgt werden muß; und schließlich die historische Entwicklung der Verkehrsampeln und die Perspektiven für ihre Veränderung in der Zukunft. Diese Faktoren werden vom Verfasser als Argumente dafür angesehen, Hjelmslevs theoretischen Ansatz durch den von Peirce zu ersetzen und die Verkehrsampel als Beispiel für eine kulturelle Semiose zu behandeln, die der kollektiven Kommunikation dient. 
 


Der prototypische Fußgänger: Zum Menschenbild der amtlichen Verkehrszeichen

Sabine Kowal, Daniel O’Connell und Roland Posner, Technische Universität Berlin und Georgetown University 

Zusammenfassung. Auf Verkehrszeichen werden Abbildungen von Menschen verwendet, die verschiedene Rollen im Straßenverkehr haben (z.B. Fußgänger, Reiter, Straßenarbeiter). Diese bildlichen Darstellungen von Menschen können jedoch, selbst wenn sie schematisch sind, zusätzliche Informationen über Merkmale wie Geschlecht, Alter und Temperament enthalten. Zur empirischen Überprüfung solcher konnotativer Bedeutungen wurde ein Experiment durchgeführt. Vier Dias von europäischen Fußgängerzeichen (Österreich, früheres Jugoslawien, Italien, Frankreich) wurden deutschen und amerikanischen Versuchspersonen gezeigt. Wie erwartet beeinflußte der Grad der Schematisierung des Fußgängerzeichens die angegebenen konnotativen Bedeutungen. Nach den Aussagen der Versuchspersonen handelt es sich bei dem prototypischen oder unmarkierten Fußgänger um einen Mann der Mittelschicht im Alter zwischen 21 und 40 Jahren. 
 


Zur Geschichte der amtlichen Verkehrszeichen

Martin Krampen, Hochschule der Künste, Berlin 

Zusammenfassung. Das gegenwärtige System der europäischen Straßenverkehrszeichen ist ein gut ausgebauter visueller Kode, der innerhalb nur eines Jahrhunderts entstanden ist. Bestimmend für seine Geschichte waren sowohl externe Faktoren wie die technische Entwicklung des Kraftfahrzeugbaus und des Straßenbaus als auch interne Faktoren wie die Tendenzen zur Semiotisierung, Ikonisierung, Schematisierung und Differenzierung. Die vorliegende Untersuchung beschreibt die Stadien dieser Entwicklung auf der Grundlage der fünf internationalen Konventionen über Verkehrszeichen, die zwischen 1909 und 1968 beschlossen wurden. 
 


Autofahrerzeichen: Funktion, System, Autonomie

Eike von Savigny, Universität Bielefeld 

Zusammenfassung. Die Teilnehmer am Straßenverkehr in Deutschland benutzen ein nichtverbales Kommunikationssystem. Es hat die Funktion, den Verkehr in solchen Fällen flüssiger und sicherer zu machen, wo die Verkehrsregeln noch Spielraum lassen. Die benutzten Zeichen und die Bedeutungen haben sich in einem natürlichen Prozeß entwickelt und werden wie eine natürliche Sprache im Gebrauch gelernt. Die Regeln lassen sich in Form einer Semantik und einer Pragmatik vollständig angeben; die Beschreibung macht verständlich, wieso bei sehr kleinem Zeicheninventar der Ausdrucksreichtum doch enorm ist. Es ist wahrscheinlich, daß neu auftretende Verständigungsbedürfnisse eher durch naturwüchsige Weiterentwicklung des Systems befriedigt werden als durch Propagieren neuer Zeichen; die Resistenz gegenüber Versuchen zur Normierung von außen dürfte beträchtlich sein. 
 


Die semiotische Struktur der Wagenstandsanzeiger von Zügen auf deutschen Bahnhöfen

Dagmar Schmauks, Universität des Saarlandes, Saarbrücken 

Zusammenfassung. Dieser Beitrag analysiert das Zeichensystem, mit dem die Deutsche Bahn die Zusammensetzung (Zahl, Art und Ausstattung der Waggons) ihrer Züge anzeigt. Die Struktur des Bahnhofs mit der Bahnhofshalle und den Bahnsteigen, die ihrerseits in verschiedene Abschnitte gegliedert sind, und die Suche nach einem reservierten Sitzplatz in einem gegebenen Waggon stellen die Reisenden vor komplizierte Orientierungaufgaben. Deren Erfüllung ist nur möglich aufgrund einer allgemeinen Medienkompetenz und hochdifferenzierten Vorwissens über die mögliche Arbeitsteilung von ikonischen, indexikalischen und symbolischen Zeichen in topographischen Diagrammen. Derartiges Wissen wird hier in seinen Einzelheiten vorgestellt. 
 


Individuelle dynamische Verkehrsleitung: Funktionsweise, Aufgaben und Nutzen

Romuald von Tomkewitsch, Siemens AG München 

Zusammenfassung. Die Evolution hat die Menschen mit einem Wahrnehmungs- und Orientierungsvermögen ausgestattet, das für eine Bewegung als Läufer oder Reiter durch Wald und Flur ausreicht, nicht aber für die sichere Führung schneller Fahrzeuge durch überfüllte Straßennetze. Verkehrszeichen, Lichtsignalanlagen, Wegweiser dienen der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit, können aber nur unvollkommene Orientierungshilfen bieten und werden allzu leicht übersehen. Als Ergänzung benötigt man die individuelle Leittechnik. Diese muß als Komponente eines universellen Verkehrsmanagements zur Minimierung der Umweltbelastung, des Energie-, Flächen- und Zeitverbrauchs aufgefaßt werden. Für die Anpassung an sich schnell verändernde Verkehrssituationen sind eine fahrzeugseitige Verkehrsdatenerfassung und eine zentralenseitige dreidimensionale Routenoptimierung erforderlich, mit der Tageszeit als dritter Dimension. Auch Road Pricing, als Bestandteil eines universellen Verkehrsmanagements, kann zu einem wirksamen Mittel gegen den drohenden Verkehrsinfarkt, zur Fahrkostensenkung beim Gütennahverkahr und zur Verlagerung des Personennahverkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel ausgebaut werden. 
 


Vergleichende Verkehrssemiotik: Zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der Kommunikation im Straßenverkehr

Vilmos Voigt, Loránd-Eötvös-Universität, Budapest 

Zusammenfassung. Dieser abschließende Beitrag skizziert die Forschungsgeschichte der Verkehrssemiotik ausgehend von den theoriegeleiteten Untersuchungen von Hjelmslev, Jakobson, Zaliznjak, Prieto, Mounin, Studnicki, Zawadowski, Krampen und von Savigny. Es wird plädiert für eine stärker vergleichend und kulturhistorisch ausgerichtete verkehrssemiotische Forschung, die der enormen Komplexität der Kommunikation im Straßenverkehr besser Rechnung tragen könnte. Auch das Funktionieren der amtlichen Straßenverkehrszeichen ist, wie gezeigt wird, am besten durch deren Einbettung in die Semiosphäre der Gesamtkultur zu erklären. 
 

 


 
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