Hardarik Blühdorn
Autoaufkleber: Die Mimik auf der Blechkarosse
Gerard J. van den Broek
Fußgänger im Zeichendschungel der Stadt
Robert E. Dewar
Verkehrsschilder: Forschungsstand und Verbesserungsmöglichkeiten
Klaus Frerichs
Der Winker und das Winken: Ein zeichenphänomenologischer
Passus in Martin Heideggers Sein und Zeit
Jørgen Dines Johansen
Verkehrsampeln: Paradigma und Testfall der Zeichentheorie
Sabine Kowal, Daniel O’Connell, Roland Posner
Der prototypische Fußgänger: Zum Menschenbild
der amtlichen Verkehrszeichen
Martin Krampen
Zur Geschichte der amtlichen Verkehrszeichen
Eike von Savigny
Autofahrerzeichen: Funktion, System, Autonomie
Dagmar Schmauks
Die semiotische Struktur der Wagenstandsanzeiger von
Zügen auf deutschen Bahnhöfen
Romuald von Tomkewitsch
Individuelle dynamische Verkehrsleitung: Funktionsweise,
Aufgaben und Nutzen
Vilmos Voigt
Vergleichende Verkehrssemiotik: Zur Geschichte der Auseinandersetzung
mit der Kommunikation im Straßenverkehr
Autoaufkleber: Die Mimik auf der Blechkarosse
Hardarik Blühdorn, Universität São Paulo
Zusammenfassung. Der vorliegende Beitrag untersucht Autoaufkleber als
Kommunikationsmittel im Straßenverkehr unter wirtschaftlicher, technologischer
und semiotischer Perspektive. Am Straßenverkehr wirken Teilnehmer
erster Ordnung (Personen) mit, die Teilnehmer zweiter Ordnung (z.B. Autos)
im Rahmen von Teilnehmern dritter Ordnung (z.B. Autokolonnen) über
die Straßen dirigieren. Diese Struktur erzeugt typische Kommunikationsbeschränkungen,
die durch den Einsatz ebenenspezifischer mimischer, gestischer und posturaler
Zeichen überwunden werden. Autoaufkleber werden als mimische Zeichen
zweiter Ordnung behandelt, die zur Diversifizierung der Verkehrskommunikation
dienen. Analysiert werden ihre zentralen Themen, ihre Darstellungsweisen
und ihre Kommunikationsfunktionen.
Fußgänger im Zeichendschungel
der Stadt
Gerard J. van den Broek, De Voetgangersvereniging, Den Haag
Zusammenfassung. Die Zahl und Häufigkeit der Verkehrszeichen, auf
denen der Mensch als ’ungefiederter Zweibeiner’ auftritt, ist beträchtlich,
und dies legt den Schluß nahe, es gebe verläßliche Regelungen,
die diesen schwächsten und langsamsten Verkehrsteilnehmer leiten und
beschützen. Doch weit gefehlt! Der ungefiederte Zweibeiner fällt
jedes Jahr zu Hunderten dem menschenfressenden Moloch Straße zum
Opfer. Der vorliegende Beitrag untersucht die Art und Weise, wie die gültigen
Verkehrszeichen auf den Fußgänger hinweisen, und macht Verbesserungsvorschläge,
damit dieser ohne Gefahr für Leib und Leben seinen Zielort sicher
erreicht.
Verkehrsschilder: Forschungsstand und
Verbesserungsmöglichkeiten
Robert E. Dewar, Universität von Calgary
Zusammenfassung. Autofahrern auf den heutigen dichtbefahrenen, komplizierten
Schnellstraßen gelingt es oft nicht, die Verkehrsschilder rechtzeitig
zu lesen und zu verstehen, um auf die gegebenen Informationen sicher reagieren
zu können. Zu deren effektiver Mitteilung muß ein Verkehrsschild
gut sichtbar sein, die Aufmerksamkeit auf sich lenken, schon bei kurzem
Hinsehen aus angemessener Entfernung lesbar sein sowie leicht und schnell
verstanden werden. Viele der gängigen Zeichen erfüllen diese
Kriterien nicht. Zur Übermittlung von Informationen über den
spezifischen Zeicheninhalt hinaus werden weitgehend Form- und Farbkodes
benutzt (in Europa z.B. rot-weiße, dreieckige Warnschilder, in Nordamerika
rechteckige, grüne Hinweiszeichen), doch viele Fahrer verstehen diese
Kodes nicht. Auch Piktogramme finden weltweite Anwendung. Sie haben gegenüber
Wortzeichen einige Vorteile: sie sind aus der Entfernung und unter schlechten
Sichtverhältnissen leichter lesbar, werden schneller verstanden und
dies auch von Fahrern, die die einheimische Sprache nicht lesen können.
Doch haben genauere Untersuchungen ergeben, daß auch viele Piktogramme
unzulänglich gestaltet sind und nicht gut verstanden werden. Im folgenden
werden einige Methoden der Gestaltung und Bewertung von Verkehrsschildern
beschrieben. Aktuelle Fragen der Verkehrszeichenforschung betreffen die
notwendige Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Bewertungsmethoden,
die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit älterer Fahrer sowie
die gründlichere Ermittlung der fahrerseitigen Informationsverarbeitungsschwächen
im Zusammenhang mit der Gestaltung und Verwendung von Verkehrsschildern.
Der Winker und das Winken: Ein zeichenphänomenologischer
Passus in Martin Heideggers Sein und Zeit
Klaus Frerichs, Arbeitsstelle für Semiotik Berlin, Außenstelle
Buxtehude
Zusammenfassung. Der Richtungswechsel beim Fahren wurde früher
gar nicht, dann bei zunehmendem Straßenverkehr gelegentlich durch
Herausstrecken eines Armes und erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig
durch Betätigung eines metallenen Winkers angezeigt, der seit der
Jahrhundertmitte durch einen Blinker ersetzt wurde. Der vorliegende Beitrag
diskutiert die phänomenologische Analyse der Richtungsanzeiger in
Heideggers Sein und Zeit (1927). Heidegger unterscheidet zwischen Zeug
im allgemeinen, Zeigzeug und Fahrzeug; er legt dar, daß die semiotische
Funktion des Winkers als Zeigzeug eine kontextabhängige Spezialisierung
der Funktion des Armausstreckens ist, und weist nach, daß die Kodierung
des Winkers (und des Blinkers) als Zeigzeug nur im Rahmen seiner Beziehung
zu Fahrzeug, Straße und Fahrweise möglich war.
Verkehrsampeln: Paradigma und Testfall
der Zeichentheorie
Jørgen Dines Johansen, Universität Odense
Zusammenfassung. Der Verfasser referiert und diskutiert Hjelmslevs klassische
strukturalistische Analyse der Verkehrsampel als eines eingeschränkt
verwendbaren Kodes, der gleichwohl die grundlegende Struktur jeder Sprache
aufweist. Er kritisiert Hjelmslevs Ansatz wegen seiner übermäßigen
Abstraktionen und führt folgende Faktoren wieder in die Diskussion
ein: den Zweck der Verkehrsampel, der die Modalität ihrer Botschaften
bestimmt; den vorausgesetzten Sender und die tatsächliche Verkehrsverwaltung;
die vorausgesetzten Adressaten und die wirklichen Verkehrsteilnehmer; das
vorausgesetzte Objekt und die wirklichen Botschaften; die logischen Interpretanten
und die tatsächlichen Handlungen der Autofahrer; die Kotexte der Verkehrsampel
in einem Ampelsystem an einer Straßenkreuzung; den Kontextraum der
Verkehrsampel und den Straßenbereich, in dem sie befolgt werden muß;
und schließlich die historische Entwicklung der Verkehrsampeln und
die Perspektiven für ihre Veränderung in der Zukunft. Diese Faktoren
werden vom Verfasser als Argumente dafür angesehen, Hjelmslevs theoretischen
Ansatz durch den von Peirce zu ersetzen und die Verkehrsampel als Beispiel
für eine kulturelle Semiose zu behandeln, die der kollektiven Kommunikation
dient.
Der prototypische Fußgänger:
Zum Menschenbild der amtlichen Verkehrszeichen
Sabine Kowal, Daniel O’Connell und Roland Posner,
Technische Universität Berlin und Georgetown University
Zusammenfassung. Auf Verkehrszeichen werden Abbildungen von Menschen
verwendet, die verschiedene Rollen im Straßenverkehr haben (z.B.
Fußgänger, Reiter, Straßenarbeiter). Diese bildlichen
Darstellungen von Menschen können jedoch, selbst wenn sie schematisch
sind, zusätzliche Informationen über Merkmale wie Geschlecht,
Alter und Temperament enthalten. Zur empirischen Überprüfung
solcher konnotativer Bedeutungen wurde ein Experiment durchgeführt.
Vier Dias von europäischen Fußgängerzeichen (Österreich,
früheres Jugoslawien, Italien, Frankreich) wurden deutschen und amerikanischen
Versuchspersonen gezeigt. Wie erwartet beeinflußte der Grad der Schematisierung
des Fußgängerzeichens die angegebenen konnotativen Bedeutungen.
Nach den Aussagen der Versuchspersonen handelt es sich bei dem prototypischen
oder unmarkierten Fußgänger um einen Mann der Mittelschicht
im Alter zwischen 21 und 40 Jahren.
Zur Geschichte der amtlichen Verkehrszeichen
Martin Krampen, Hochschule der Künste, Berlin
Zusammenfassung. Das gegenwärtige System der europäischen
Straßenverkehrszeichen ist ein gut ausgebauter visueller Kode, der
innerhalb nur eines Jahrhunderts entstanden ist. Bestimmend für seine
Geschichte waren sowohl externe Faktoren wie die technische Entwicklung
des Kraftfahrzeugbaus und des Straßenbaus als auch interne Faktoren
wie die Tendenzen zur Semiotisierung, Ikonisierung, Schematisierung und
Differenzierung. Die vorliegende Untersuchung beschreibt die Stadien dieser
Entwicklung auf der Grundlage der fünf internationalen Konventionen
über Verkehrszeichen, die zwischen 1909 und 1968 beschlossen wurden.
Autofahrerzeichen: Funktion, System,
Autonomie
Eike von Savigny, Universität Bielefeld
Zusammenfassung. Die Teilnehmer am Straßenverkehr in Deutschland
benutzen ein nichtverbales Kommunikationssystem. Es hat die Funktion, den
Verkehr in solchen Fällen flüssiger und sicherer zu machen, wo
die Verkehrsregeln noch Spielraum lassen. Die benutzten Zeichen und die
Bedeutungen haben sich in einem natürlichen Prozeß entwickelt
und werden wie eine natürliche Sprache im Gebrauch gelernt. Die Regeln
lassen sich in Form einer Semantik und einer Pragmatik vollständig
angeben; die Beschreibung macht verständlich, wieso bei sehr kleinem
Zeicheninventar der Ausdrucksreichtum doch enorm ist. Es ist wahrscheinlich,
daß neu auftretende Verständigungsbedürfnisse eher durch
naturwüchsige Weiterentwicklung des Systems befriedigt werden als
durch Propagieren neuer Zeichen; die Resistenz gegenüber Versuchen
zur Normierung von außen dürfte beträchtlich sein.
Die semiotische Struktur der Wagenstandsanzeiger
von Zügen auf deutschen Bahnhöfen
Dagmar Schmauks, Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Zusammenfassung. Dieser Beitrag analysiert das Zeichensystem, mit dem
die Deutsche Bahn die Zusammensetzung (Zahl, Art und Ausstattung der Waggons)
ihrer Züge anzeigt. Die Struktur des Bahnhofs mit der Bahnhofshalle
und den Bahnsteigen, die ihrerseits in verschiedene Abschnitte gegliedert
sind, und die Suche nach einem reservierten Sitzplatz in einem gegebenen
Waggon stellen die Reisenden vor komplizierte Orientierungaufgaben. Deren
Erfüllung ist nur möglich aufgrund einer allgemeinen Medienkompetenz
und hochdifferenzierten Vorwissens über die mögliche Arbeitsteilung
von ikonischen, indexikalischen und symbolischen Zeichen in topographischen
Diagrammen. Derartiges Wissen wird hier in seinen Einzelheiten vorgestellt.
Individuelle dynamische Verkehrsleitung:
Funktionsweise, Aufgaben und Nutzen
Romuald von Tomkewitsch, Siemens AG München
Zusammenfassung. Die Evolution hat die Menschen mit einem Wahrnehmungs-
und Orientierungsvermögen ausgestattet, das für eine Bewegung
als Läufer oder Reiter durch Wald und Flur ausreicht, nicht aber für
die sichere Führung schneller Fahrzeuge durch überfüllte
Straßennetze. Verkehrszeichen, Lichtsignalanlagen, Wegweiser dienen
der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit, können aber nur unvollkommene
Orientierungshilfen bieten und werden allzu leicht übersehen. Als
Ergänzung benötigt man die individuelle Leittechnik. Diese muß
als Komponente eines universellen Verkehrsmanagements zur Minimierung der
Umweltbelastung, des Energie-, Flächen- und Zeitverbrauchs aufgefaßt
werden. Für die Anpassung an sich schnell verändernde Verkehrssituationen
sind eine fahrzeugseitige Verkehrsdatenerfassung und eine zentralenseitige
dreidimensionale Routenoptimierung erforderlich, mit der Tageszeit als
dritter Dimension. Auch Road Pricing, als Bestandteil eines universellen
Verkehrsmanagements, kann zu einem wirksamen Mittel gegen den drohenden
Verkehrsinfarkt, zur Fahrkostensenkung beim Gütennahverkahr und zur
Verlagerung des Personennahverkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel
ausgebaut werden.
Vergleichende Verkehrssemiotik: Zur Geschichte
der Auseinandersetzung mit der Kommunikation im Straßenverkehr
Vilmos Voigt, Loránd-Eötvös-Universität,
Budapest
Zusammenfassung. Dieser abschließende Beitrag skizziert die Forschungsgeschichte
der Verkehrssemiotik ausgehend von den theoriegeleiteten Untersuchungen
von Hjelmslev, Jakobson, Zaliznjak, Prieto, Mounin, Studnicki, Zawadowski,
Krampen und von Savigny. Es wird plädiert für eine stärker
vergleichend und kulturhistorisch ausgerichtete verkehrssemiotische Forschung,
die der enormen Komplexität der Kommunikation im Straßenverkehr
besser Rechnung tragen könnte. Auch das Funktionieren der amtlichen
Straßenverkehrszeichen ist, wie gezeigt wird, am besten durch deren
Einbettung in die Semiosphäre der Gesamtkultur zu erklären.