Horst Dölvers
Rivalisierende Diskurse in Text und Bild
Gunter Gebauer
Konzepte der Mimesis zwischen Platon und Derrida
Klaus W. Hempfer
Diskursmaximen des Poststrukturalismus
Georgij Pocheptsov
Neuere Überlegungen Lotmans zur Zeichendynamik
Roland Posner
Semiotik diesseits und jenseits des Strukturalismus:
Zum Verhältnis von Moderne und Postmoderne, Strukturalismus und Poststrukturalismus
Peter Rusterholz
Über die (Un-)Interpretierbarkeit literarischer
Texte
Adelhard Scheffczyk
Dekonstruktion von Erfahrung, Ich und Historie: Zur Vorgeschichte
des Poststrukturalismus im 19. Jahrhundert
Thomas Sparr
Poetik nach dem Strukturalismus: Derrida, de Man, Szondi
Rivalisierende Diskurse in Text und Bild
Horst Dölvers, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Das Handwerk der literarischen Interpretation ist noch
weitgehend von den romantischen Annahmen der Einheit und organischen Form
des künstlerischen Textes bestimmt und versucht, Erzählungen
als Verkörperungen einer sie durchdringenden Wahrheit mittels hierarchisierter
Wirklichkeitsabsichten, eines auktorialen Ethos, zu bestimmen. Die vorliegende
Arbeit entwikkelt demgegenüber ein Vokabular, mit dessen Hilfe Brüche,
Diskontinuitäten und Widersprüche auf verschiedenen Ebenen innerhalb
von Texten und im Wechselspiel zwischen Texten und ihren Illustrationen
beschrieben werden können. Im Anschluß an Foucault, Pêcheux,
Rorty und J. Hillis Miller wird der Beherrschung des Textes durch eine
einzige Sinnzuweisung der Begriff der Austauschbarkeit der Diskurse entgegengestellt
und so operationalisiert, daß er als Mittel der Textbeschreibung
in den Bereichen der Wortsemantik, der Charakter- und Plotkonstruktion
und der vielfältigen Beziehungen zwischen Text und Bild dienen kann.
Unter Annahme der Thesen Hillis Millers wird gezeigt, wie Illustrationen
selbst zwischen einer Vielzahl sich gegenseitig auslöschender Referenzbeziehungen
oszillieren. Schließlich werden die dicht an Text und Bild entwickelten
Beschreibungsbegriffe innerhalb einer Lesart der Peirceschen Semiotik systematisch
rekonstruiert.
Konzepte der Mimesis zwischen Platon
und Derrida
Gunter Gebauer, Freie Universität Berlin
Zusammenfassung. Der Terminus mimesis (’Nachahmung’) bezeichnete schon
im klassischen Griechenland nicht nur die Nachahmung von menschlichen oder
tierischen Äußerungen, sondern auch die Nachahmung der Personen
und Sachen selbst. In dieser Bedeutung spielte der Mimesisbegriff in der
Ideengeschichte des Abendlandes eine zentrale Rolle. Platon prangerte den
täuschenden Charakter des schönen Scheins an, der beim Nachahmen
der Ideen erzeugt wird. Aristoteles betonte die Möglichkeit zur Abweichung
vom Nachgeahmten durch die Universalisierung seiner individuellen Züge
und durch ihre kathartische Organisation. Das Mittelalter brachte in der
Form der Nachfolge Christi den sozialen Aspekt der Mimesis zur Geltung.
Die Renaissance stellte die Mimesis in den Dienst der Repräsentanz
politischer Macht durch bildliche Überhöhung und historische
Kontextualisierung der Taten der politischen Herrscher. Im bürgerlichen
Zeitalter diente die Mimesis zur vermehrten Erschließung der Wirklichkeit
durch Naturnachahmung. Die Umbrüche der modernen Kunst haben Mimesis
im Sinne von künstlerischer Wirklichkeitsnachahmung zu einem obsoleten
Begriff gemacht und zu seiner Transformation in ein anthropologisches Konzept
geführt, das einen körperbetonten Modus der Welterzeugung bezeichnet.
In dieser neuen Bedeutung verweist mimesis heute auf die Vervielfältigung
der Bilder, Töne, Wörter und Gedanken in einer allgemeinen Bewegung,
die die Grenzen von Literatur, Kunst und Wissenschaften überschreitet.
Der vorliegende Beitrag versucht all diese Varianten der Idee der Mimesis
in Bezug zu setzen zur historischen Evolution der menschlichen Darstellungsmedien:
den Übergang von mündlichem Denken zur schriftlichen Fixierung
der Gedanken, vom Erzeugen der Töne im eigenen Körper zum Spielen
eines Musikinstruments, vom laut artikulierenden Lesen zum lautlosen Abtasten
von Bildern, Partituren und Schrifttexten. Die Evolution der Medien hat
die mimetische Handlung verwandelt von einem Akt der aneignenden Wiederholung,
Veränderung und Neuinterpretation einer vorgegebenen Wirklichkeit
in einen Prozeß der Simulation selbst-bezüglicher Welten.
Diskursmaximen des Poststrukturalismus
Klaus W. Hempfer, Freie Universität Berlin
Zusammenfassung. Der Beitrag versucht zu zeigen, daß Diskurse,
die sich ganz explizit als Überwindung des Strukturalismus oder
dessen, was sie dafür halten konstituieren, bestimmte argumentative
Strategien verwenden, die einen eigenständigen Diskurstyp ausdifferenzieren,
den man als "poststrukturalistisch", "postmodern" oder generell "post-theoretisch"
bezeichnen kann. Diese Strategien werden in Form von Diskursmaximen formuliert,
um deutlich zu machen, daß es sich dabei um argumentative Phänomene
handelt, die als ’Kunstfehler’ zwar auch im nicht-post-theoretischen Diskurs
vorkommen, nunmehr aber als konstitutive Konventionen des neuen Theoriediskurses
fungieren. Als Beispiele werden vorzugsweise frühe Basistexte poststrukturalistischer
Theoriebildung herangezogen, um deutlich zu machen, daß der poststrukturalistische
Diskurs nicht erst in epigonaler Verflachung auf den im folgenden zu analysierenden
Maximen beruht.
Neuere Überlegungen Lotmans zur
Zeichendynamik
Georgij Pocheptsov, Universität Kiew
Zusammenfassung. Der Beitrag diskutiert zwei zentrale Themen des 1992
erschienenen Buchs von Jurij Lotman, Kultura i wsryw, 'Kultur und Ausbruch':
Die Dynamik von Systemen der Signifikation und Kommunikation und den Gegensatz
von Vorhersagbarkeit und Unvorhersagbarkeit im Kulturwandel. Kultur wird
als ganzheitlicher Mechanismus beschrieben, der sowohl vorhersagbare Neuerungen
als auch das unvorhersagbar Neue erzeugt. In den gegenwärtigen Kulturen
wird die Generierung des Unvorhersagbaren von der Mode und der Kunst erwartet.
In einer Kultur, die als binäres System aufgebaut ist, vernichtet
das Auftreten des unvorhersagbar Neuen alle ihre Bestandteile, während
Kulturen, die als ternäre Systeme aufgebaut sind, das Neue in die
bestehenden Strukturen zu integrieren imstande sind. Der gegenwärtige
Wandel in den Kulturen der ehemaligen Sowjetunion läßt sich
als Übergang von binären zu ternären Systemen vestehen.
Semiotik diesseits und jenseits des Strukturalismus:
Zum Verhältnis von Moderne und Postmoderne, Strukturalismus und Poststrukturalismus
Roland Posner, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Dieser einleitende Beitrag beschreibt die Unterschiede
zwischen der Moderne und der Postmoderne als geistesgeschichtlichen Perioden
des 20. Jahrhunderts und vertritt die These, daß die als Strukturalismus
und Poststrukturalismus bekannten Ansätze zur Semiotik vergleichbare
Unterschiede aufweisen. Wie die Moderne ist der strukturalistische Ansatz
gekennzeichnet durch die Absage an traditionelle Denkweisen, den Willen,
die akademischen Disziplinen auf der Basis von wenigen grundlegenden Prinzipien
zu rekonstruieren, und die Bereitschaft, auf gängige Terminologien
und Axiome zu verzichten, solange sie nicht rekonstruiert worden sind.
Wie die Postmoderne ist der strukturalistische Ansatz gekennzeichnet durch
die Notwendigkeit, ein Verhältnis zu finden zu den fragmentarischen
Resultaten der halbvollendeten Projekte, die die strukturalistischen Wissenschaften
hinterlassen haben. Der Strukturalismus hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
auf den Materialismus, Atomismus, Historizismus und Naturalismus der akademischen
Forschung reagiert, indem er eine eigene Theorie einführte, die aufbaute
auf den Dichotomien von Signifikat und Signifikant, Paradigma und Syntagma,
Diachronie und Synchronie, langue und parole. Der Poststrukturalismus verwarf
diesen theoretischen Apparat nicht zugunsten einer eigenen Theorie, sondern
entfaltete die Paradoxien hinter den strukturalistischen Dichotomien und
versuchte sie zu überwinden, indem er jeweils den ersten Begriff weginterpretierte
und den zweiten hervorhob. Dieser Perspektivenwechsel hat das Interesse
an der Materialität, Prozeßhaftigkeit und Intertextualität
der Zeichen sowie an der sinnschaffenden Funktion des Interpretierens gestärkt.
Mit ihrer Abneigung gegen rigide Methodenfestlegungen und generelle Theorien
und mit der Aufhebung der Trennung von Objekt- und Metazeichen zugunsten
von deren gemeinsamer Reflexion hat sich die poststrukturalistische Semiotik
zu einer Alternative gegenüber den traditionellen Praktiken akademischer
Zeichenanalyse entwickelt und nähert sich dem Status von Kunst.
Über die (Un-)Interpretierbarkeit
literarischer Texte
Peter Rusterholz, Universität Bern
Zusammenfassung. Der traditionellen Behauptung von der objektiven Interpretierbarkeit
der Texte durch Rekonstruktion der Autorintention und der poststrukturalistischen
Gegenposition, die die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Hermeneutik
negiert, stellt dieser Beitrag die These gegenüber: Interpretationen
sind objektivierbar durch Begründung einer textadäquaten Wahl
des Bedeutungsbegriffs, der Interpretationskonzeption und der Kontexte
kulturellen Wissens. Die semiotische Analyse der Sinnkonstitution zeigt
deren Abhängigkeit von den je verschiedenen Kompetenzen der Wahrnehmung
ästhetischer Form. Exemplarische Textbeispiele exponieren die Problematik
(Thomas Bernhard), erläutern die Voraussetzungen von Interpretierbarkeit
und Nichtinterpretierbarkeit (Franz Kafka) und konkretisieren die vom Autor
vertretene Lösung (Ingeborg Bachmann).
Dekonstruktion von Erfahrung, Ich und
Historie: Zur Vorgeschichte des Poststrukturalismus im 19. Jahrhundert
Adelhard Scheffczyk, Universität Osnabrück
Zusammenfassung. Obgleich Dekonstruktionismus kein Terminus ist, der
in den philosophischen Debatten des 19. Jahrhunderts vorkommt, lohnt es
sich zu fragen, ob die in diesen Debatten bevorzugten Themen und Methoden
neben den zu erwartenden Unterschieden nicht auch signifikante Ähnlichkeiten
mit den Gedanken Derridas aufweisen. In diesem Aufsatz wird versucht, dekonstruktionistische
Momente in den Auffassungen von Kant, Hegel, Nietzsche, Mach, Dilthey und
Burckhardt zum Status von Erfahrung, Ich und Historie aufzuzeigen. Als
gemeinsamer Grundzug gilt das Konzept der Kontextualisierung. Kontextualisierung
und Dekonstruktion erweisen sich als komplementäre Verfahren einer
Denkbewegung, die mehr systematische und historische Untersuchung verdient.
Poetik nach dem Strukturalismus: Derrida,
de Man, Szondi
Thomas Sparr, Frankfurt am Main
Zusammenfassung. Den Neo- oder Poststrukturalismus gibt es nicht als
Gedankengebäude. Diese beiden Begriffe kennzeichnen eher eine historische
Veränderung im Verhältnis zu Sprache und Kultur, die in den sechziger
Jahren begann. "Nach dem Strukturalismus" werden sprachliche Zeichen nicht
mehr als Elemente des Sprachsystems beschrieben, sondern als Teile literarischer
Werke analysiert. Den Platz der Semiotik nimmt die Poetik ein. Diese Ästhetisierung
des sprachlichen Zeichens geht vor allem auf Jacques Derrida und sein Verfahren
des Dekonstruktion zurück. Sein Buch Grammatologie ist eine Auseinandersetzung
mit Saussures Zeichenbegriff. Mit seinem Verfahren der différance
bestimmt Derrida nicht das sprachliche Zeichen, sondern den Bezeichnungsprozeß.
Daß Derridas Arbeiten die Literaturwissenschaft nachhaltig beeinflußt
haben, zeigt sich in der Revision poetologischer Leitbegriffe bei Paul
de Man und in den Studien Peter Szondis, die den Unterschied von strukturalistischen
und nachstrukturalistischen Zeichenkonzeptionen deutlich markieren. Die
"Poetik nach dem Strukturalismus" hat sich indessen in Schwierigkeiten
verstrickt, die erst noch überwunden werden müssen.