Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Semiotik nach dem Strukturalismus
Jahr: 1993
Band:  15
Heft: 3 / 4

Horst Dölvers
Rivalisierende Diskurse in Text und Bild

Gunter Gebauer
Konzepte der Mimesis zwischen Platon und Derrida

Klaus W. Hempfer
Diskursmaximen des Poststrukturalismus

Georgij Pocheptsov
Neuere Überlegungen Lotmans zur Zeichendynamik

Roland Posner
Semiotik diesseits und jenseits des Strukturalismus: Zum Verhältnis von Moderne und Postmoderne, Strukturalismus und Poststrukturalismus

Peter Rusterholz
Über die (Un-)Interpretierbarkeit literarischer Texte

Adelhard Scheffczyk
Dekonstruktion von Erfahrung, Ich und Historie: Zur Vorgeschichte des Poststrukturalismus im 19. Jahrhundert

Thomas Sparr
Poetik nach dem Strukturalismus: Derrida, de Man, Szondi
 
 


Rivalisierende Diskurse in Text und Bild

Horst Dölvers, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Das Handwerk der literarischen Interpretation ist noch weitgehend von den romantischen Annahmen der Einheit und organischen Form des künstlerischen Textes bestimmt und versucht, Erzählungen als Verkörperungen einer sie durchdringenden Wahrheit mittels hierarchisierter Wirklichkeitsabsichten, eines auktorialen Ethos, zu bestimmen. Die vorliegende Arbeit entwikkelt demgegenüber ein Vokabular, mit dessen Hilfe Brüche, Diskontinuitäten und Widersprüche auf verschiedenen Ebenen innerhalb von Texten und im Wechselspiel zwischen Texten und ihren Illustrationen beschrieben werden können. Im Anschluß an Foucault, Pêcheux, Rorty und J. Hillis Miller wird der Beherrschung des Textes durch eine einzige Sinnzuweisung der Begriff der Austauschbarkeit der Diskurse entgegengestellt und so operationalisiert, daß er als Mittel der Textbeschreibung in den Bereichen der Wortsemantik, der Charakter- und Plotkonstruktion und der vielfältigen Beziehungen zwischen Text und Bild dienen kann. Unter Annahme der Thesen Hillis Millers wird gezeigt, wie Illustrationen selbst zwischen einer Vielzahl sich gegenseitig auslöschender Referenzbeziehungen oszillieren. Schließlich werden die dicht an Text und Bild entwickelten Beschreibungsbegriffe innerhalb einer Lesart der Peirceschen Semiotik systematisch rekonstruiert. 
 


Konzepte der Mimesis zwischen Platon und Derrida

Gunter Gebauer, Freie Universität Berlin 

Zusammenfassung. Der Terminus mimesis (’Nachahmung’) bezeichnete schon im klassischen Griechenland nicht nur die Nachahmung von menschlichen oder tierischen Äußerungen, sondern auch die Nachahmung der Personen und Sachen selbst. In dieser Bedeutung spielte der Mimesisbegriff in der Ideengeschichte des Abendlandes eine zentrale Rolle. Platon prangerte den täuschenden Charakter des schönen Scheins an, der beim Nachahmen der Ideen erzeugt wird. Aristoteles betonte die Möglichkeit zur Abweichung vom Nachgeahmten durch die Universalisierung seiner individuellen Züge und durch ihre kathartische Organisation. Das Mittelalter brachte in der Form der Nachfolge Christi den sozialen Aspekt der Mimesis zur Geltung. Die Renaissance stellte die Mimesis in den Dienst der Repräsentanz politischer Macht durch bildliche Überhöhung und historische Kontextualisierung der Taten der politischen Herrscher. Im bürgerlichen Zeitalter diente die Mimesis zur vermehrten Erschließung der Wirklichkeit durch Naturnachahmung. Die Umbrüche der modernen Kunst haben Mimesis im Sinne von künstlerischer Wirklichkeitsnachahmung zu einem obsoleten Begriff gemacht und zu seiner Transformation in ein anthropologisches Konzept geführt, das einen körperbetonten Modus der Welterzeugung bezeichnet. In dieser neuen Bedeutung verweist mimesis heute auf die Vervielfältigung der Bilder, Töne, Wörter und Gedanken in einer allgemeinen Bewegung, die die Grenzen von Literatur, Kunst und Wissenschaften überschreitet. Der vorliegende Beitrag versucht all diese Varianten der Idee der Mimesis in Bezug zu setzen zur historischen Evolution der menschlichen Darstellungsmedien: den Übergang von mündlichem Denken zur schriftlichen Fixierung der Gedanken, vom Erzeugen der Töne im eigenen Körper zum Spielen eines Musikinstruments, vom laut artikulierenden Lesen zum lautlosen Abtasten von Bildern, Partituren und Schrifttexten. Die Evolution der Medien hat die mimetische Handlung verwandelt von einem Akt der aneignenden Wiederholung, Veränderung und Neuinterpretation einer vorgegebenen Wirklichkeit in einen Prozeß der Simulation selbst-bezüglicher Welten. 
 


Diskursmaximen des Poststrukturalismus

Klaus W. Hempfer, Freie Universität Berlin 

Zusammenfassung. Der Beitrag versucht zu zeigen, daß Diskurse, die sich ganz explizit als Überwindung des Strukturalismus ­ oder dessen, was sie dafür halten ­ konstituieren, bestimmte argumentative Strategien verwenden, die einen eigenständigen Diskurstyp ausdifferenzieren, den man als "poststrukturalistisch", "postmodern" oder generell "post-theoretisch" bezeichnen kann. Diese Strategien werden in Form von Diskursmaximen formuliert, um deutlich zu machen, daß es sich dabei um argumentative Phänomene handelt, die als ’Kunstfehler’ zwar auch im nicht-post-theoretischen Diskurs vorkommen, nunmehr aber als konstitutive Konventionen des neuen Theoriediskurses fungieren. Als Beispiele werden vorzugsweise frühe Basistexte poststrukturalistischer Theoriebildung herangezogen, um deutlich zu machen, daß der poststrukturalistische Diskurs nicht erst in epigonaler Verflachung auf den im folgenden zu analysierenden Maximen beruht. 
 


Neuere Überlegungen Lotmans zur Zeichendynamik

Georgij Pocheptsov, Universität Kiew 

Zusammenfassung. Der Beitrag diskutiert zwei zentrale Themen des 1992 erschienenen Buchs von Jurij Lotman, Kultura i wsryw, 'Kultur und Ausbruch': Die Dynamik von Systemen der Signifikation und Kommunikation und den Gegensatz von Vorhersagbarkeit und Unvorhersagbarkeit im Kulturwandel. Kultur wird als ganzheitlicher Mechanismus beschrieben, der sowohl vorhersagbare Neuerungen als auch das unvorhersagbar Neue erzeugt. In den gegenwärtigen Kulturen wird die Generierung des Unvorhersagbaren von der Mode und der Kunst erwartet. In einer Kultur, die als binäres System aufgebaut ist, vernichtet das Auftreten des unvorhersagbar Neuen alle ihre Bestandteile, während Kulturen, die als ternäre Systeme aufgebaut sind, das Neue in die bestehenden Strukturen zu integrieren imstande sind. Der gegenwärtige Wandel in den Kulturen der ehemaligen Sowjetunion läßt sich als Übergang von binären zu ternären Systemen vestehen. 
 


Semiotik diesseits und jenseits des Strukturalismus: Zum Verhältnis von Moderne und Postmoderne, Strukturalismus und Poststrukturalismus

Roland Posner, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Dieser einleitende Beitrag beschreibt die Unterschiede zwischen der Moderne und der Postmoderne als geistesgeschichtlichen Perioden des 20. Jahrhunderts und vertritt die These, daß die als Strukturalismus und Poststrukturalismus bekannten Ansätze zur Semiotik vergleichbare Unterschiede aufweisen. Wie die Moderne ist der strukturalistische Ansatz gekennzeichnet durch die Absage an traditionelle Denkweisen, den Willen, die akademischen Disziplinen auf der Basis von wenigen grundlegenden Prinzipien zu rekonstruieren, und die Bereitschaft, auf gängige Terminologien und Axiome zu verzichten, solange sie nicht rekonstruiert worden sind. Wie die Postmoderne ist der strukturalistische Ansatz gekennzeichnet durch die Notwendigkeit, ein Verhältnis zu finden zu den fragmentarischen Resultaten der halbvollendeten Projekte, die die strukturalistischen Wissenschaften hinterlassen haben. Der Strukturalismus hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Materialismus, Atomismus, Historizismus und Naturalismus der akademischen Forschung reagiert, indem er eine eigene Theorie einführte, die aufbaute auf den Dichotomien von Signifikat und Signifikant, Paradigma und Syntagma, Diachronie und Synchronie, langue und parole. Der Poststrukturalismus verwarf diesen theoretischen Apparat nicht zugunsten einer eigenen Theorie, sondern entfaltete die Paradoxien hinter den strukturalistischen Dichotomien und versuchte sie zu überwinden, indem er jeweils den ersten Begriff weginterpretierte und den zweiten hervorhob. Dieser Perspektivenwechsel hat das Interesse an der Materialität, Prozeßhaftigkeit und Intertextualität der Zeichen sowie an der sinnschaffenden Funktion des Interpretierens gestärkt. Mit ihrer Abneigung gegen rigide Methodenfestlegungen und generelle Theorien und mit der Aufhebung der Trennung von Objekt- und Metazeichen zugunsten von deren gemeinsamer Reflexion hat sich die poststrukturalistische Semiotik zu einer Alternative gegenüber den traditionellen Praktiken akademischer Zeichenanalyse entwickelt und nähert sich dem Status von Kunst. 
 


Über die (Un-)Interpretierbarkeit literarischer Texte

Peter Rusterholz, Universität Bern 

Zusammenfassung. Der traditionellen Behauptung von der objektiven Interpretierbarkeit der Texte durch Rekonstruktion der Autorintention und der poststrukturalistischen Gegenposition, die die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Hermeneutik negiert, stellt dieser Beitrag die These gegenüber: Interpretationen sind objektivierbar durch Begründung einer textadäquaten Wahl des Bedeutungsbegriffs, der Interpretationskonzeption und der Kontexte kulturellen Wissens. Die semiotische Analyse der Sinnkonstitution zeigt deren Abhängigkeit von den je verschiedenen Kompetenzen der Wahrnehmung ästhetischer Form. Exemplarische Textbeispiele exponieren die Problematik (Thomas Bernhard), erläutern die Voraussetzungen von Interpretierbarkeit und Nichtinterpretierbarkeit (Franz Kafka) und konkretisieren die vom Autor vertretene Lösung (Ingeborg Bachmann). 
 


Dekonstruktion von Erfahrung, Ich und Historie: Zur Vorgeschichte des Poststrukturalismus im 19. Jahrhundert

Adelhard Scheffczyk, Universität Osnabrück 

Zusammenfassung. Obgleich Dekonstruktionismus kein Terminus ist, der in den philosophischen Debatten des 19. Jahrhunderts vorkommt, lohnt es sich zu fragen, ob die in diesen Debatten bevorzugten Themen und Methoden neben den zu erwartenden Unterschieden nicht auch signifikante Ähnlichkeiten mit den Gedanken Derridas aufweisen. In diesem Aufsatz wird versucht, dekonstruktionistische Momente in den Auffassungen von Kant, Hegel, Nietzsche, Mach, Dilthey und Burckhardt zum Status von Erfahrung, Ich und Historie aufzuzeigen. Als gemeinsamer Grundzug gilt das Konzept der Kontextualisierung. Kontextualisierung und Dekonstruktion erweisen sich als komplementäre Verfahren einer Denkbewegung, die mehr systematische und historische Untersuchung verdient. 
 


Poetik nach dem Strukturalismus: Derrida, de Man, Szondi

Thomas Sparr, Frankfurt am Main 

Zusammenfassung. Den Neo- oder Poststrukturalismus gibt es nicht als Gedankengebäude. Diese beiden Begriffe kennzeichnen eher eine historische Veränderung im Verhältnis zu Sprache und Kultur, die in den sechziger Jahren begann. "Nach dem Strukturalismus" werden sprachliche Zeichen nicht mehr als Elemente des Sprachsystems beschrieben, sondern als Teile literarischer Werke analysiert. Den Platz der Semiotik nimmt die Poetik ein. Diese Ästhetisierung des sprachlichen Zeichens geht vor allem auf Jacques Derrida und sein Verfahren des Dekonstruktion zurück. Sein Buch Grammatologie ist eine Auseinandersetzung mit Saussures Zeichenbegriff. Mit seinem Verfahren der différance bestimmt Derrida nicht das sprachliche Zeichen, sondern den Bezeichnungsprozeß. Daß Derridas Arbeiten die Literaturwissenschaft nachhaltig beeinflußt haben, zeigt sich in der Revision poetologischer Leitbegriffe bei Paul de Man und in den Studien Peter Szondis, die den Unterschied von strukturalistischen und nachstrukturalistischen Zeichenkonzeptionen deutlich markieren. Die "Poetik nach dem Strukturalismus" hat sich indessen in Schwierigkeiten verstrickt, die erst noch überwunden werden müssen. 
 
 

 


 
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