Paul Bouissac
Semiotisches Wettrüsten: Zur Evolution artübergreifener
Kommunikation
Paul Bouissac
Dialog oder Duett? Kind oder Parasit? Kommunikation oder
Manipulation?
Michael Fleischer
Kommunikation zwischen Mensch und Hund
Horst M. Müller
Die Entwicklung von Interaktion, Semiose und Sprache
Irene M. Pepperberg
Kommunikation zwischen Mensch und Vogel: Eine Fallstudie
zu den kognitiven Fähigkeiten eines Papageis
Göran Sonesson
Die Semiotik des Bildes: Zum Forschungsstand am Anfang
der 90er Jahre
Günter Tembrock
Verhaltensprogramme, unmerkliche Mitteilungen und prozessuales
Lernen
Günther Witzany
Zeichenprozesse als Bedingungen der Möglichkeit
von Leben und Evolution: Zur Notwendigkeit einer Molekularpragmatik
Semiotisches Wettrüsten: Zur Evolution
artübergreifener Kommunikation
Paul Bouissac, Universität Toronto
Zusammenfassung. Wenn eine biologische Art ihre Überlebensausstattung
in direkter Reaktion auf die Verbesserung der Überlebensausstattung
einer anderen Art (etwa der der Jäger) verbessert, so kommt es zwischen
den beiden Arten zum Wettrüsten. Sobald die Speicherung und selektive
Mitteilung von lebenswichtigen Informationen lohnende Überlebensstrategien
werden, beginnt die semiotische Kriegführung. Die evolutive Antwort
auf die Entzifferung eines arteigenen Kodes durch die Mitglieder einer
fremden Art ist Vertuschung und Täuschung, und die evolutive Antwort
auf diese besteht im Gedankenlesen, d.h. in der durch unterschwellige Hinweise
geleisteten Vorhersage des tatsächlichen Verhaltens der Mitglieder
der fremden Art. Gedankenlesen in Anwendung auf fremde artinterne Kommunikation
erfordert Metakommunikation, d.h. die Fähigkeit, einen Kommunikationsprozeß
unabhängig von der gegebenen Situation zu repräsentieren. Nach
Ansicht des Verfassers läßt sich echte symmetrische artübergreifende
Kommunikation nur verwirklichen, wenn die Mitglieder zweier verschiedener
Arten beide das Vermögen zur Metakommunikation haben. Die Analyse
einer Reihe von Beispielen zwischenartlicher Interaktion führt jedoch
zu dem Ergebnis, daß auf Erden nur der Mensch über das Vermögen
zur Metakommunikation verfügt. Das menschliche Streben, mit den Lebewesen
anderer Arten in eine Kommunikation einzutreten, muß daher als Selbsttäuschung
erscheinen.
Dialog oder Duett? Kind oder Parasit?
Kommunikation oder Manipulation?
Paul Bouissac, Universität Toronto
Zusammenfassung. Der Verfasser prüft das Protokoll einer Interaktion
zwischen einer Trainerin, einer Versuchsleiterin und dem Papagei Alex.
Er kommt zu dem Schluß, daß das Tier unter der Hypothese, daß
es diese Interaktion als einen sinnvollen Dialog erfährt, über
eine grammatische und pragmatische Kompetenz verfügen müßte,
die die von Pepperberg beschriebene simple Fähigkeit, Lautfolgen mit
Konzepten zu korrelieren, weit übersteigt. Die außergewöhnliche
Sensibilität des Papageis betrifft mehr die Lautmuster als die semantischen
Strukturen, und seine interaktiven Äußerungen orientieren sich
an zweiteiligen Lautfolgen und setzen die Anwesenheit eines kooperativen
Partners sowie eines Rivalen voraus. Der Verfasser befürwortet daher
die Hypothese, daß die untersuchte Interaktion für den Papagei
nichts als eine Form des Duettierens ist, die möglicherweise durch
niederfrequente Laute unterstützt wird, welche die Trainerin unwissentlich
produziert. Aus ethologischer Perspektive betrachtet, behandelt die Trainerin
den Vogel als Kind, das in einer Fremdsprache unterrichtet wird und entsprechend
seinen Leistungen ausgeschimpft oder belohnt werden muß. Was die
umgekehrte Frage betrifft, im Rahmen welches ethologischen Musters die
Laborsituation für den Vogel Sinn macht, so weist der Verfasser darauf
hin, daß der Vogel sich wie ein Parasit verhält, der Nahrung,
soziale Betreuung und Schutz vor seinen natürlichen Feinden erlangt,
indem er deren Junge nachahmt. Nach Ansicht des Verfassers liefert Pepperbergs
Arbeit keine Belege dafür, daß der Papagei aufgrund des Unterrichts,
dem er ausgesetzt war, kumulatives Wissen erworben hat; er hat eher seine
manipulatorischen Fähigkeiten verbessert, wie wilde Papageien es auch
in der Wildnis machen. Unter ethologischer Perspektive verschiebt sich
also der Schwerpunkt der Erklärung für die bemerkenswerten Daten
Pepperbergs weg von Hypothesen über Kommunikation und Kognition hin
zu solchen über das situationsspezifische Manipulationsvermögen
des Tieres.
Kommunikation zwischen Mensch und Hund
Michael Fleischer, Ruhr-Universität, Bochum
Zusammenfassung. Menschen und Hunde lassen sich vergleichen im Hinblick
auf ihre Verhaltenssysteme, Umwelten und Kanäle der Zeichenproduktion
und -rezeption sowie ihr Lernvermögen, ihre Zeichensysteme und ihre
Weltbilder. Hunde haben wie Menschen die Fähigkeit, Gegenstände
und Verhaltensweisen zu Zeichen zu machen, wie das Geschenk-Syndrom und
das Wurfspiel-Syndrom zeigen. Bei der Kommunikation untereinander verteilen
Hunde ihre Zeichen und Superzeichen in artspezifischer Weise auf den optischen,
akustischen, taktilen und olfaktorischen Kanal. Hunde können auch
mit Menschen kommunizieren, doch erfordern die Unterschiede in den bevorzugten
Kanälen der Zeichenproduktion und -rezeption gegenseitige Adaptation
und die Schaffung eines gemeinsamen Zeichenrepertoires im Umgang miteinander.
Was die kulturelle Dimension der Interaktion von Mensch und Hund betrifft,
so muß man unterscheiden zwischen dem Einsatz von Schutz- und Spürhunden,
der auf dem tierischen Aggressions- und Spieltrieb beruht, und der Rolle
von Hunden als Imagezeichen des Menschen, die allein von den Erfordernissen
der menschlichen Gesellschaften diktiert ist. Zum Abschluß des Aufsatzes
wird eine Liste von Kriterien angegeben, die über die Qualität
der Interaktion und Kommunikation von Mensch und Hund entscheiden.
Die Entwicklung von Interaktion, Semiose
und Sprache
Horst M. Müller, Universität Bielefeld
Zusammenfassung. Dieser Beitrag stellt ein Modell für die Phylogenese
der drei Interaktionstypen vor, die bislang in der Natur vorkommen: die
Interaktion der materiellen Objekte, die Semiose der Organismen und die
Sprache der Menschen. Das Problem, wie aus abiotischer Materie Pflanzen,
Tiere und schließlich so komplexe Organismen wie die Hominiden entstanden
sind, kann heute als gelöst gelten, zumindest was die anatomischen
Eigenschaften betrifft. Doch der Ursprung der Semiose und der grundlegenden
Kognitionsprozesse ist noch umstritten. Gleiches gilt für die Emergenz
der verbalen Kommunikation. Diese Fragen lassen sich nur befriedigend beantworten,
wenn sie auf der Grundlage der Evolutionären Erkenntnistheorie beantwortet
werden. Der vorliegende Artikel beschreibt die evolutiven Vorbedingungen
der Anfänge des Bewußtseins und zeigt, wie es zu bestimmten
Eigenschaften der unbelebten Materie in Beziehung gesetzt werden kann.
Kommunikation zwischen Mensch und Vogel:
Eine Fallstudie zu den kognitiven Fähigkeiten eines Papageis
Irene M. Pepperberg, Universität von Arizona, Tucson
Zusammenfassung. Einem Afrikanischen Graupapagei wurde beigebracht,
Lautfolgen der englischen Sprache zur Identifikation, Anforderung, Zurückweisung,
Kategorisierung und Mengenangabe von mehr als 100 Gegenständen zu
benutzen. Der Vogel lernte außerdem die An- und Abwesenheit von Gleichheit
oder Verschiedenheit der Gegenstände in bezug auf bestimmte Merkmalskategorien
anzuzeigen. Wenn man ihm Kollektionen von jeweils 7 Gegenständen (aus
der Basismenge der 100 Gegenstände) präsentiert, die unterschiedliche
Kombinationen von Form, Farbe und Material aufweisen, so ist er in der
Lage, spezielle Informationen über ausgewählte Gegenstände
lautsprachlich mitzuteilen; beispielsweise nennt er die Farbe des einzigen
hölzernen Gegenstandes einer solchen Kollektion. Seine Leistung (7585%
richtige Antworten auf einschlägige Fragen) läßt darauf
schließen, daß er die Bestandteile der gestellten Fragen ebenso
wie die von ihm selbst geäußerten Gegenstandsbezeichnungen versteht.
Das Verhalten des Papageis wird im Rahmen der Auseinandersetzungen über
die Voraussetzungen und den Wert von Untersuchungen zur artübergreifenden
Kommunikation diskutiert.
Die Semiotik des Bildes: Zum Forschungsstand
am Anfang der 90er Jahre
Göran Sonesson, Universität Lund
Zusammenfassung. In den heutigen westlichen Kulturen überwiegt
zwar die ikonische und/oder visuelle Kommunikation, doch kann man deshalb
nicht sagen, daß sie zu dem Stadium vor der Einführung der Wortsprache
zurückgekehrt sind. Die Paradoxie der Moderne besteht in der zunehmenden
Standardisierung von jeweils scheinbar einzigartigen visuellen Gegenständen
und zeigt sich in der Zunahme der Bildtypen, der Vermehrung der Bildtoken,
dem Anwachsen der Bildsorten, dem Weitergreifen der Bildzirkulation und
der Verstärkung der Bildaktivation durch Kanäle wie das Fernsehen
und die Illustrierte, womit sich schließlich auch die Bildkommunikation
immer mehr dem naiven Kommunikationsmodell der Informationswissenschaft
anpaßt. Der vorliegende Artikel gibt eine kritische Darstellung der
Versuche in der Bildsemiotik der letzten 20 Jahre, die Bildhaftigkeit von
Bildern zu erfassen. Er behandelt Bilder als bildhafte Texte und konfrontiert
die Methoden des Experiments, der Textanalyse, Systemanalyse und Textklassifikation
mit ihren Ergebnissen. Die Analyse-Modelle von Greimas, Saint-Martin und
der Gruppe µ werden anhand von Beispielen auf ihre Leistungsfähigkeit
hin überprüft. Konzepte wie die der plastischen und ikonischen
Schicht von Bildern und der Indexikalität von Photographien werden
ausführlich diskutiert.
Verhaltensprogramme, unmerkliche Mitteilungen
und prozessuales Lernen
Günter Tembrock, Humboldt-Universität, Berlin
Zusammenfassung. Der Verfasser betont die Wichtigkeit der semiotischen
Ansätze in Sozio- und Psychobiologie und diskutiert Pepperbergs Forschungsdesign
in diesem Rahmen. Erstens bezweifelt er den sprachlichen Charakter der
Lautkontakte zwischen Experimentator und Graupapagei und behauptet, daß
der Gebrauch nonverbaler Stimuli wirkungsvoller gewesen wäre. Zweitens
führt er aus, daß die in der Sozialpsychologie entwickelten
Methoden außergewöhnlichen Lernens weder erforderlich noch hilfreich
sind für den Erwerb eines artübergreifenden Kodes durch einen
Papagei. Drittens kritisiert er die Hypothese, daß Hunger zur Aktivierung
eines Konzepts der Abwesenheit führt, die sich prinzipiell verbal
kommentieren ließe, und setzt die These dagegen, daß Hunger
nur ein Verhaltensprogramm auslöst, das in verschiedenen Verfahren
der Nahrungssuche besteht und ohne jede Konzeptualisierung auskommt. Viertens
problematisiert er die Kontrollierbarkeit der Lautkontakte in den Experimenten
mit dem Argument, daß sie replizierbar sein müssen durch den
Einsatz von Lautäußerungen unbekannter Personen und deren Fernübertragung
durch Lautsprecher. Abschließend plädiert er dafür, an
Pepperbergs Erklärung das Ockhamsche Messer anzulegen und die bemerkenswerten
Ergebnisse ihrer Experimente ohne Kommunikation im starken Sinne, aber
mithilfe von konzeptuellem, diskriminatorischem und prozessualem Lernen
zu erklären. Die Semiotik bleibt gefordert, die sozialen und ökologischen
Vorausetzungen der Interaktion von Mensch und Tier zu klären.
Zeichenprozesse als Bedingungen der Möglichkeit
von Leben und Evolution: Zur Notwendigkeit einer Molekularpragmatik
Günther Witzany
Zusammenfassung. Der Autor vertritt die These, daß Leben nur unter
der Bedingung semiotischer Prozesse möglich ist. Die Annahme einer
semiotisch organisierten Natur und einer semiotisch gesteuerten Evolution
ist eine Weiterentwicklung und Verallgemeinerung der handlungstheoretisch
orientierten Pragmatik im Hinblick auf aktuelle Forschungsergebnisse der
biologischen Taxonomie, Molekularbiologie, Biochemie, Soziobiologie und
Evolutionstheorie. Gerade der Bereich intraorganismischer Semiosen verdeutlicht,
daß elementare Lebensprozesse ohne Zeichenprozesse unmöglich
wären. In dieser Perspektive erscheint auch Evolution nicht mehr als
Ergebnis von Mutation und Selektion, sondern von generativen Semiosen und
deren Bewährung im Horizont von Natur als "universaler Interaktionsgemeinschaft".