Arbeitsstelle für Semiotik AfS

deutsche Versionto English version

Technische Universität Berlin
Technische Universität Berlin
Fakultät 1: Geisteswissenschaften
Institut für Sprache und Kommunikation
Homepage der Arbeitsstelle für Semiotik (AfS)
Informationen zur Arbeitsstelle für Semiotik (AfS)
MitarbeiterInnen
Forschung
Lehre
Ereignisse
fachliche Vereine
Ressourcen
Zeitschrift für Semiotik
Adresse
 
 
Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Kommunikation zwischen 
Mensch und Tier
Jahr: 1993
Band:  15
Heft: 1 / 2

 
Paul Bouissac
Semiotisches Wettrüsten: Zur Evolution artübergreifener Kommunikation

Paul Bouissac
Dialog oder Duett? Kind oder Parasit? Kommunikation oder Manipulation?

Michael Fleischer
Kommunikation zwischen Mensch und Hund

Horst M. Müller
Die Entwicklung von Interaktion, Semiose und Sprache

Irene M. Pepperberg
Kommunikation zwischen Mensch und Vogel: Eine Fallstudie zu den kognitiven Fähigkeiten eines Papageis

Göran Sonesson
Die Semiotik des Bildes: Zum Forschungsstand am Anfang der 90er Jahre

Günter Tembrock
Verhaltensprogramme, unmerkliche Mitteilungen und prozessuales Lernen

Günther Witzany
Zeichenprozesse als Bedingungen der Möglichkeit von Leben und Evolution: Zur Notwendigkeit einer Molekularpragmatik
 


Semiotisches Wettrüsten: Zur Evolution artübergreifener Kommunikation

Paul Bouissac, Universität Toronto 

Zusammenfassung. Wenn eine biologische Art ihre Überlebensausstattung in direkter Reaktion auf die Verbesserung der Überlebensausstattung einer anderen Art (etwa der der Jäger) verbessert, so kommt es zwischen den beiden Arten zum Wettrüsten. Sobald die Speicherung und selektive Mitteilung von lebenswichtigen Informationen lohnende Überlebensstrategien werden, beginnt die semiotische Kriegführung. Die evolutive Antwort auf die Entzifferung eines arteigenen Kodes durch die Mitglieder einer fremden Art ist Vertuschung und Täuschung, und die evolutive Antwort auf diese besteht im Gedankenlesen, d.h. in der durch unterschwellige Hinweise geleisteten Vorhersage des tatsächlichen Verhaltens der Mitglieder der fremden Art. Gedankenlesen in Anwendung auf fremde artinterne Kommunikation erfordert Metakommunikation, d.h. die Fähigkeit, einen Kommunikationsprozeß unabhängig von der gegebenen Situation zu repräsentieren. Nach Ansicht des Verfassers läßt sich echte symmetrische artübergreifende Kommunikation nur verwirklichen, wenn die Mitglieder zweier verschiedener Arten beide das Vermögen zur Metakommunikation haben. Die Analyse einer Reihe von Beispielen zwischenartlicher Interaktion führt jedoch zu dem Ergebnis, daß auf Erden nur der Mensch über das Vermögen zur Metakommunikation verfügt. Das menschliche Streben, mit den Lebewesen anderer Arten in eine Kommunikation einzutreten, muß daher als Selbsttäuschung erscheinen. 
 


Dialog oder Duett? Kind oder Parasit? Kommunikation oder Manipulation?

Paul Bouissac, Universität Toronto 

Zusammenfassung. Der Verfasser prüft das Protokoll einer Interaktion zwischen einer Trainerin, einer Versuchsleiterin und dem Papagei Alex. Er kommt zu dem Schluß, daß das Tier unter der Hypothese, daß es diese Interaktion als einen sinnvollen Dialog erfährt, über eine grammatische und pragmatische Kompetenz verfügen müßte, die die von Pepperberg beschriebene simple Fähigkeit, Lautfolgen mit Konzepten zu korrelieren, weit übersteigt. Die außergewöhnliche Sensibilität des Papageis betrifft mehr die Lautmuster als die semantischen Strukturen, und seine interaktiven Äußerungen orientieren sich an zweiteiligen Lautfolgen und setzen die Anwesenheit eines kooperativen Partners sowie eines Rivalen voraus. Der Verfasser befürwortet daher die Hypothese, daß die untersuchte Interaktion für den Papagei nichts als eine Form des Duettierens ist, die möglicherweise durch niederfrequente Laute unterstützt wird, welche die Trainerin unwissentlich produziert. Aus ethologischer Perspektive betrachtet, behandelt die Trainerin den Vogel als Kind, das in einer Fremdsprache unterrichtet wird und entsprechend seinen Leistungen ausgeschimpft oder belohnt werden muß. Was die umgekehrte Frage betrifft, im Rahmen welches ethologischen Musters die Laborsituation für den Vogel Sinn macht, so weist der Verfasser darauf hin, daß der Vogel sich wie ein Parasit verhält, der Nahrung, soziale Betreuung und Schutz vor seinen natürlichen Feinden erlangt, indem er deren Junge nachahmt. Nach Ansicht des Verfassers liefert Pepperbergs Arbeit keine Belege dafür, daß der Papagei aufgrund des Unterrichts, dem er ausgesetzt war, kumulatives Wissen erworben hat; er hat eher seine manipulatorischen Fähigkeiten verbessert, wie wilde Papageien es auch in der Wildnis machen. Unter ethologischer Perspektive verschiebt sich also der Schwerpunkt der Erklärung für die bemerkenswerten Daten Pepperbergs weg von Hypothesen über Kommunikation und Kognition hin zu solchen über das situationsspezifische Manipulationsvermögen des Tieres. 
 


Kommunikation zwischen Mensch und Hund

Michael Fleischer, Ruhr-Universität, Bochum 

Zusammenfassung. Menschen und Hunde lassen sich vergleichen im Hinblick auf ihre Verhaltenssysteme, Umwelten und Kanäle der Zeichenproduktion und -rezeption sowie ihr Lernvermögen, ihre Zeichensysteme und ihre Weltbilder. Hunde haben wie Menschen die Fähigkeit, Gegenstände und Verhaltensweisen zu Zeichen zu machen, wie das Geschenk-Syndrom und das Wurfspiel-Syndrom zeigen. Bei der Kommunikation untereinander verteilen Hunde ihre Zeichen und Superzeichen in artspezifischer Weise auf den optischen, akustischen, taktilen und olfaktorischen Kanal. Hunde können auch mit Menschen kommunizieren, doch erfordern die Unterschiede in den bevorzugten Kanälen der Zeichenproduktion und -rezeption gegenseitige Adaptation und die Schaffung eines gemeinsamen Zeichenrepertoires im Umgang miteinander. Was die kulturelle Dimension der Interaktion von Mensch und Hund betrifft, so muß man unterscheiden zwischen dem Einsatz von Schutz- und Spürhunden, der auf dem tierischen Aggressions- und Spieltrieb beruht, und der Rolle von Hunden als Imagezeichen des Menschen, die allein von den Erfordernissen der menschlichen Gesellschaften diktiert ist. Zum Abschluß des Aufsatzes wird eine Liste von Kriterien angegeben, die über die Qualität der Interaktion und Kommunikation von Mensch und Hund entscheiden. 
 


Die Entwicklung von Interaktion, Semiose und Sprache

Horst M. Müller, Universität Bielefeld 

Zusammenfassung. Dieser Beitrag stellt ein Modell für die Phylogenese der drei Interaktionstypen vor, die bislang in der Natur vorkommen: die Interaktion der materiellen Objekte, die Semiose der Organismen und die Sprache der Menschen. Das Problem, wie aus abiotischer Materie Pflanzen, Tiere und schließlich so komplexe Organismen wie die Hominiden entstanden sind, kann heute als gelöst gelten, zumindest was die anatomischen Eigenschaften betrifft. Doch der Ursprung der Semiose und der grundlegenden Kognitionsprozesse ist noch umstritten. Gleiches gilt für die Emergenz der verbalen Kommunikation. Diese Fragen lassen sich nur befriedigend beantworten, wenn sie auf der Grundlage der Evolutionären Erkenntnistheorie beantwortet werden. Der vorliegende Artikel beschreibt die evolutiven Vorbedingungen der Anfänge des Bewußtseins und zeigt, wie es zu bestimmten Eigenschaften der unbelebten Materie in Beziehung gesetzt werden kann. 
 


Kommunikation zwischen Mensch und Vogel: Eine Fallstudie zu den kognitiven Fähigkeiten eines Papageis

Irene M. Pepperberg, Universität von Arizona, Tucson 

Zusammenfassung. Einem Afrikanischen Graupapagei wurde beigebracht, Lautfolgen der englischen Sprache zur Identifikation, Anforderung, Zurückweisung, Kategorisierung und Mengenangabe von mehr als 100 Gegenständen zu benutzen. Der Vogel lernte außerdem die An- und Abwesenheit von Gleichheit oder Verschiedenheit der Gegenstände in bezug auf bestimmte Merkmalskategorien anzuzeigen. Wenn man ihm Kollektionen von jeweils 7 Gegenständen (aus der Basismenge der 100 Gegenstände) präsentiert, die unterschiedliche Kombinationen von Form, Farbe und Material aufweisen, so ist er in der Lage, spezielle Informationen über ausgewählte Gegenstände lautsprachlich mitzuteilen; beispielsweise nennt er die Farbe des einzigen hölzernen Gegenstandes einer solchen Kollektion. Seine Leistung (75­85% richtige Antworten auf einschlägige Fragen) läßt darauf schließen, daß er die Bestandteile der gestellten Fragen ebenso wie die von ihm selbst geäußerten Gegenstandsbezeichnungen versteht. Das Verhalten des Papageis wird im Rahmen der Auseinandersetzungen über die Voraussetzungen und den Wert von Untersuchungen zur artübergreifenden Kommunikation diskutiert. 
 


Die Semiotik des Bildes: Zum Forschungsstand am Anfang der 90er Jahre

Göran Sonesson, Universität Lund 

Zusammenfassung. In den heutigen westlichen Kulturen überwiegt zwar die ikonische und/oder visuelle Kommunikation, doch kann man deshalb nicht sagen, daß sie zu dem Stadium vor der Einführung der Wortsprache zurückgekehrt sind. Die Paradoxie der Moderne besteht in der zunehmenden Standardisierung von jeweils scheinbar einzigartigen visuellen Gegenständen und zeigt sich in der Zunahme der Bildtypen, der Vermehrung der Bildtoken, dem Anwachsen der Bildsorten, dem Weitergreifen der Bildzirkulation und der Verstärkung der Bildaktivation durch Kanäle wie das Fernsehen und die Illustrierte, womit sich schließlich auch die Bildkommunikation immer mehr dem naiven Kommunikationsmodell der Informationswissenschaft anpaßt. Der vorliegende Artikel gibt eine kritische Darstellung der Versuche in der Bildsemiotik der letzten 20 Jahre, die Bildhaftigkeit von Bildern zu erfassen. Er behandelt Bilder als bildhafte Texte und konfrontiert die Methoden des Experiments, der Textanalyse, Systemanalyse und Textklassifikation mit ihren Ergebnissen. Die Analyse-Modelle von Greimas, Saint-Martin und der Gruppe µ werden anhand von Beispielen auf ihre Leistungsfähigkeit hin überprüft. Konzepte wie die der plastischen und ikonischen Schicht von Bildern und der Indexikalität von Photographien werden ausführlich diskutiert. 
 


Verhaltensprogramme, unmerkliche Mitteilungen und prozessuales Lernen

Günter Tembrock, Humboldt-Universität, Berlin 

Zusammenfassung. Der Verfasser betont die Wichtigkeit der semiotischen Ansätze in Sozio- und Psychobiologie und diskutiert Pepperbergs Forschungsdesign in diesem Rahmen. Erstens bezweifelt er den sprachlichen Charakter der Lautkontakte zwischen Experimentator und Graupapagei und behauptet, daß der Gebrauch nonverbaler Stimuli wirkungsvoller gewesen wäre. Zweitens führt er aus, daß die in der Sozialpsychologie entwickelten Methoden außergewöhnlichen Lernens weder erforderlich noch hilfreich sind für den Erwerb eines artübergreifenden Kodes durch einen Papagei. Drittens kritisiert er die Hypothese, daß Hunger zur Aktivierung eines Konzepts der Abwesenheit führt, die sich prinzipiell verbal kommentieren ließe, und setzt die These dagegen, daß Hunger nur ein Verhaltensprogramm auslöst, das in verschiedenen Verfahren der Nahrungssuche besteht und ohne jede Konzeptualisierung auskommt. Viertens problematisiert er die Kontrollierbarkeit der Lautkontakte in den Experimenten mit dem Argument, daß sie replizierbar sein müssen durch den Einsatz von Lautäußerungen unbekannter Personen und deren Fernübertragung durch Lautsprecher. Abschließend plädiert er dafür, an Pepperbergs Erklärung das Ockhamsche Messer anzulegen und die bemerkenswerten Ergebnisse ihrer Experimente ohne Kommunikation im starken Sinne, aber mithilfe von konzeptuellem, diskriminatorischem und prozessualem Lernen zu erklären. Die Semiotik bleibt gefordert, die sozialen und ökologischen Vorausetzungen der Interaktion von Mensch und Tier zu klären. 
 


Zeichenprozesse als Bedingungen der Möglichkeit von Leben und Evolution: Zur Notwendigkeit einer Molekularpragmatik

Günther Witzany 

Zusammenfassung. Der Autor vertritt die These, daß Leben nur unter der Bedingung semiotischer Prozesse möglich ist. Die Annahme einer semiotisch organisierten Natur und einer semiotisch gesteuerten Evolution ist eine Weiterentwicklung und Verallgemeinerung der handlungstheoretisch orientierten Pragmatik im Hinblick auf aktuelle Forschungsergebnisse der biologischen Taxonomie, Molekularbiologie, Biochemie, Soziobiologie und Evolutionstheorie. Gerade der Bereich intraorganismischer Semiosen verdeutlicht, daß elementare Lebensprozesse ohne Zeichenprozesse unmöglich wären. In dieser Perspektive erscheint auch Evolution nicht mehr als Ergebnis von Mutation und Selektion, sondern von generativen Semiosen und deren Bewährung im Horizont von Natur als "universaler Interaktionsgemeinschaft". 
 
 

 


 
 © 1999-2002, Webmaster
Arbeitsstelle für Semiotik, Institut für Sprache und Kommunikation, Fak. 1, Technische Universität Berlin, Berlin, Germany