Herbert Bock und Boge Zafirov
Der sprachliche Umgang mit Müll und Abfall: Eine
zeichenbezogene Untersuchung von Presseberichten
Monica den Boer
Zitieren vor Gericht: Beispiele aus der niederländischen
Strafjustiz
Katrin Kerstan und Gerald Honsel
Die Jenninger-Rede: Zum Zitierverhalten deutscher Politiker
und Journalisten
Bernhard F. Scholz
"Vorsprung durch Technik" oder "Vorsprung durch Tomate"?
Zitat, Parodie, Plagiat und andere intertextuelle Beziehungen
Thomas-M. Seibert
Vom Verfassungsrecht auf richtiges Zitieren
Christel Weiler
?"Nijinski"? ?"Marceau"? Zitieren in Ballett und
Pantomime
Gloria Withalm
Von Duschen, Kinderwagen und Lüftungsschächten:
Methoden des Verweisens im Film
Jürgen Ziegler
Zitieren als interkulturelle Praxis: Lateinische Schrift
in japanischen Texten
Der sprachliche Umgang mit Müll
und Abfall: Eine zeichenbezogene Untersuchung von Presseberichten
Herbert Bock und Boge Zafirov, Hochschule für Technik
und Wirtschaft Görlitz
Zusammenfassung. In dieser Studie werden Presseberichte zum Thema "Müll-"
und "Abfall-Notstand" aus den Jahren 19841989 untersucht. Die Textbasis
besteht aus 23 Artikeln in 12 verschiedenen deutschen Zeitungen bzw. Zeitschriften.
Der inhaltliche Schwerpunkt der Analysen liegt auf Aussagen zur Gesamtsituation
der Müll- und Abfallproblematik, zu den dabei relevanten Stoffen,
sowie zu den Lagerstätten dieser Stoffe, den Deponien. Für diese
Themenbereiche werden die wichtigsten sprachlichen Kennzeichnungen (d.h.
Schlüsselwörter wie Flut, Lawine usw. für die Gesamtsituation)
festgestellt, die nach Kategorien unterschiedenen Detailinformationen (d.h.
semantische Teilaspekte wie Mitteilungen über Verursacher und Folgen
dieser Situation) identifiziert und die Thematisierungshäufigkeiten
von semantischen Teilaspekten in bezug auf jedes Schlüsselwort als
Thematisierungsprofile dargestellt. Die Ergebnisse zeigen unter anderem,
daß bei den ausgewählten Presseberichten die Aussagen zur Müll-
und Abfallvermeidung nicht nur einen verschwindend geringen Anteil aufweisen,
sondern auch, daß der Leser durch die konkrete Wortwahl selten als
Verursacher angesprochen wird.
Zitieren vor Gericht: Beispiele aus der
niederländischen Strafjustiz
Monica den Boer, Universität Edinburgh
Zusammenfassung. Mündliche Zitate sind immer "unterwegs" und darum
nur schwer greifbar. Auswahl und Verschiebung in einen anderen Kontext
geben nicht nur dem zitierten Fragment Leben und Bedeutung, sondern stellen
auch neue Verbindungen her zwischen Texten bzw. Diskursen verschiedener
Art. Im Strafrechtsdiskurs bewahren Zitate insbesondere die Kontinuität
zwischen den Teildiskursen. Nun ist Zitieren vor Gericht sehr zeitaufwendig;
daher wird es fast nur zu strategischen Zwecken eingesetzt. Drei Formen
strategischen Zitierens werden in diesem Beitrag besprochen: selektives
Zitieren mit dem Ziel, Angeklagte oder Zeugen dazu zu bringen, Widersprüche
zu beseitigen, Einbetten des Zitierens in einen neuen Kontext, Einfügen
metasprachlicher Hilfsmittel. Abschließend wird kurz die Rolle von
Zitaten im Verhandlungsprotokoll erörtert.
Die Jenninger-Rede: Zum Zitierverhalten
deutscher Politiker und Journalisten
Katrin Kerstan und Gerald Honsel, Universität Bielefeld
Zusammenfassung. Am 10. November 1988 hielt Philipp Jenninger, der damalige
Präsident des Deutschen Bundestags, eine Rede zum Gedenken der Judenpogrome,
die 50 Jahre vorher in Deutschland verübt worden waren. Die anwesenden
Abgeordneten und Journalisten verstanden etwas anderes als das, was der
Redner ihnen vermitteln wollte. Dies führte schließlich dazu,
daß der Redner sich gezwungen sah, sein Amt als Bundestagspräsident
niederzulegen. Grund war die Art, wie Jenninger die Äußerungen
von Zeitgenossen der Pogrome zitierte; sie spiegelt sich in der Art, wie
Journalisten Jenninger in den Zeitungen zitierten. Der vorliegende Beitrag
untersucht seine typischen Zitierweisen und zeigt, inwiefern die Praxis
und das Verständnis des Zitierens den Intentionen des Redners zuwiderliefen.
"Vorsprung durch Technik" oder "Vorsprung
durch Tomate"? Zitat, Parodie, Plagiat und andere intertextuelle Beziehungen
Bernhard F. Scholz, Universität Utrecht
Zusammenfassung. Dieser Beitrag untersucht einige logische Merkmale
intertextueller Beziehungen. Der Verfasser wählt als Ausgangspunkt
den international bekannten Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" sowie
sein parodistisches Gegenstück "Vorsprung durch Tomate" und stellt
fest, daß die Beziehung zwischen Original und Parodie asymmetrisch
ist, insofern ersteres letzterem zeitlich vorangehen muß. Außerdem
zeigt er, daß der Leser selbst dann, wenn ihm die Reihenfolge der
Textproduktion nicht bekannt ist, stillschweigend bei der Interpretation
einen Zeitindex einbezieht. Der Verfasser überträgt diese Fragestellung
dann auf andere intertextuelle Beziehungen wie das Zitat und das Plagiat
und diskutiert deren Eignung zu transitivem und/oder intransitivem Gebrauch.
Wie abschließend gezeigt wird, müssen zeitliche und ontologische
Priorität von Texten nicht immer zusammenfallen: In der biblischen
Typologie ist die Figura zwar historisch früher aber ontologisch sekundär
gegenüber der Veritas. Festzuhalten bleibt, daß der Begriffsapparat
der abendländischen Literaturwissenschaft eher die Reihenfolge der
Textproduktion berücksichtigt als die potentielle Umkehrung der Zeitrelation
in der Rezeption.
Vom Verfassungsrecht auf richtiges Zitieren
Thomas-M. Seibert, Landgericht Frankfurt am Main
Zusammenfassung. Anstelle verbotener Bedeutungen sanktioniert die deutsche
Rechtsprechung neuerdings in unterschiedlicher Weise die Verletzung pragmatischer
Formprinzipien. Dazu gehören Anforderungen für richtiges Zitieren,
denen das Bundesverfassungsgericht Verfassungsrang zuerkannt hat. Diesen
erstaunlichen Vorgang veranschaulichen zwei Fälle, in denen politische
Gegenspieler aufeinandertrafen (Heinrich Böll und Matthias Walden,
Erhard Eppler und die baden-württembergische CDU).
?"Nijinski"? ?"Marceau"? Zitieren
in Ballett und Pantomime
Christel Weiler, Universität Gießen
Zusammenfassung. Die folgenden Überlegungen gehen der Frage nach,
wie im Zusammenhang mit Ballett und Pantomime sinnvoll von Zitaten gesprochen
werden kann. Dabei wird zunächst auf die rein körperlichen Zitierweisen
abgehoben und versucht, das Zitat als Präsentation einer fremden Äußerung
von einer eigenen Äußerung zu unterschieden. In einem zweiten
Schritt stehen avancierte Produktionen der Künste selbst im Zentrum.
Die ausgewählten Beispiele verdeutlichen, daß den beiden Genres
semiotische Grundlagen eignen, die ihnen gemäße Zitierweisen
hervorbringen und gleichzeitig die Frage nach deren Funktionen erheben.
Von Duschen, Kinderwagen und Lüftungsschächten:
Methoden des Verweisens im Film
Gloria Withalm, Hochschule für angewandte Kunst, Wien
Zusammenfassung. Der Themenkomplex der Zitate und zitatähnlichen
Anspielungen nimmt im Film einen breiten Raum ein, aber leider gibt es
noch zu wenige Untersuchungen dazu. Wie alle anderen Künste kennt
auch der Film eine Vielzahl von Praktiken, auf ein anderes Werk zu verweisen,
und dank des spezifischen Kompositcharakters des Films mit seinen vielen
Kodes und Zeichensystemen sind sie in diesem Medium besonders reichhaltig.
Im vorliegenden Beitrag werden in einem ersten Schritt die unterschiedlichen
Verfahren des Zitierens und Referierens isoliert und die Funktionen ermittelt,
die einem Zitat oder einer Anspielung zugewiesen werden können. Die
Kategorien reichen vom Zitat im engeren Sinne, d.h. der tatsächlichen
Verwendung von Filmausschnitten (entweder dadurch "markiert", daß
Filmfiguren einen Film sehen, oder direkt montiert), über ein "Remake"
sowohl von berühmten Szenen als auch von kleinen Handlungen sowie
die Übernahme von Montagemustern, Dekorationen oder Kostümen
bis hin zu verbalen und musikalischen Zitaten oder Anspielungen (Dialogzeilen,
Motiven einer Filmmusik) und zur visuellen Präsenz von Filmplakaten,
Fotos etc. Auch in bezug auf die Funktionen eines Zitats gibt es vielfältige
Möglichkeiten: bloße Hintergrundinformation, Hommage an einen
bestimmten Regisseur, ein Genre oder eine Epoche der Filmgeschichte, Anreicherung
der Handlung oder der Personencharakterisierung, Handlungskommentar, Genreparodie
usw. Allzu häufig überlappen sowohl die Methoden als auch die
Funktionen; die primäre Bedeutung eines bestimmten Zitats oder einer
bestimmten Anspielung kann nur in der eingehenden Analyse des gesamten
Films herausgefiltert werden.
Zitieren als interkulturelle Praxis:
Lateinische Schrift in japanischen Texten
Jürgen Ziegler, Universität Fukushima
Zusammenfassung. Die lateinische Schrift ist im heutigen Japan allgegenwärtig.
Der Beitrag untersucht, wo lateinische Buchstaben in Japan vorkommen und
vorkommen können sowie welche Funktion sie dabei haben. Obgleich sie
nicht eigentlich ins japanische Schriftsystem integriert sind, kann ihr
bisweilen exzessiver und unsinnig erscheinender Gebrauch aus einer stilistischen
Dimension erklärt werden, die im japanischen Schriftsystem selbst
angelegt ist. Abschließend wird kurz ihre operative Verwendung bei
der maschinellen Generierung japanischer Texte dargestellt.