Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Zitat, Text und Intertext
Jahr: 1992
Band:  14
Heft: 3

 
Herbert Bock und Boge Zafirov
Der sprachliche Umgang mit Müll und Abfall: Eine zeichenbezogene Untersuchung von Presseberichten

Monica den Boer
Zitieren vor Gericht: Beispiele aus der niederländischen Strafjustiz

Katrin Kerstan und Gerald Honsel
Die Jenninger-Rede: Zum Zitierverhalten deutscher Politiker und Journalisten

Bernhard F. Scholz
"Vorsprung durch Technik" oder "Vorsprung durch Tomate"? Zitat, Parodie, Plagiat und andere intertextuelle Beziehungen

Thomas-M. Seibert
Vom Verfassungsrecht auf richtiges Zitieren

Christel Weiler
?"Nijinski"? ­ ?"Marceau"? Zitieren in Ballett und Pantomime

Gloria Withalm
Von Duschen, Kinderwagen und Lüftungsschächten: Methoden des Verweisens im Film

Jürgen Ziegler
Zitieren als interkulturelle Praxis: Lateinische Schrift in japanischen Texten
 


Der sprachliche Umgang mit Müll und Abfall: Eine zeichenbezogene Untersuchung von Presseberichten

Herbert Bock und Boge Zafirov, Hochschule für Technik und Wirtschaft Görlitz 

Zusammenfassung. In dieser Studie werden Presseberichte zum Thema "Müll-" und "Abfall-Notstand" aus den Jahren 1984­1989 untersucht. Die Textbasis besteht aus 23 Artikeln in 12 verschiedenen deutschen Zeitungen bzw. Zeitschriften. Der inhaltliche Schwerpunkt der Analysen liegt auf Aussagen zur Gesamtsituation der Müll- und Abfallproblematik, zu den dabei relevanten Stoffen, sowie zu den Lagerstätten dieser Stoffe, den Deponien. Für diese Themenbereiche werden die wichtigsten sprachlichen Kennzeichnungen (d.h. Schlüsselwörter wie Flut, Lawine usw. für die Gesamtsituation) festgestellt, die nach Kategorien unterschiedenen Detailinformationen (d.h. semantische Teilaspekte wie Mitteilungen über Verursacher und Folgen dieser Situation) identifiziert und die Thematisierungshäufigkeiten von semantischen Teilaspekten in bezug auf jedes Schlüsselwort als Thematisierungsprofile dargestellt. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, daß bei den ausgewählten Presseberichten die Aussagen zur Müll- und Abfallvermeidung nicht nur einen verschwindend geringen Anteil aufweisen, sondern auch, daß der Leser durch die konkrete Wortwahl selten als Verursacher angesprochen wird. 
 


Zitieren vor Gericht: Beispiele aus der niederländischen Strafjustiz

Monica den Boer, Universität Edinburgh 

Zusammenfassung. Mündliche Zitate sind immer "unterwegs" und darum nur schwer greifbar. Auswahl und Verschiebung in einen anderen Kontext geben nicht nur dem zitierten Fragment Leben und Bedeutung, sondern stellen auch neue Verbindungen her zwischen Texten bzw. Diskursen verschiedener Art. Im Strafrechtsdiskurs bewahren Zitate insbesondere die Kontinuität zwischen den Teildiskursen. Nun ist Zitieren vor Gericht sehr zeitaufwendig; daher wird es fast nur zu strategischen Zwecken eingesetzt. Drei Formen strategischen Zitierens werden in diesem Beitrag besprochen: selektives Zitieren mit dem Ziel, Angeklagte oder Zeugen dazu zu bringen, Widersprüche zu beseitigen, Einbetten des Zitierens in einen neuen Kontext, Einfügen metasprachlicher Hilfsmittel. Abschließend wird kurz die Rolle von Zitaten im Verhandlungsprotokoll erörtert. 
 


Die Jenninger-Rede: Zum Zitierverhalten deutscher Politiker und Journalisten

Katrin Kerstan und Gerald Honsel, Universität Bielefeld 

Zusammenfassung. Am 10. November 1988 hielt Philipp Jenninger, der damalige Präsident des Deutschen Bundestags, eine Rede zum Gedenken der Judenpogrome, die 50 Jahre vorher in Deutschland verübt worden waren. Die anwesenden Abgeordneten und Journalisten verstanden etwas anderes als das, was der Redner ihnen vermitteln wollte. Dies führte schließlich dazu, daß der Redner sich gezwungen sah, sein Amt als Bundestagspräsident niederzulegen. Grund war die Art, wie Jenninger die Äußerungen von Zeitgenossen der Pogrome zitierte; sie spiegelt sich in der Art, wie Journalisten Jenninger in den Zeitungen zitierten. Der vorliegende Beitrag untersucht seine typischen Zitierweisen und zeigt, inwiefern die Praxis und das Verständnis des Zitierens den Intentionen des Redners zuwiderliefen. 
 


"Vorsprung durch Technik" oder "Vorsprung durch Tomate"? Zitat, Parodie, Plagiat und andere intertextuelle Beziehungen

Bernhard F. Scholz, Universität Utrecht 

Zusammenfassung. Dieser Beitrag untersucht einige logische Merkmale intertextueller Beziehungen. Der Verfasser wählt als Ausgangspunkt den international bekannten Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" sowie sein parodistisches Gegenstück "Vorsprung durch Tomate" und stellt fest, daß die Beziehung zwischen Original und Parodie asymmetrisch ist, insofern ersteres letzterem zeitlich vorangehen muß. Außerdem zeigt er, daß der Leser selbst dann, wenn ihm die Reihenfolge der Textproduktion nicht bekannt ist, stillschweigend bei der Interpretation einen Zeitindex einbezieht. Der Verfasser überträgt diese Fragestellung dann auf andere intertextuelle Beziehungen wie das Zitat und das Plagiat und diskutiert deren Eignung zu transitivem und/oder intransitivem Gebrauch. Wie abschließend gezeigt wird, müssen zeitliche und ontologische Priorität von Texten nicht immer zusammenfallen: In der biblischen Typologie ist die Figura zwar historisch früher aber ontologisch sekundär gegenüber der Veritas. Festzuhalten bleibt, daß der Begriffsapparat der abendländischen Literaturwissenschaft eher die Reihenfolge der Textproduktion berücksichtigt als die potentielle Umkehrung der Zeitrelation in der Rezeption. 
 


Vom Verfassungsrecht auf richtiges Zitieren

Thomas-M. Seibert, Landgericht Frankfurt am Main 

Zusammenfassung. Anstelle verbotener Bedeutungen sanktioniert die deutsche Rechtsprechung neuerdings in unterschiedlicher Weise die Verletzung pragmatischer Formprinzipien. Dazu gehören Anforderungen für richtiges Zitieren, denen das Bundesverfassungsgericht Verfassungsrang zuerkannt hat. Diesen erstaunlichen Vorgang veranschaulichen zwei Fälle, in denen politische Gegenspieler aufeinandertrafen (Heinrich Böll und Matthias Walden, Erhard Eppler und die baden-württembergische CDU). 
 


?"Nijinski"? ­ ?"Marceau"? Zitieren in Ballett und Pantomime

Christel Weiler, Universität Gießen 

Zusammenfassung. Die folgenden Überlegungen gehen der Frage nach, wie im Zusammenhang mit Ballett und Pantomime sinnvoll von Zitaten gesprochen werden kann. Dabei wird zunächst auf die rein körperlichen Zitierweisen abgehoben und versucht, das Zitat als Präsentation einer fremden Äußerung von einer eigenen Äußerung zu unterschieden. In einem zweiten Schritt stehen avancierte Produktionen der Künste selbst im Zentrum. Die ausgewählten Beispiele verdeutlichen, daß den beiden Genres semiotische Grundlagen eignen, die ihnen gemäße Zitierweisen hervorbringen und gleichzeitig die Frage nach deren Funktionen erheben. 
 


Von Duschen, Kinderwagen und Lüftungsschächten: Methoden des Verweisens im Film

Gloria Withalm, Hochschule für angewandte Kunst, Wien 

Zusammenfassung. Der Themenkomplex der Zitate und zitatähnlichen Anspielungen nimmt im Film einen breiten Raum ein, aber leider gibt es noch zu wenige Untersuchungen dazu. Wie alle anderen Künste kennt auch der Film eine Vielzahl von Praktiken, auf ein anderes Werk zu verweisen, und dank des spezifischen Kompositcharakters des Films mit seinen vielen Kodes und Zeichensystemen sind sie in diesem Medium besonders reichhaltig. Im vorliegenden Beitrag werden in einem ersten Schritt die unterschiedlichen Verfahren des Zitierens und Referierens isoliert und die Funktionen ermittelt, die einem Zitat oder einer Anspielung zugewiesen werden können. Die Kategorien reichen vom Zitat im engeren Sinne, d.h. der tatsächlichen Verwendung von Filmausschnitten (entweder dadurch "markiert", daß Filmfiguren einen Film sehen, oder direkt montiert), über ein "Remake" sowohl von berühmten Szenen als auch von kleinen Handlungen sowie die Übernahme von Montagemustern, Dekorationen oder Kostümen bis hin zu verbalen und musikalischen Zitaten oder Anspielungen (Dialogzeilen, Motiven einer Filmmusik) und zur visuellen Präsenz von Filmplakaten, Fotos etc. Auch in bezug auf die Funktionen eines Zitats gibt es vielfältige Möglichkeiten: bloße Hintergrundinformation, Hommage an einen bestimmten Regisseur, ein Genre oder eine Epoche der Filmgeschichte, Anreicherung der Handlung oder der Personencharakterisierung, Handlungskommentar, Genreparodie usw. Allzu häufig überlappen sowohl die Methoden als auch die Funktionen; die primäre Bedeutung eines bestimmten Zitats oder einer bestimmten Anspielung kann nur in der eingehenden Analyse des gesamten Films herausgefiltert werden. 
 


Zitieren als interkulturelle Praxis: Lateinische Schrift in japanischen Texten

Jürgen Ziegler, Universität Fukushima 

Zusammenfassung. Die lateinische Schrift ist im heutigen Japan allgegenwärtig. Der Beitrag untersucht, wo lateinische Buchstaben in Japan vorkommen und vorkommen können sowie welche Funktion sie dabei haben. Obgleich sie nicht eigentlich ins japanische Schriftsystem integriert sind, kann ihr bisweilen exzessiver und unsinnig erscheinender Gebrauch aus einer stilistischen Dimension erklärt werden, die im japanischen Schriftsystem selbst angelegt ist. Abschließend wird kurz ihre operative Verwendung bei der maschinellen Generierung japanischer Texte dargestellt. 
 
 

 


 
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