Penny Boyes Braem
Zitat und Zitieren in den Gebärdensprachen der Gehörlosen
Claus Dreyer
Zitat und Zitieren in zeitgenössischer Architektur
Arnold Günther
Der logische Status der Anführungszeichen
Vladimir Karbusicky
Zitat und Zitieren in der Musik
Roland Posner
Zitat und Zitieren von Äußerungen, Ausdrücken
und Kodes
Sixten Ringbom
Direkte und indirekte Rede im Bild
Karl-Heinrich Schmidt
Zitate in musterverarbeitenden Forschungsprozessen
Christian Weyers
Zur Entwicklung der Anführungszeichen in gedruckten
Texten
Zitat und Zitieren in den Gebärdensprachen
der Gehörlosen
Penny Boyes Braem, Forschungszentrum für Gebärdensprache
Basel
Zusammenfassung. Die Ergebnisse dreißigjähriger Forschung
zeigen, daß die in Gehörlosengemeinschaften benutzten Gebärdensprachen
von einer Komplexität sind, die mit derjenigen der Lautsprachen durchaus
vergleichbar ist. Das Zitieren in Gebärdensprachen geschieht in zwei
verschiedenen Präsentationsstilen, die hier "Erzählerstil" und
"Teilnehmerstil" genannt werden. Jeder dieser Stile ist charakterisiert
durch spezifisches Blickverhalten, Gesichtsausdruck und Orientierung von
Kopf und Oberkörper sowie die Bewegung der Gebärde im Raum. Beim
Zitieren von Sprachereignissen scheint der Erzählerstil für indirekte,
der Teilnehmerstil für direkte Rede verwendet zu werden. Direkte Rede
in Gebärdensprachen kann jedoch, im Gegensatz zu Lautsprachen wie
Deutsch oder Englisch, nicht mit wörtlichem Zitat gleichgesetzt werden.
Wörtliche Zitate in Gebärdensprachen benutzen unter manchen Bedingungen
den Erzählerstil, unter anderen Bedingungen den besonders gekennzeichneten
Teilnehmerstil.
Zitat und Zitieren in zeitgenössischer
Architektur
Claus Dreyer, Fachhochschule Lippe, Abteilung Detmold
Zusammenfassung. Der Begriff des Zitats wird gegen den der Imitation
abgegrenzt und präzisiert. An einer Reihe von Beispielen aus der Architektur
der Gegenwart werden verschiedene Arten von Zitaten und Zitierweisen beschrieben.
Daraus werden für die Architektur typische Strategien des Zitierens
und Formen des Zitats abgeleitet. Abschließend wird nach dem Sinn
des Gebrauchs von Zitaten im kulturellen Kontext gefragt und ihnen eine
wichtige Aufgabe bei der Konstitution von Symbolen in der menschengemachten
Umwelt zugewiesen.
Der logische Status der Anführungszeichen
Arnold Günther, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Die verschiedenen Auffassungen über die Natur
der Anführung, die in der nach-Fregeschen Logik und in der Analytischen
Philosophie vorgetragen worden sind, werden kurz dargestellt. Tarskis Theorie
wird ausführlicher behandelt als die anderen, weil mit ihr die philosophische
und logische Diskussion anfing und die anderen Auffassungen in explizitem
Gegensatz zu ihr entwickelt oder skizziert wurden. Es wird für jede
Theorie versucht, ihren Kern in einer charakteristischen These zu fassen:
die Eigennamen-Theorie, die Funktions-Theorie, die Buchstaben-Theorie,
die Bild-Theorie, die Gebrauchs-Theorie und die Zeige-Theorie der Anführungszeichen.
Zitat und Zitieren in der Musik
Vladimir Karbusicky, Universität Hamburg
Zusammenfassung. Musik ist kein argumentatives System. "Zitate" können
in der Musik nicht etwas belegen, beweisen. Vielmehr haben sie eine strukturell
produktive und semantisierende Funktion. Rudimentäre Zitiervorgänge
gehören zu den Techniken der Formung von Klangstrukturen: sprachähnliche
Tonformeln, variierte Wiederholung, Imitation, wiederkehrendes Leitmotiv.
In der Musikästhetik wurde deshalb das Zitat relativ spät als
semiosisches Phänomen entdeckt, die Terminologie ist diffus. Der vorliegende
Beitrag soll mit Hilfe eines strukturalen Modells von drei verschiebbaren
Achsen (Umfang; semantische Metamorphose; Deutlichkeit) die Vielfalt und
das Spezifische der Zitierweisen in der Musik erfassen.
Zitat und Zitieren von Äußerungen,
Ausdrücken und Kodes
Roland Posner, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Dieser einführende Beitrag präsentiert Zitat
und Zitieren als Spezialfall intertextueller Beziehungen. Er plädiert
für eine Operationalisierung des Begriffs der Intertextualität,
welche die pauschale Folge vermeidet, daß jeder Text ein Intertext
sei. Als grundlegende Zitatsorte wird das Äußerungszitat behandelt,
das im Verweis auf eine fremde Äußerung durch Wiederholung der
in ihr auftretenden Ausdrücke besteht. Ihm wird das Ausdruckszitat
gegenübergestellt, das auf Ausdrücke verweist und dabei von ihrem
Auftreten in spezifischen Äußerungen absieht. Zu letzterem wird
neben der grammatischen Anführung die modalisierende Anführung
gerechnet. Grenzfälle des Ausdruckszitats sind das Figurenzitat, in
dem auf Bestandteile kodierter Zeichen verwiesen wird, sowie das Kodezitat,
das auf einen Kode verweist, welcher als solcher zum Zeichen geworden ist.
Besondere Aufmerksamkeit wird der Frage gewidmet, welche Zeichenträger
in nichtsprachlichen Medien als Anführungszeichen fungieren. Zu ihnen
gehört der Kodewechsel, die metasemiotische Abgrenzung und die Juxtaposition
von zitateinführendem und zitierendem Zeichenkomplex innerhalb derselben
Semiose-Einheit. Im letzten Falle wird die Unterscheidbarkeit des zitierenden
Zeichens vom zitateinführenden Kontext erleichtert durch besondere
Maßnahmen wie 1. die fokussierende Artikulation, 2. die Kennzeichnung
des zitierenden Zeichens als Text im Text, 3. die Niveauabstufung, 4. das
Verblassen, 5. die Stilisierung und 6. die kurze Unterbrechung der Zeichenproduktion
beim Übergang vom zitateinführenden zum zitierenden Zeichenkomplex.
Die Frage, was ein Zeichenproduzent durch den zitierenden Verweis auf andere
Zeichen gewinnt, wird durch die Gegenüberstellung von dokumentierendem
und kreativem Zitieren beantwortet. Kreatives Zitieren stellt sich heraus
als ein zentrales kollektives Verfahren zur Semiotisierung unserer Welt.
Direkte und indirekte Rede im Bild
Sixten Ringbom, Åbo Akademi, Finnland
Zusammenfassung. Für die visuelle Kunst ist es eine interessante
Herausforderung, für den Bildbetrachter auch den Inhalt von Gesprächen,
Gedanken, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahrnehmungen der Protagonisten
im Bilde festzuhalten. Gegen Ende des Mittelalters stand für diesen
Zweck ein breites Spektrum von Darstellungsmitteln zur Verfügung.
Das Schriftband gab genau die Worte des Protagonisten wieder, zu dem es
gehörte. In Bildzyklen konnte man den Sprecher, Träumer usw.
im ersten Bild einführen und den Inhalt der Rede, des Traumes usw.
in den nächsten Bildern zeigen. In Einzelbildern ("monoszenisches
Verfahren") gab es für diese Aufgabe grundsätzlich vier Standardlösungen:
(1) die Nebeneinanderstellung von Protagonist und Inhalt, (2) die räumliche
Differenzierung, (3) das Bild im Bild und (4) die Niveau-Abstufung. Die
meisten dieser Darstellungsmittel wurden von den Theoretikern der Renaissance
und des Klassizismus verworfen, sie hielten sich aber trotzdem in der volkstümlichen
Illustrationskunst, fanden Eingang in die Bilderstreifen und wurden schließlich
durch antiakademische Bewegungen von den Prä-Raphaeliten bis hin zu
den Expressionisten und den Pop-Künstlern wiederaufgegriffen. Im vorliegenden
Aufsatz wird versucht, die betreffenden bildlichen Darstellungsmittel als
Gegenstücke der direkten und indirekten Rede in den natürlichen
Sprachen aufzufassen. Dieser Ansatz führt allerdings zu bestimmten
Problemen, von denen einige hier diskutiert werden.
Zitate in musterverarbeitenden Forschungsprozessen
Karl-Heinrich Schmidt, Philips Forschungslaboratorium Hamburg
Zusammenfassung. Zum Forschungsprozeß in den experimentellen Wissenschaften
gehört einerseits die gezielte Erzeugung von Effekten im Labor und
andererseits die Behauptung von Aussagen in der Argumentation. Gelingt
es, zwischen den Effekten und den Aussagen eine feste Kopplung herzustellen,
so erhält der Forschungsprozeß die Qualität, ein Ergebnis
zu haben. Der vorliegende Beitrag untersucht die spezielle Kopplung von
Effekt und Aussage, die innerhalb wissenschaftlicher Publikationen durch
das Zitieren von experimentell erzeugten Mustern hergestellt wird. Er beschreibt
die Voraussetzungen, die Muster erfüllen müssen, damit sie zitiert
werden können, und prüft, wie sich durch solche Zitate die Korrektheit
und Vollständigkeit der betreffenden mustererzeugenden Verfahren nachweisen
läßt.
Zur Entwicklung der Anführungszeichen
in gedruckten Texten
Christian Weyers, Universität Trier
Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht Form und Funktion der Anführungszeichen
in den europäischen Sprachen seit der Einführung des Buchdrucks.
Er vergleicht sie mit anderen Zeichenpaaren wie den Klammern sowie den
Frage- und Ausrufezeichen in spanischen Texten. Die Entwicklung der Anführungszeichen
wird am Beispiel der gedruckten Ausgaben der Äsopischen Fabeln des
Phaedrus und der Rhetorik des Quintilian nachgezeichnet. Wie sich zeigt,
besteht bis zum heutigen Tag im Formeninventar der Anführungszeichen
eine größere Vielfalt und in der Verwendung der Anführungszeichen
eine größere Freiheit als bei den anderen Interpunktionszeichen,
was den Typographen eine beträchtliche Flexibilität bei der Unterscheidung
der verschiedenen Funktionen des Anführens von Ausdrücken in
direkter Rede, Nennung von Titeln, Beschreibung von Sprachbeispielen und
distanzierter Erwähnung ermöglicht.