Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Zitat und Zitieren
Jahr: 1992
Band:  14
Heft: 1 / 2

 
Penny Boyes Braem 
Zitat und Zitieren in den Gebärdensprachen der Gehörlosen

Claus Dreyer
Zitat und Zitieren in zeitgenössischer Architektur

Arnold Günther
Der logische Status der Anführungszeichen

Vladimir Karbusicky
Zitat und Zitieren in der Musik

Roland Posner
Zitat und Zitieren von Äußerungen, Ausdrücken und Kodes

Sixten Ringbom
Direkte und indirekte Rede im Bild

Karl-Heinrich Schmidt
Zitate in musterverarbeitenden Forschungsprozessen

Christian Weyers
Zur Entwicklung der Anführungszeichen in gedruckten Texten
 


Zitat und Zitieren in den Gebärdensprachen der Gehörlosen

Penny Boyes Braem, Forschungszentrum für Gebärdensprache Basel 

Zusammenfassung. Die Ergebnisse dreißigjähriger Forschung zeigen, daß die in Gehörlosengemeinschaften benutzten Gebärdensprachen von einer Komplexität sind, die mit derjenigen der Lautsprachen durchaus vergleichbar ist. Das Zitieren in Gebärdensprachen geschieht in zwei verschiedenen Präsentationsstilen, die hier "Erzählerstil" und "Teilnehmerstil" genannt werden. Jeder dieser Stile ist charakterisiert durch spezifisches Blickverhalten, Gesichtsausdruck und Orientierung von Kopf und Oberkörper sowie die Bewegung der Gebärde im Raum. Beim Zitieren von Sprachereignissen scheint der Erzählerstil für indirekte, der Teilnehmerstil für direkte Rede verwendet zu werden. Direkte Rede in Gebärdensprachen kann jedoch, im Gegensatz zu Lautsprachen wie Deutsch oder Englisch, nicht mit wörtlichem Zitat gleichgesetzt werden. Wörtliche Zitate in Gebärdensprachen benutzen unter manchen Bedingungen den Erzählerstil, unter anderen Bedingungen den besonders gekennzeichneten Teilnehmerstil. 
 


Zitat und Zitieren in zeitgenössischer Architektur

Claus Dreyer, Fachhochschule Lippe, Abteilung Detmold 

Zusammenfassung. Der Begriff des Zitats wird gegen den der Imitation abgegrenzt und präzisiert. An einer Reihe von Beispielen aus der Architektur der Gegenwart werden verschiedene Arten von Zitaten und Zitierweisen beschrieben. Daraus werden für die Architektur typische Strategien des Zitierens und Formen des Zitats abgeleitet. Abschließend wird nach dem Sinn des Gebrauchs von Zitaten im kulturellen Kontext gefragt und ihnen eine wichtige Aufgabe bei der Konstitution von Symbolen in der menschengemachten Umwelt zugewiesen. 
 


Der logische Status der Anführungszeichen

Arnold Günther, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Die verschiedenen Auffassungen über die Natur der Anführung, die in der nach-Fregeschen Logik und in der Analytischen Philosophie vorgetragen worden sind, werden kurz dargestellt. Tarskis Theorie wird ausführlicher behandelt als die anderen, weil mit ihr die philosophische und logische Diskussion anfing und die anderen Auffassungen in explizitem Gegensatz zu ihr entwickelt oder skizziert wurden. Es wird für jede Theorie versucht, ihren Kern in einer charakteristischen These zu fassen: die Eigennamen-Theorie, die Funktions-Theorie, die Buchstaben-Theorie, die Bild-Theorie, die Gebrauchs-Theorie und die Zeige-Theorie der Anführungszeichen. 
 


Zitat und Zitieren in der Musik

Vladimir Karbusicky, Universität Hamburg 

Zusammenfassung. Musik ist kein argumentatives System. "Zitate" können in der Musik nicht etwas belegen, beweisen. Vielmehr haben sie eine strukturell produktive und semantisierende Funktion. Rudimentäre Zitiervorgänge gehören zu den Techniken der Formung von Klangstrukturen: sprachähnliche Tonformeln, variierte Wiederholung, Imitation, wiederkehrendes Leitmotiv. In der Musikästhetik wurde deshalb das Zitat relativ spät als semiosisches Phänomen entdeckt, die Terminologie ist diffus. Der vorliegende Beitrag soll mit Hilfe eines strukturalen Modells von drei verschiebbaren Achsen (Umfang; semantische Metamorphose; Deutlichkeit) die Vielfalt und das Spezifische der Zitierweisen in der Musik erfassen. 
 


Zitat und Zitieren von Äußerungen, Ausdrücken und Kodes

Roland Posner, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. Dieser einführende Beitrag präsentiert Zitat und Zitieren als Spezialfall intertextueller Beziehungen. Er plädiert für eine Operationalisierung des Begriffs der Intertextualität, welche die pauschale Folge vermeidet, daß jeder Text ein Intertext sei. Als grundlegende Zitatsorte wird das Äußerungszitat behandelt, das im Verweis auf eine fremde Äußerung durch Wiederholung der in ihr auftretenden Ausdrücke besteht. Ihm wird das Ausdruckszitat gegenübergestellt, das auf Ausdrücke verweist und dabei von ihrem Auftreten in spezifischen Äußerungen absieht. Zu letzterem wird neben der grammatischen Anführung die modalisierende Anführung gerechnet. Grenzfälle des Ausdruckszitats sind das Figurenzitat, in dem auf Bestandteile kodierter Zeichen verwiesen wird, sowie das Kodezitat, das auf einen Kode verweist, welcher als solcher zum Zeichen geworden ist. Besondere Aufmerksamkeit wird der Frage gewidmet, welche Zeichenträger in nichtsprachlichen Medien als Anführungszeichen fungieren. Zu ihnen gehört der Kodewechsel, die metasemiotische Abgrenzung und die Juxtaposition von zitateinführendem und zitierendem Zeichenkomplex innerhalb derselben Semiose-Einheit. Im letzten Falle wird die Unterscheidbarkeit des zitierenden Zeichens vom zitateinführenden Kontext erleichtert durch besondere Maßnahmen wie 1. die fokussierende Artikulation, 2. die Kennzeichnung des zitierenden Zeichens als Text im Text, 3. die Niveauabstufung, 4. das Verblassen, 5. die Stilisierung und 6. die kurze Unterbrechung der Zeichenproduktion beim Übergang vom zitateinführenden zum zitierenden Zeichenkomplex. Die Frage, was ein Zeichenproduzent durch den zitierenden Verweis auf andere Zeichen gewinnt, wird durch die Gegenüberstellung von dokumentierendem und kreativem Zitieren beantwortet. Kreatives Zitieren stellt sich heraus als ein zentrales kollektives Verfahren zur Semiotisierung unserer Welt. 
 


Direkte und indirekte Rede im Bild

Sixten Ringbom, Åbo Akademi, Finnland 

Zusammenfassung. Für die visuelle Kunst ist es eine interessante Herausforderung, für den Bildbetrachter auch den Inhalt von Gesprächen, Gedanken, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahrnehmungen der Protagonisten im Bilde festzuhalten. Gegen Ende des Mittelalters stand für diesen Zweck ein breites Spektrum von Darstellungsmitteln zur Verfügung. Das Schriftband gab genau die Worte des Protagonisten wieder, zu dem es gehörte. In Bildzyklen konnte man den Sprecher, Träumer usw. im ersten Bild einführen und den Inhalt der Rede, des Traumes usw. in den nächsten Bildern zeigen. In Einzelbildern ("monoszenisches Verfahren") gab es für diese Aufgabe grundsätzlich vier Standardlösungen: (1) die Nebeneinanderstellung von Protagonist und Inhalt, (2) die räumliche Differenzierung, (3) das Bild im Bild und (4) die Niveau-Abstufung. Die meisten dieser Darstellungsmittel wurden von den Theoretikern der Renaissance und des Klassizismus verworfen, sie hielten sich aber trotzdem in der volkstümlichen Illustrationskunst, fanden Eingang in die Bilderstreifen und wurden schließlich durch antiakademische Bewegungen von den Prä-Raphaeliten bis hin zu den Expressionisten und den Pop-Künstlern wiederaufgegriffen. Im vorliegenden Aufsatz wird versucht, die betreffenden bildlichen Darstellungsmittel als Gegenstücke der direkten und indirekten Rede in den natürlichen Sprachen aufzufassen. Dieser Ansatz führt allerdings zu bestimmten Problemen, von denen einige hier diskutiert werden. 
 


Zitate in musterverarbeitenden Forschungsprozessen

Karl-Heinrich Schmidt, Philips Forschungslaboratorium Hamburg 

Zusammenfassung. Zum Forschungsprozeß in den experimentellen Wissenschaften gehört einerseits die gezielte Erzeugung von Effekten im Labor und andererseits die Behauptung von Aussagen in der Argumentation. Gelingt es, zwischen den Effekten und den Aussagen eine feste Kopplung herzustellen, so erhält der Forschungsprozeß die Qualität, ein Ergebnis zu haben. Der vorliegende Beitrag untersucht die spezielle Kopplung von Effekt und Aussage, die innerhalb wissenschaftlicher Publikationen durch das Zitieren von experimentell erzeugten Mustern hergestellt wird. Er beschreibt die Voraussetzungen, die Muster erfüllen müssen, damit sie zitiert werden können, und prüft, wie sich durch solche Zitate die Korrektheit und Vollständigkeit der betreffenden mustererzeugenden Verfahren nachweisen läßt. 
 


Zur Entwicklung der Anführungszeichen in gedruckten Texten

Christian Weyers, Universität Trier 

Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht Form und Funktion der Anführungszeichen in den europäischen Sprachen seit der Einführung des Buchdrucks. Er vergleicht sie mit anderen Zeichenpaaren wie den Klammern sowie den Frage- und Ausrufezeichen in spanischen Texten. Die Entwicklung der Anführungszeichen wird am Beispiel der gedruckten Ausgaben der Äsopischen Fabeln des Phaedrus und der Rhetorik des Quintilian nachgezeichnet. Wie sich zeigt, besteht bis zum heutigen Tag im Formeninventar der Anführungszeichen eine größere Vielfalt und in der Verwendung der Anführungszeichen eine größere Freiheit als bei den anderen Interpunktionszeichen, was den Typographen eine beträchtliche Flexibilität bei der Unterscheidung der verschiedenen Funktionen des Anführens von Ausdrücken in direkter Rede, Nennung von Titeln, Beschreibung von Sprachbeispielen und distanzierter Erwähnung ermöglicht. 
 
 

 


 
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