Einleitung:
Roland Posner
Zeichenkultur in Asien
Yoshihiko Ikegami
Die Funktion der leeren Mitte in der japanischen
Gesellschaft
Jan Brouwer
Die Gesellschaft als Körper: Geschlechtsspezifische
Arbeitsteilung in Südindien
Masatoshi A. Konishi
Zur Symbolik der bengalischen Bodenmalerei: Die
Âlpanâs des Mâghmandala-Rituals
Paravastu H. Govindarajan
Der Gebrauch der Handgesten im klassischen
indischen Kunsttanz (Bharata Nâtya)
Hans Petschar
Das Schachspiel als Spiegel der Kultur: Ein Vergleich
der Regelsysteme in Indien, China, Japan und Europa
Gerard J. van den Broek
Totemismus in der Industriekultur: Markenzeichen in
der Volksrepublik China
Frank Fiedeler
Die Zeichenlogik im Buch der Wandlungen (Yijing)
Einlage:
Götz Wienold
Natur oder Naturdarstellung? Ein Blick in japanische
Gärten
Einleitung:
Zeichenkultur in Asien
Roland Posner, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. In jeder Kultur werden ständig Zeichenprozesse
vollzogen, indem die Mitglieder der Gesellschaft Artefakte herstellen und
verwenden und dabei Kodes einsetzen und verändern. Die Zeichenprozesse
dienen der Überlieferung von Lebenserfahrung und prägen die Identität
der Kultur in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Auch der Austausch
zwischen den Kulturen ist kulturell geprägt. Während der europäische
Kulturverbund eine begrenzte Offenheit für Fremdes hat, ist das heutige
Japan kulturell besonders aufnahmefähig, was mit der japanischen Konzeption
von der leeren Mitte erklärt wird, und das hinduistische Indien stark
abweisend, was auf die indische Auffassung von der Gesellschaft als Körper
zurückgeführt wird. Die Zeichenpraxis der Inder, Chinesen und
Japaner läßt sich nicht ohne weiteres mit den Begriffen des
westlichen Zeichentheorien beschreiben. Semiotische Herausforderungen sind
die Annahme senderloser Semiosen, die Lockerung der Kodebindung, die Aufhebung
des Monopols der Sinnproduktion beim Sender, die Betonung des Vollzugs
der Semiose anstelle ihrer Resultate und die Unterscheidung von kontextfreier
Bedeutung, situationsabhängigen Inhalten und empfängerabhängiger
Wirkung in der Semiose. Anthropologisch herausfordernd ist die Feststellung,
daß die drei untersuchten Kulturen sehr weitgehende Projektionen
von der Struktur der Gesellschaft auf die ihrer Artefaktsysteme, ihrer
Kodes und ihrer Naturgliederung vornehmen. Sie gibt Anlaß zur allgemeinen
Diskussion der Frage, in welchem Maße eine Kultur überhaupt
auf identitätsbildende Sinnprojektion angewiesen ist.
Die Funktion der leeren Mitte in
der japanischen Gesellschaft
Yoshihiko Ikegami, Universität Tokio
Zusammenfassung. Die Stadt Tokio, die japanische Gedichtform des Haiku,
die Rolle des Chefs in japanischen Firmen und das Funktionieren des japanischen
kaiserlichen Rats werden als Beispiele einer semiotischen Struktur mit
leerer Mitte analysiert. Die leere Mitte dient dabei zur Lösung von
Gegensätzen aufgrund eines semiotischen Vorgangs, der sich in zwei
Schritten vollzieht: Zwei gegensätzlichen Termen werden zunächst
(in willkürlicher Weise) bestimmte Funktionen zugewiesen, die dann
in ein komplementäres Verhältnis zueinander gebracht werden,
das die gegensätzlichen Terme gleichwertig werden läßt.
Kulturelle Übernahmen, wie z.B. westliche neben herkömmlicher
Kleidung und Lehnwörter neben einheimischen Bezeichnungen belegen
diesen Vorgang. Die Funktion der "leeren Mitte" wird in Begriffen der Dynamik
neu interpretiert als Homologieprinzip.
Die Gesellschaft als Körper:
Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Indien
Jan Brouwer, Universität Leiden
Zusammenfassung. Der Beitrag analysiert die Beschränkungen, denen
die Frauen der südindischen Handwerkerkasten bei der Ausübung
eines Handwerks unterworfen sind, und verwendet dabei die Methoden der
semiotischen Ethnographie. Aus den Daten, die bei der Feldarbeit mit 14
Handwerkerkasten Karnatakas in den frühen 80er Jahren gewonnen wurden,
werden in mehreren Reduktionsschritten die Regeln gewonnen, die die Art
der Beteiligung einer Frau an einem Handwerk vorhersagbar machen. Diese
Regeln basieren auf der Kastenzugehörigkeit der Frau, der Herkunft
der Rohmaterialien, der Art der verwendeten Werkzeuge, den Tätigkeitsmerkmalen
der Arbeitsgänge sowie der Lebensdauer und dem Verwendungszweck der
Arbeitsprodukte. Wenn eine Hindu-Frau ein kastenspezifisches Handwerk ausübt,
so gehört sie einer seßhaften "rechten" Kaste an, bearbeitet
Rohmaterial, das am Wasser zu finden ist, benutzt mit hoher Wahrscheinlichkeit
ein Messer und keine als weiblich klassifizierten Geräte, vollzieht
die Hauptarbeitsgänge bei kurzlebigen oder Hilfstätigkeiten bei
langlebigen Arbeitsprodukten und stellt Gegenstände her, die in den
Übergangsbereichen des Körpers getragen werden. Für Frauen,
deren Mann gestorben ist, werden die Beschränkungen gelockert. Die
genannten Arbeitsmerkmale lassen sich erklären als Konsequenzen aus
kollektiven Vorstellungen über das Männliche (das Rechte) versus
das Weibliche (das Linke), über die Gesellschaft als menschlichen
Körper sowie über befleckendes und nichtbefleckendes Zusammenwirken
zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft bzw. den Teilen des Körpers.
Diese Vorstellungen sind aber dem Wandel unterworfen, der sich in der Umstellung
der Rohstoffgewinnung, im Übergang vom nomadischen zum seßhaften
Leben und in der Konfrontation der hinduistischen mit christlichen und
muslimischen Dorfbewohnern vollzieht.
Zur Symbolik der bengalischen Bodenmalerei:
Die Alpanas des Maghmandala-Rituals
Masatoshi A. Konishi, Rikkyo-Universität Tokio
Zusammenfassung. In vielen Teilen Indiens wird noch heute regelmäßig
im Rahmen eines Rituals der Boden vor dem Eingang eines Hauses mit ornamentartigen
Malereien verziert. Diese alpana genannte Bodenmalerei dient dazu, böse
Geister vom Hause fernzuhalten sowie einen beschützenden Gott zum
Hausaltar zu geleiten und ihn auf die im Gebet geäußerten Wünsche
aufmerksam zu machen. Das Maghmandala-Ritual wird im Winter in Bengalen
durchgeführt und beschwört die Sonne, wieder zu erstarken, fruchtbringend
wirksam zu werden und insbesondere eine frühe Heirat, die Geburt von
Söhnen und allgemeinen Wohlstand zu gewähren. Die in Ausübung
des Rituals ausgeführten Bodenmalereien bilden den Kosmos ab und plazieren
darin Symbole der gewünschten Ereignisse, um sie auf magische Weise
wirklich werden zu lassen. Der vorliegende Beitrag beschreibt das zugrunde
liegende Symbolsystem. Wie er zeigt, werden die Symbole nur während
des Prozesses ihrer Herstellung für wirksam gehalten; die fertige
Bodenmalerei wird als bloße Spur der vergangenen Zeremonie betrachtet
und achtlos der Vernichtung preisgegeben.
Der Gebrauch von Handgesten
im klassischen indischen Kunsttanz (Bharata Natya)
Paravastu H. Govindarajan, Bangalur
Zusammenfassung. Der klassische indische Kunsttanz, der bereits in der
Zeit vor Panini (4. Jh. v.u.Z.) kodifiziert war, hat zur Mitteilung von
Inhalten ein System von Symbolen entwickelt, zu denen die Handgesten (hastas)
gehören, die von den Bewegungen anderer Körperteile (angas und
upangas) begleitet werden. Die indische Tradition unterscheidet unsignifikante
Handbewegungen, die nur aus ästhetischen Gründen zur Verschönerung
des Tanzes produziert werden, von signifikanten Handgesten, die mit einer
sichtbaren Form eine elementare Bedeutung verknüpfen. Auf der Basis
dieser Bedeutung kann die Tänzerin durch die Kombination von Handgesten
zahllose Inhalte mitteilen, die von menschlichen Beziehungen über
gesellschaftliche Kasten, die Planeten und verschiedene Schutzgeister bis
zu den Gottheiten des indischen Pantheons reichen. Dabei spielen die begleitenden
Bewegungen des Kopfes, der Augen und des Körpers eine entscheidende
Rolle. Ziel des klassischen indischen Kunsttanzes ist es, den Zuschauer
in eine gewisse ästhetische Gestimmtheit (rasa) zu versetzen. Über
ihre Bedeutung und die Mitteilung von Inhalten hinaus haben die Handgesten
also auch eine Wirkung auf den Zuschauer. Diese kommt zustande, wenn alle
Einzelheiten des Tanzes, insbesondere die Hastas, Angas und Upangas, völlig
miteinander koordiniert sind. Der vorliegende Beitrag, der die Symbolik
der Handgesten beschreibt und die bei ihrem Einsatz auftretenden Semiosen
anhand von Beispielen analysiert, zeigt, wieviel der Tanz als Zeichenprozeß
in indischer Sicht mit den anderen Künsten und Medien gemeinsam hat.
Das Schachspiel als Spiegel der
Kultur: Ein Vergleich der Regelsysteme in Indien, China, Japan und Europa
Hans Petschar, Österreichische Nationalbibliothek Wien
Zusammenfassung. Die Figuren und Regeln des Schachspiels in Indien,
China, Japan und Europa werden beschrieben und mit ihrem kulturellen Hintergrund
verglichen. Das indische Schachspiel bildet die Unterteilung der Gesellschaft
in vier Klassen nach und systematisiert ihre unterscheidenden Merkmale.
Das chinesische Schachspiel hierarchisiert den Raum um die Kaiserfigur
und gibt den Figuren eine raumblockierende Funktion. Das japanische Schachspiel
dezentralisiert den Raum und das Figurensystem und betont die zeitliche
Dimension, indem es die Möglichkeit der Rangerhöhung von Figuren
einführt und den Einsatz geschlagener Figuren als Vasallen des Gegners
zuläßt. Das europäische Schachspiel ersetzt die Minister
bzw. Feldherrn durch die Dame, führt die Rochade ein und erweitert
den Bewegungsspielraum einiger Figuren, wodurch sich das Spiel beschleunigt.
Wie gezeigt wird, sind diese Metamorphosen des Schachspiels keine Zufälle,
sondern lassen sich auf die Struktur der jeweils abgebildeten Kultur zurückführen:
die Kastengesellschaft der Inder, das Kaisertum Chinas, die Militäraristokratie
Japans und die höfische Gesellschaft des europäischen Mittelalters.
Totemismus in der Industriekultur:
Markenzeichen in der Volksrepublik China
Gerard J. van den Broek, Universität Leiden
Zusammenfassung. Dieser Aufsatz leistet zweierlei: zum einen führt
er den Leser anhand konkreter Beispiele in die exotische Welt der chinesischen
Markenzeichen ein, und zum anderen eröffnet er neue Perspektiven für
das theoretische Verständnis des Emblems. Er nimmt u.a. die Konzeptionen
von Lévi-Strauss und Sebeok zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen,
transzendiert diese aber und entwickelt ein Modell des Emblems, das nicht
nur ein Symbol (wie bisher angenommen), sondern das Zusammenspiel von zwei
Symbolen erfordert.
Die Zeichenlogik im Buch der Wandlungen
(Yijing)
Frank Fiedeler, Freie Universität Berlin
Zusammenfassung. Das Buch der Wandlungen überliefert eine archaische
Theorie der Semiose, deren kulturgeschichtliche Ursprünge auf die
frühe Epoche zurückgehen, in der das schriftsprachliche System
der chinesischen Ideogrammschrift entwickelt wurde (2. Jahrtausend v.u.Z.).
Die evolutive Logik dieser Theorie, die zugleich als die Logik der Zeichenschöpfung
und der biologischen Evolution verstanden wurde, ist modellhaft in der
Form eines Orakelsystems dargestellt. Ihre Tiefenschärfe zeigt sich
darin, daß dieses System eine eklatante Strukturanalogie mit dem
molekularbiologischen Kode der Erbsubstanz DNA aufweist. Das universale
Paradigma, von dem sie ausgeht, ist die kalendarische Erscheinungsordnung
des Himmels unter dem Leitmotiv des Mondwandels. Darauf wird eine semiotische
Evolutionstheorie aufgebaut, die aufgrund der besagten Strukturanalogie
nicht nur auf die sprachliche Semiose, sondern auch direkt auf die Struktur
des genetischen Kodes anwendbar ist.
Einlage
Natur oder Naturdarstellung? Ein Blick in japanische
Gärten
Götz Wienold, Universität Konstanz
Zusammenfassung. Der Aufsatz analysiert japanische Gärten vom Arrangement
für den Betrachter her. Die Kunst des Arrangements gilt der Schulung
der Wahrnehmung. Elementen, Gruppierung und Rahmen werden besondere Beachtung
geschenkt.
Neben Gärten, die im Herumgehen zu erfahren sind (feuchte
Gärten), stehen Gärten, die im Sitzen betrachtet werden (trockene
Gärten). Sie haben ein relativ strenges Arrangement und "ersetzen"
Wasser durch Sand, im Felsgarten auch Pflanzen durch Steine. Als besondere
Erscheinung werden Sandanhäufungen (genannt morizuna) vorgestellt.
Anhand ihrer Erscheinungsformen in feuchten und trockenen Gärten wird
die Frage behandelt, ob Elemente bzw. Gruppierungen Objekte "darstellen"
oder sie "ersetzen".