Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

„Zeichenkultur in Asien“
Jahr: 1991
Band:  13
Heft: 1 / 2

 
Einleitung: 
Roland Posner
Zeichenkultur in Asien

Yoshihiko Ikegami
Die Funktion der leeren Mitte in der japanischen Gesellschaft

Jan Brouwer
Die Gesellschaft als Körper: Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Südindien

Masatoshi A. Konishi
Zur Symbolik der bengalischen Bodenmalerei: Die Âlpanâs des Mâghmandala-Rituals

Paravastu H. Govindarajan
Der Gebrauch der Handgesten im klassischen indischen Kunsttanz (Bharata Nâtya)

Hans Petschar
Das Schachspiel als Spiegel der Kultur: Ein Vergleich der Regelsysteme in Indien, China, Japan und Europa

Gerard J. van den Broek
Totemismus in der Industriekultur: Markenzeichen in der Volksrepublik China

Frank Fiedeler
Die Zeichenlogik im Buch der Wandlungen (Yijing)

 Einlage: 
Götz Wienold
Natur oder Naturdarstellung? Ein Blick in japanische Gärten
 


Einleitung: 
Zeichenkultur in Asien

Roland Posner, Technische Universität Berlin 

Zusammenfassung. In jeder Kultur werden ständig Zeichenprozesse vollzogen, indem die Mitglieder der Gesellschaft Artefakte herstellen und verwenden und dabei Kodes einsetzen und verändern. Die Zeichenprozesse dienen der Überlieferung von Lebenserfahrung und prägen die Identität der Kultur in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Auch der Austausch zwischen den Kulturen ist kulturell geprägt. Während der europäische Kulturverbund eine begrenzte Offenheit für Fremdes hat, ist das heutige Japan kulturell besonders aufnahmefähig, was mit der japanischen Konzeption von der leeren Mitte erklärt wird, und das hinduistische Indien stark abweisend, was auf die indische Auffassung von der Gesellschaft als Körper zurückgeführt wird. Die Zeichenpraxis der Inder, Chinesen und Japaner läßt sich nicht ohne weiteres mit den Begriffen des westlichen Zeichentheorien beschreiben. Semiotische Herausforderungen sind die Annahme senderloser Semiosen, die Lockerung der Kodebindung, die Aufhebung des Monopols der Sinnproduktion beim Sender, die Betonung des Vollzugs der Semiose anstelle ihrer Resultate und die Unterscheidung von kontextfreier Bedeutung, situationsabhängigen Inhalten und empfängerabhängiger Wirkung in der Semiose. Anthropologisch herausfordernd ist die Feststellung, daß die drei untersuchten Kulturen sehr weitgehende Projektionen von der Struktur der Gesellschaft auf die ihrer Artefaktsysteme, ihrer Kodes und ihrer Naturgliederung vornehmen. Sie gibt Anlaß zur allgemeinen Diskussion der Frage, in welchem Maße eine Kultur überhaupt auf identitätsbildende Sinnprojektion angewiesen ist. 
 


Die Funktion der leeren Mitte in der japanischen Gesellschaft

Yoshihiko Ikegami, Universität Tokio 

Zusammenfassung. Die Stadt Tokio, die japanische Gedichtform des Haiku, die Rolle des Chefs in japanischen Firmen und das Funktionieren des japanischen kaiserlichen Rats werden als Beispiele einer semiotischen Struktur mit leerer Mitte analysiert. Die leere Mitte dient dabei zur Lösung von Gegensätzen aufgrund eines semiotischen Vorgangs, der sich in zwei Schritten vollzieht: Zwei gegensätzlichen Termen werden zunächst (in willkürlicher Weise) bestimmte Funktionen zugewiesen, die dann in ein komplementäres Verhältnis zueinander gebracht werden, das die gegensätzlichen Terme gleichwertig werden läßt. Kulturelle Übernahmen, wie z.B. westliche neben herkömmlicher Kleidung und Lehnwörter neben einheimischen Bezeichnungen belegen diesen Vorgang. Die Funktion der "leeren Mitte" wird in Begriffen der Dynamik neu interpretiert als Homologieprinzip. 
 


Die Gesellschaft als Körper: Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Indien

Jan Brouwer, Universität Leiden 

Zusammenfassung. Der Beitrag analysiert die Beschränkungen, denen die Frauen der südindischen Handwerkerkasten bei der Ausübung eines Handwerks unterworfen sind, und verwendet dabei die Methoden der semiotischen Ethnographie. Aus den Daten, die bei der Feldarbeit mit 14 Handwerkerkasten Karnatakas in den frühen 80er Jahren gewonnen wurden, werden in mehreren Reduktionsschritten die Regeln gewonnen, die die Art der Beteiligung einer Frau an einem Handwerk vorhersagbar machen. Diese Regeln basieren auf der Kastenzugehörigkeit der Frau, der Herkunft der Rohmaterialien, der Art der verwendeten Werkzeuge, den Tätigkeitsmerkmalen der Arbeitsgänge sowie der Lebensdauer und dem Verwendungszweck der Arbeitsprodukte. Wenn eine Hindu-Frau ein kastenspezifisches Handwerk ausübt, so gehört sie einer seßhaften "rechten" Kaste an, bearbeitet Rohmaterial, das am Wasser zu finden ist, benutzt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Messer und keine als weiblich klassifizierten Geräte, vollzieht die Hauptarbeitsgänge bei kurzlebigen oder Hilfstätigkeiten bei langlebigen Arbeitsprodukten und stellt Gegenstände her, die in den Übergangsbereichen des Körpers getragen werden. Für Frauen, deren Mann gestorben ist, werden die Beschränkungen gelockert. Die genannten Arbeitsmerkmale lassen sich erklären als Konsequenzen aus kollektiven Vorstellungen über das Männliche (das Rechte) versus das Weibliche (das Linke), über die Gesellschaft als menschlichen Körper sowie über befleckendes und nichtbefleckendes Zusammenwirken zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft bzw. den Teilen des Körpers. Diese Vorstellungen sind aber dem Wandel unterworfen, der sich in der Umstellung der Rohstoffgewinnung, im Übergang vom nomadischen zum seßhaften Leben und in der Konfrontation der hinduistischen mit christlichen und muslimischen Dorfbewohnern vollzieht. 
 


Zur Symbolik der bengalischen Bodenmalerei: Die Alpanas des Maghmandala-Rituals

Masatoshi A. Konishi, Rikkyo-Universität Tokio 

Zusammenfassung. In vielen Teilen Indiens wird noch heute regelmäßig im Rahmen eines Rituals der Boden vor dem Eingang eines Hauses mit ornamentartigen Malereien verziert. Diese alpana genannte Bodenmalerei dient dazu, böse Geister vom Hause fernzuhalten sowie einen beschützenden Gott zum Hausaltar zu geleiten und ihn auf die im Gebet geäußerten Wünsche aufmerksam zu machen. Das Maghmandala-Ritual wird im Winter in Bengalen durchgeführt und beschwört die Sonne, wieder zu erstarken, fruchtbringend wirksam zu werden und insbesondere eine frühe Heirat, die Geburt von Söhnen und allgemeinen Wohlstand zu gewähren. Die in Ausübung des Rituals ausgeführten Bodenmalereien bilden den Kosmos ab und plazieren darin Symbole der gewünschten Ereignisse, um sie auf magische Weise wirklich werden zu lassen. Der vorliegende Beitrag beschreibt das zugrunde liegende Symbolsystem. Wie er zeigt, werden die Symbole nur während des Prozesses ihrer Herstellung für wirksam gehalten; die fertige Bodenmalerei wird als bloße Spur der vergangenen Zeremonie betrachtet und achtlos der Vernichtung preisgegeben. 
 


Der Gebrauch von Handgesten im klassischen indischen Kunsttanz (Bharata Natya)

Paravastu H. Govindarajan, Bangalur 

Zusammenfassung. Der klassische indische Kunsttanz, der bereits in der Zeit vor Panini (4. Jh. v.u.Z.) kodifiziert war, hat zur Mitteilung von Inhalten ein System von Symbolen entwickelt, zu denen die Handgesten (hastas) gehören, die von den Bewegungen anderer Körperteile (angas und upangas) begleitet werden. Die indische Tradition unterscheidet unsignifikante Handbewegungen, die nur aus ästhetischen Gründen zur Verschönerung des Tanzes produziert werden, von signifikanten Handgesten, die mit einer sichtbaren Form eine elementare Bedeutung verknüpfen. Auf der Basis dieser Bedeutung kann die Tänzerin durch die Kombination von Handgesten zahllose Inhalte mitteilen, die von menschlichen Beziehungen über gesellschaftliche Kasten, die Planeten und verschiedene Schutzgeister bis zu den Gottheiten des indischen Pantheons reichen. Dabei spielen die begleitenden Bewegungen des Kopfes, der Augen und des Körpers eine entscheidende Rolle. Ziel des klassischen indischen Kunsttanzes ist es, den Zuschauer in eine gewisse ästhetische Gestimmtheit (rasa) zu versetzen. Über ihre Bedeutung und die Mitteilung von Inhalten hinaus haben die Handgesten also auch eine Wirkung auf den Zuschauer. Diese kommt zustande, wenn alle Einzelheiten des Tanzes, insbesondere die Hastas, Angas und Upangas, völlig miteinander koordiniert sind. Der vorliegende Beitrag, der die Symbolik der Handgesten beschreibt und die bei ihrem Einsatz auftretenden Semiosen anhand von Beispielen analysiert, zeigt, wieviel der Tanz als Zeichenprozeß in indischer Sicht mit den anderen Künsten und Medien gemeinsam hat. 
 


Das Schachspiel als Spiegel der Kultur: Ein Vergleich der Regelsysteme in Indien, China, Japan und Europa

Hans Petschar, Österreichische Nationalbibliothek Wien 

Zusammenfassung. Die Figuren und Regeln des Schachspiels in Indien, China, Japan und Europa werden beschrieben und mit ihrem kulturellen Hintergrund verglichen. Das indische Schachspiel bildet die Unterteilung der Gesellschaft in vier Klassen nach und systematisiert ihre unterscheidenden Merkmale. Das chinesische Schachspiel hierarchisiert den Raum um die Kaiserfigur und gibt den Figuren eine raumblockierende Funktion. Das japanische Schachspiel dezentralisiert den Raum und das Figurensystem und betont die zeitliche Dimension, indem es die Möglichkeit der Rangerhöhung von Figuren einführt und den Einsatz geschlagener Figuren als Vasallen des Gegners zuläßt. Das europäische Schachspiel ersetzt die Minister bzw. Feldherrn durch die Dame, führt die Rochade ein und erweitert den Bewegungsspielraum einiger Figuren, wodurch sich das Spiel beschleunigt. Wie gezeigt wird, sind diese Metamorphosen des Schachspiels keine Zufälle, sondern lassen sich auf die Struktur der jeweils abgebildeten Kultur zurückführen: die Kastengesellschaft der Inder, das Kaisertum Chinas, die Militäraristokratie Japans und die höfische Gesellschaft des europäischen Mittelalters. 
 


Totemismus in der Industriekultur: Markenzeichen in der Volksrepublik China

Gerard J. van den Broek, Universität Leiden 

Zusammenfassung. Dieser Aufsatz leistet zweierlei: zum einen führt er den Leser anhand konkreter Beispiele in die exotische Welt der chinesischen Markenzeichen ein, und zum anderen eröffnet er neue Perspektiven für das theoretische Verständnis des Emblems. Er nimmt u.a. die Konzeptionen von Lévi-Strauss und Sebeok zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, transzendiert diese aber und entwickelt ein Modell des Emblems, das nicht nur ein Symbol (wie bisher angenommen), sondern das Zusammenspiel von zwei Symbolen erfordert. 
 


Die Zeichenlogik im Buch der Wandlungen (Yijing)

Frank Fiedeler, Freie Universität Berlin 

Zusammenfassung. Das Buch der Wandlungen überliefert eine archaische Theorie der Semiose, deren kulturgeschichtliche Ursprünge auf die frühe Epoche zurückgehen, in der das schriftsprachliche System der chinesischen Ideogrammschrift entwickelt wurde (2. Jahrtausend v.u.Z.). Die evolutive Logik dieser Theorie, die zugleich als die Logik der Zeichenschöpfung und der biologischen Evolution verstanden wurde, ist modellhaft in der Form eines Orakelsystems dargestellt. Ihre Tiefenschärfe zeigt sich darin, daß dieses System eine eklatante Strukturanalogie mit dem molekularbiologischen Kode der Erbsubstanz DNA aufweist. Das universale Paradigma, von dem sie ausgeht, ist die kalendarische Erscheinungsordnung des Himmels unter dem Leitmotiv des Mondwandels. Darauf wird eine semiotische Evolutionstheorie aufgebaut, die aufgrund der besagten Strukturanalogie nicht nur auf die sprachliche Semiose, sondern auch direkt auf die Struktur des genetischen Kodes anwendbar ist. 
 


Einlage 
Natur oder Naturdarstellung? Ein Blick in japanische Gärten

Götz Wienold, Universität Konstanz 

Zusammenfassung. Der Aufsatz analysiert japanische Gärten vom Arrangement für den Betrachter her. Die Kunst des Arrangements gilt der Schulung der Wahrnehmung. Elementen, Gruppierung und Rahmen werden besondere Beachtung geschenkt. Neben Gärten, die im Herumgehen zu erfahren sind (feuchte Gärten), stehen Gärten, die im Sitzen betrachtet werden (trockene Gärten). Sie haben ein relativ strenges Arrangement und "ersetzen" Wasser durch Sand, im Felsgarten auch Pflanzen durch Steine. Als besondere Erscheinung werden Sandanhäufungen (genannt morizuna) vorgestellt. Anhand ihrer Erscheinungsformen in feuchten und trockenen Gärten wird die Frage behandelt, ob Elemente bzw. Gruppierungen Objekte "darstellen" oder sie "ersetzen". 
 
 

 


 
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