Jurij M. Lotman
Über die Semiosphäre
Juan D. Delius
Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene und Meme
Carsten Niemitz
Visuelle Zeichen, Sprache und Gehirn in der Evolution
des Menschen ? Ein Entgegnung auf McFarland
Norbert Elias
Über Menschen und ihre Emotionen: Ein Beitrag
zur Evolution der Gesellschaft
Aleida Assmann
Geschmack an Zeichen: Homo interpres und die Welt
als Text
Über die Semiosphäre
Jurij M. Lotman, Universität Dorpat, Estland
Zusammenfassung. Bei allen Unterschieden haben die semiotischen Ansätze
von Peirce und Saussure gemeinsam, daß sie vom einzelnen Zeichenbenutzer,
dem Einzelzeichen oder dem einzelnen Kode ausgehen. Demgegenüber wird
hier vorgeschlagen, holistisch vorzugehen und die Gesamtheit aller Zeichenbenutzer,
Texte und Kodes einer Kultur als semiotischen Raum anzusehen: eine "Semiosphäre",
die Zeichenprozesse ermöglicht. Die Semiosphäre ist gekennzeichnet
durch ihr Individualität und Homogenität, den Gegensatz von Innen
und Außen und die Ungleichmäßigkeit in der Struktur des
Inneren. Die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren einer
Semiosphäre wird durch die gegenseitige Fremdheit der Zeichenbenutzer,
Texte und Kodes aufrechterhalten und ist durch Übersetzungsprozesse
partiell überwindbar. Die Ungleichmäßigkeit des Inneren
einer Semiosphäre, das sich in einen Kernbereich und zur Peripherie
hin zunehmend amorpher werdende Bereiche gliedert, ist verantwortlich für
die innere Dynamik der Semiosphäre. Im Kernbereich befinden sich die
dominierenden Zeichensysteme, in denen Zeichenbenutzer, Texte und Kodes
in elaborierter Weise aufeinander abgestimmt sind. Zur Peripherie gehören
Zeichenbenutzer, die kaum einen Kode gemeinsam haben, Texte, die unverständlich
sind, weil ihre Kodes verloren gegangen sind, und Kodes, die heterogen
und fragmentarisch sind. Der Austausch zwischen Innerem und Äußerem
sowie zwischen Kernbereich und Peripherie einer Semiosphäre führt
zur Schaffung neuer Kodes, zur Produktion neuer Arten von Texten und zu
Veränderungen bei den Zeichenbenutzern, die sie für neuen Sinn
empfänglich machen.
Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene
und Meme
Juan D. Delius, Universität Konstanz
Zusammenfassung. Den Ähnlichkeiten zwischen biologischer und kultureller
Evolution wird nachgegangen. In einem kurzen Abriß werden die Prozesse
der biologischen Evolution dargestellt. Das Nachahmungslernen wird als
Grundlage der kulturellen Evolution hervorgehoben. Solches Lernen ist auch
bei Tieren verbreitet. Insbesondere bei Singvögeln kann von einer
auf Nachahmungslernen fußenden Gesangskultur gesprochen werden. In
Analogie zu Genen werden Meme, neural kodierte Gedächtnisinhalte,
als die fundamentalen Protagonisten der kulturellen Evolution dargestellt.
Auf die Ähnlichkeit vom Memen mit Genen von Symbionten wird hingewiesen.
Auf dieser Grundlage werden auffällige Parallelen zwischen Vorgängen
der biologischen und kulturellen Evolution besprochen.
Visuelle Zeichen, Sprache und Gehirn
in der Evolution des Menschen ? Ein Entgegnung auf McFarland
Carsten Niemitz, Freie Universität Berlin
Zusammenfassung. In diesem Beitrag wird versucht, eine klarere Differenzierung
von Sprechen und Verstehen einerseits und von Lesen und Schreiben andererseits
für den wissenschaftlichen Gebrauch vorzunehmen. Eine lange Zeit hindurch
sind der optische und der vokal-akustische Kanal unserer Kommunikation
nicht zusammen evoluiert. Es wird nachgewiesen, daß die Fähigkeiten
zu lesen und zu schreiben phylogenetisch viel älter sind als jene,
auf die sich menschliche Sprache gründet. Während die Fähigkeiten
zu lesen und zu schreiben kein exklusives Charakteristikum für den
Homo sapiens sind, stellt das Sprechvermögen ein exklusives Merkmal
unserer Art dar. Es wird eine kombinierte Interpretation von physiologischen
Experimenten, anatomischen Befunden und Verhaltensbeobachtungen gegeben.
In der Auseinandersetzung mit McFarlands Ansichten zeigt sich, wie wichtig
der Gebrauch unzweideutiger Definitionen zum Verständnis der Phylogenie
des Sprechens und Schreibens ist.
Über Menschen und ihre Emotionen:
Ein Beitrag zur Evolution der Gesellschaft
Norbert Elias, Amsterdam
Zusammenfassung. Die Humanwissenschaften verfolgen bei der Untersuchung
der menschlichen Emotionen traditionell zwei verschiedene Strategien, die
beide ihren Gegenstand verfehlen: Die Ethologie und bestimmte Richtungen
der Psychologie suchen nach natürlichen Konstanten, die der Mensch
mit anderen Tierarten gemeinsam hat. Die Soziologie und die Geschichtswissenschaft
behandeln die Emotionen als etwas Geistiges, außerhalb der Natur
Befindliches. Gegen den monistischen Reduktionismus der einen und den dualistischen
Isolationismus der andern plädiert der vorliegende Beitrag für
eine prozeßbezogene Betrachtungsweise, die zugleich den Stellenwert
der menschlichen Emotionen im Rahmen der biologischen Evolution und ihre
Funktionen im Rahmen der Entwicklung von Gesellschaften untersucht. Als
Grundlage einer solchen Untersuchung der Emotionen werden drei Hypothesen
formuliert und diskutiert: 1. Mit dem Auftreten des Menschen hat in der
Evolution eine Wende im Verhältnis zwischen angeborener und gelernter
Verhaltenssteuerung stattgefunden. 2. Der einzelne Mensch hat nicht nur
die Fähigkeit zu lernen, sondern ist gezwungen zu lernen, um ein vollgültiger
Mensch zu werden. 3. Die Emotionen erwachsener Menschen sind niemals völlig
ungelernte genetisch fixierte Reaktionsmuster. Was die Struktur der Emotionen
betrifft, so wird betont, daß jede Emotion aus einer physiologischen
Komponente, einer Verhaltenskomponente und einer Gefühlskomponente
besteht. Wer das Emotionsverhalten auf bloßen Gefühlsausdruck
reduziert, verkennt die besondere Funktion der Emotionen in der menschlichen
Interaktion. Ihre Differenzierung durch Lernen und ihre gegenseitige Mitteilung
ermöglicht das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft und
damit das Entstehen von Kultur.
Geschmack an Zeichen: Homo interpres
und die Welt als Text
Aleida Assmann, Universität Heidelberg
Zusammenfassung. Es gilt zu zeigen, daß es jenseits der verbalen
und nichtverbalen Zeichen menschlicher Interaktion noch eine andere Art
von Zeichen gibt, die der natürlichen und kultürlichen Umwelt
entnommen sind. Kulturgeschichte und Psychologie bezeugen gleichermaßen
einen semiotischen Appeal der (Um)Welt bzw. eine naturwüchsige Zeichenbereitschaft
des "homo interpres". Im ersten Teil wird deshalb dafür plädiert,
dem Begriff "Hermeneutik" einen weiteren Umfang zu geben, als dies gemeinhin
üblich ist. Im zweiten Teil wird eine Zeichen-Typologie vorgeschlagen,
die es ermöglicht, verschiedene Leseverhalten gegenüber der Außenwelt
zu spezifizieren. Als Zeichenmodi werden erörtert (in rein theoretischer
und nicht unbedingt konsequent quellensprachlicher Terminologie): Anzeichen,
Vorzeichen, Offenbarungen, Embleme, Hieroglyphen.