Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Kultur und Evolution
Jahr: 1990
Band:  12
Heft: 4

 
Jurij M. Lotman
Über die Semiosphäre

Juan D. Delius
Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene und Meme

Carsten Niemitz
Visuelle Zeichen, Sprache und Gehirn in der Evolution des Menschen ? Ein Entgegnung auf McFarland

Norbert Elias
Über Menschen und ihre Emotionen: Ein Beitrag zur Evolution der Gesellschaft

Aleida Assmann
Geschmack an Zeichen: Homo interpres und die Welt als Text


Über die Semiosphäre

Jurij M. Lotman, Universität Dorpat, Estland 

Zusammenfassung. Bei allen Unterschieden haben die semiotischen Ansätze von Peirce und Saussure gemeinsam, daß sie vom einzelnen Zeichenbenutzer, dem Einzelzeichen oder dem einzelnen Kode ausgehen. Demgegenüber wird hier vorgeschlagen, holistisch vorzugehen und die Gesamtheit aller Zeichenbenutzer, Texte und Kodes einer Kultur als semiotischen Raum anzusehen: eine "Semiosphäre", die Zeichenprozesse ermöglicht. Die Semiosphäre ist gekennzeichnet durch ihr Individualität und Homogenität, den Gegensatz von Innen und Außen und die Ungleichmäßigkeit in der Struktur des Inneren. Die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren einer Semiosphäre wird durch die gegenseitige Fremdheit der Zeichenbenutzer, Texte und Kodes aufrechterhalten und ist durch Übersetzungsprozesse partiell überwindbar. Die Ungleichmäßigkeit des Inneren einer Semiosphäre, das sich in einen Kernbereich und zur Peripherie hin zunehmend amorpher werdende Bereiche gliedert, ist verantwortlich für die innere Dynamik der Semiosphäre. Im Kernbereich befinden sich die dominierenden Zeichensysteme, in denen Zeichenbenutzer, Texte und Kodes in elaborierter Weise aufeinander abgestimmt sind. Zur Peripherie gehören Zeichenbenutzer, die kaum einen Kode gemeinsam haben, Texte, die unverständlich sind, weil ihre Kodes verloren gegangen sind, und Kodes, die heterogen und fragmentarisch sind. Der Austausch zwischen Innerem und Äußerem sowie zwischen Kernbereich und Peripherie einer Semiosphäre führt zur Schaffung neuer Kodes, zur Produktion neuer Arten von Texten und zu Veränderungen bei den Zeichenbenutzern, die sie für neuen Sinn empfänglich machen. 
 


Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene und Meme

Juan D. Delius, Universität Konstanz 

Zusammenfassung. Den Ähnlichkeiten zwischen biologischer und kultureller Evolution wird nachgegangen. In einem kurzen Abriß werden die Prozesse der biologischen Evolution dargestellt. Das Nachahmungslernen wird als Grundlage der kulturellen Evolution hervorgehoben. Solches Lernen ist auch bei Tieren verbreitet. Insbesondere bei Singvögeln kann von einer auf Nachahmungslernen fußenden Gesangskultur gesprochen werden. In Analogie zu Genen werden Meme, neural kodierte Gedächtnisinhalte, als die fundamentalen Protagonisten der kulturellen Evolution dargestellt. Auf die Ähnlichkeit vom Memen mit Genen von Symbionten wird hingewiesen. Auf dieser Grundlage werden auffällige Parallelen zwischen Vorgängen der biologischen und kulturellen Evolution besprochen. 
 


Visuelle Zeichen, Sprache und Gehirn in der Evolution des Menschen ? Ein Entgegnung auf McFarland

Carsten Niemitz, Freie Universität Berlin 

Zusammenfassung. In diesem Beitrag wird versucht, eine klarere Differenzierung von Sprechen und Verstehen einerseits und von Lesen und Schreiben andererseits für den wissenschaftlichen Gebrauch vorzunehmen. Eine lange Zeit hindurch sind der optische und der vokal-akustische Kanal unserer Kommunikation nicht zusammen evoluiert. Es wird nachgewiesen, daß die Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben phylogenetisch viel älter sind als jene, auf die sich menschliche Sprache gründet. Während die Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben kein exklusives Charakteristikum für den Homo sapiens sind, stellt das Sprechvermögen ein exklusives Merkmal unserer Art dar. Es wird eine kombinierte Interpretation von physiologischen Experimenten, anatomischen Befunden und Verhaltensbeobachtungen gegeben. In der Auseinandersetzung mit McFarlands Ansichten zeigt sich, wie wichtig der Gebrauch unzweideutiger Definitionen zum Verständnis der Phylogenie des Sprechens und Schreibens ist. 
 


Über Menschen und ihre Emotionen: Ein Beitrag zur Evolution der Gesellschaft

Norbert Elias, Amsterdam 

Zusammenfassung. Die Humanwissenschaften verfolgen bei der Untersuchung der menschlichen Emotionen traditionell zwei verschiedene Strategien, die beide ihren Gegenstand verfehlen: Die Ethologie und bestimmte Richtungen der Psychologie suchen nach natürlichen Konstanten, die der Mensch mit anderen Tierarten gemeinsam hat. Die Soziologie und die Geschichtswissenschaft behandeln die Emotionen als etwas Geistiges, außerhalb der Natur Befindliches. Gegen den monistischen Reduktionismus der einen und den dualistischen Isolationismus der andern plädiert der vorliegende Beitrag für eine prozeßbezogene Betrachtungsweise, die zugleich den Stellenwert der menschlichen Emotionen im Rahmen der biologischen Evolution und ihre Funktionen im Rahmen der Entwicklung von Gesellschaften untersucht. Als Grundlage einer solchen Untersuchung der Emotionen werden drei Hypothesen formuliert und diskutiert: 1. Mit dem Auftreten des Menschen hat in der Evolution eine Wende im Verhältnis zwischen angeborener und gelernter Verhaltenssteuerung stattgefunden. 2. Der einzelne Mensch hat nicht nur die Fähigkeit zu lernen, sondern ist gezwungen zu lernen, um ein vollgültiger Mensch zu werden. 3. Die Emotionen erwachsener Menschen sind niemals völlig ungelernte genetisch fixierte Reaktionsmuster. Was die Struktur der Emotionen betrifft, so wird betont, daß jede Emotion aus einer physiologischen Komponente, einer Verhaltenskomponente und einer Gefühlskomponente besteht. Wer das Emotionsverhalten auf bloßen Gefühlsausdruck reduziert, verkennt die besondere Funktion der Emotionen in der menschlichen Interaktion. Ihre Differenzierung durch Lernen und ihre gegenseitige Mitteilung ermöglicht das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft und damit das Entstehen von Kultur. 
 


Geschmack an Zeichen: Homo interpres und die Welt als Text

Aleida Assmann, Universität Heidelberg 

Zusammenfassung. Es gilt zu zeigen, daß es jenseits der verbalen und nichtverbalen Zeichen menschlicher Interaktion noch eine andere Art von Zeichen gibt, die der natürlichen und kultürlichen Umwelt entnommen sind. Kulturgeschichte und Psychologie bezeugen gleichermaßen einen semiotischen Appeal der (Um)Welt bzw. eine naturwüchsige Zeichenbereitschaft des "homo interpres". Im ersten Teil wird deshalb dafür plädiert, dem Begriff "Hermeneutik" einen weiteren Umfang zu geben, als dies gemeinhin üblich ist. Im zweiten Teil wird eine Zeichen-Typologie vorgeschlagen, die es ermöglicht, verschiedene Leseverhalten gegenüber der Außenwelt zu spezifizieren. Als Zeichenmodi werden erörtert (in rein theoretischer und nicht unbedingt konsequent quellensprachlicher Terminologie): Anzeichen, Vorzeichen, Offenbarungen, Embleme, Hieroglyphen. 
 



 
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