Patrice Pavis
Die Inszenierung zwischen Text und Aufführung
Hands-Thies Lehmann
Die Inszenierung: Probleme ihrer Analyse
Marco de Marinis
Den Zuschauer verstehen: Für eine Soziosemiotik
der Theaterrezeption
Erika Fischer-Lichte
Wandel theatralischer Kodes: Zur Semiotik der interkulturellen
Inszenierung
Die Inszenierung zwischen Text und
Aufführung
Patrice Pavis, Universität Paris VIII
Zusammenfassung
Es werden die Grundlagen für eine Theorie der Inszenierung besprochen,
die die sterile traditionalle Opposition zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik
zu überwinden verspricht. Die Inszenierung wird als Struktur verstanden,
die sich vom schriftlich fixierten Dramentext und von der empirisch gegebenen
materiellen Aufführung gleichermaßen unterscheidet und die erst
beim Zuschauen durch die Inbezugssetzung aller präsentierter Signifikantensysteme
miteinander entsteht. Sie beruht auf der Konkretisierung, Fiktionalisierung
und Ideologisierung des Textes im sozialen Kontext des jeweiligen Theaterpublikums.
Ihren Rahmen bildet die von allen Beteiligten gemeinsam geschaffene Verlautbarungssituation,
die die verbalen und nonverbalen Signifikantensysteme in Wechselwirkung
miteinander bringt.
Die Inszenierung: Probleme ihrer
Analyse
Hands-Thies Lehmann, Universität Frankfurt
Zusammenfassung
Wenn der Untersuchungsgegenstand der Theaterwissenschaft die Inszenierung
its, sollte die Theatersemiotik den Inszenierungstext als eigenständiges
Kunstobjekt reflektieren. Die Analyse der Inszenierung muß die ambivalenten
ästhetischen Prozesse der Bedeutungserzeugung aufdecken sowie die
vielfältigen Möglichkeiten zur gegenseitigen Inbezugsetzung des
Zeichenmaterials nachzeichnen und dabei gerade auch seine besonderen Rhytmen
und Unentscheidbarkeiten bewußt machen. Immer ist das Theaterereignis
als Ganzes einzubeziehen, so daß die verschiedenen Theaterkonzeptionen
als unterschiedliche Akzentsetzungen in der Struktur des Theaterereignisses
beschreibbar werden. Als Beispiel für diesen Ansatz werden analysiert:
die metaphorische Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn"
durch Jürgen Flimm (1979), die szenographische Inszenierung der Lachsequenz
in Robert Wilsons "CIVIL warS" (1984) und die Inszenierung des Theaters
als spezifischer Situation in der Arbeit der Wiener Truppe Angelus Novus
(1986).
Den Zuschauer verstehen: Für
eine Soziosemiotik der Theaterrezeption
Marco de Marinis, Universität Bologna
Zusammenfassung
Um eine angemessene Erforschung der Rezeption von Theaterveranstaltungen
zu gewährleisten, hat die Soziosemiotik des Theaters eine Reihe von
Fehlern zu vermeiden: (a) die künstliche Synthetisierung eines homogenen
"Theaterpublikums", (b) die unkritische Anwendung bloß quantitativer
soziographischer Verfahren und (c) das nihilistische Abdriften in schöne
Beliebigkeiten nach dekonstruktionistischer Manier. Der vorliegende Aufsatz
stellt der Soziosemiotik des Theaters die Aufgabe, den Zuschauer zu verstehen,
und entwickelt ein operationalisierbares theoretisches Instrumentarium,
das eine empirische Zuschauerforschung ermögicht. Im Mittelpunkt stehen
die Rezeptionsakte der Zuschauer mitsamt ihren Vorbedingungen und Ergebnissen.
Rezeption wird nicht als einseitiger Prozeß, sondern als Interaktion
von Produktions- und Rezeptionsstrategien analysiert, in der neben sozio-ökonomischen,
psychologischen und biologischen Parametern auch kulturelle Faktoren zu
berücksichtigen sind: das Allgemeinwissen, die Detailkenntnis, die
Erwartungshaltung und die von der Theaterarchitektur mitbestimmte physische
Position des Zuschauers im Theater. Dieser theoretische Rahmen lag zwei
empirischen Forschungsprojekten zugrunde, die der Verfasser am Theater
Metastasio in Prato durchgeführt hat. Ihre bisherigen Ergebnisse werden
zusammenfassend dargestellt.
Wandel theatralischer Kodes: Zur
Semiotik der interkulturellen Inszenierung
Erika Fischer-Lichte, Universität Bayreuth
Zusammenfassung
Ausgehend von einer vergleichenden Theaterforschung, die Beispiele
aus dem europäischen, chinesischen und japanischen Theater heranzieht,
und von kulturgeschichtlich belegten Prinzipien des Wandels liefert diese
Untersuchung Bausteine zu einer Theorie des theatralischen Kodewandels.
In den untersuchten interkulturellen Inszenierungen bewirkt die Dialektik
von Kode und Botschaft aufgrund der produktiven Rezeption von Elementen
aus fremden Theatertraditionen Veränderungen des zugrunde liegenden
theatralischen Kodes, die als Erweiterung und Auflösung des Kodes
oder als Konstitution eines neuen zu klassifizieren sind.