Arnold Günther
Vorwort
Arnold Günther
Zeichen und Fiktion
Pavel Tich?
Einzeldinge als Amtsinhaber. Die Überlegungen
von Brentano, Meinong, Frege und Russell zu einer transparenten intensionalen
Semantik
Terence Parsons
Fiktion: Frege vs. Meinong
Gottfried Gabriel
"Sachen gibt's, die gibt's gar nicht" Sprachanalytische
Bemerkungen zur Wiederentdeckung von Meinongs Jenseits durch T. Parsons
Literarische Einlage
Dumitru Solomon
Sommerphantasie
Edward N. Zalta
Erzählung als Taufe des Helden
Karel Lambert
Semantik der Prädikation ohne Abstraktion
Jens F. Ihwe
Fiktion ohne Fiktionen. Nelson Goodmans Beitrag zur
Aktualität "nicht-existenter" und "fiktionaler" Objekte
Richard Sylvan
Wissenschaft, Mythos, Fiktion: Sie alle überschreiten
die Grenzen des Wirklichen und manchmal gar die des Möglichen
Elektronische Einlage
Hans-Peter Dimke
Tele-Phantome
Klaus Bartels
Zwischen Fiktion und Realität: das Phantom
Einzeldinge als Amtsinhaber. Die Überlegungen
von Brentano, Meinong, Frege und Russell zu einer transparenten intensionalen
Semantik
Pavel Tich?, University of Otago
Zusammenfassung. Seit Frege ist man sich weithin darin einig, daß
adäquate semantische Sprachanalyse nur möglich ist, wenn man
zusätzlich zu extensionalen Objekten wie Individuen und Mengen von
Individuen auch abstrakte Objekte zugrundelegt, die kontingenterweise extensionale
Objekte bestimmen oder auswählen, ohne mit ihnen identisch zu sein.
Diese abstrakten Objekte seien kurz A-Objekte genannt. Nach Frege sind
sprachliche Ausdrücke sinnvoll, weil sie mit A-Objekten (Sinnen) assoziiert
sind. Aber nach Freges Theorie bezeichnen die Ausdrücke die mit ihnen
assoziierten A-Objekte nur in besonderen Kontexten; normalerweise bezeichnen
sie das, was die A-Objekte auswählen. Nach dieser Ansicht muß
eins von zwei Desideraten aufgegeben werden: die Eindeutigkeit der Ausdrücke
(so Frege) oder das Funktionalitätsprinzip (so Montague und viele
andere). Der vorliegende Aufsatz hat zum Ziel, den Begriff des A-Objekts
philosophisch zu begründen und die Entstehung dieses Begriffs in der
neueren Philosophie nachzuzeichnen. Es wird begründet, daß unter
der Hypothese, daß A-Objekte sogar in Normalkontexten oft als Referenzobjekte
dienen, beide erwähnten Desiderate erfüllt werden können.
Die Logik, die sich unter diesem Gesichtspunkt empfiehlt, ist intensional
nur in dem Sinn, daß sie A-Objekte benutzt; sie ist vollkommen transparent
in dem Sinn, daß sie keine Abweichungen vom Funktionalitätsprinzip
erlaubt. Es stellt sich ebenfalls heraus, daß die Fregesche Aufspaltung
von Inhalt in Sinn und Bedeutung (Referenz) aufgegeben werden kann.
Fiktion: Frege vs. Meinong
Terence Parsons, University of California at Irvine
Zusammenfassung. Es wird eine Theorie fiktionaler Objekte im Sinne Freges
skizziert, wonach diese Objekte Individuenbegriffe sind. Ein kleineres
Problem und einige Komplikationen werden diskutiert, die zu einer etwas
genaueren Fassung der Theorie veranlassen. Danach werden vier Einwände
gegen diese Theorie formuliert, die zusammen genommen die Theorie unplausibel
machen. Die Skizze einer Theorie fiktionaler Objekte im Sinne Meinongs
schließt sich an. Wie sich zeigt, entgeht diese Theorie wenigstens
drei der vier formulierten Einwände.
"Sachen gibt's, die gibt's gar nicht"
Sprachanalytische Bemerkungen zur Wiederentdeckung von Meinongs Jenseits
durch T. Parsons
Gottfried Gabriel, Universität Konstanz
Zusammenfassung. Das Folgende ist eine Auseinandersetzung mit einigen
Argumenten, die Terence Parsons zugunsten der Anerkennung fiktiver Gegenstände
(im Sinne Meinongs) vorgetragen hat (vgl. u.a. seinen Aufsatz im vorliegenden
Heft). Parsons versucht an ausgewählten Beispielsätzen zu zeigen,
daß die üblichen Paraphrasen mit dem Ziel, die Anerkennung nicht-existierender
Gegenstände zu vermeiden, nicht immer gelingen. Des weiteren untersucht
Parsons als mögliche Alternative zu seinem eigenen Meinongschen Ansatz
einen Fregeschen Ansatz, der darauf hinausläuft, fiktive Gegenstände
als intensionale Gegenstände aufzufassen. Auch diese Alternative wird
von ihm als unzureichend verworfen. Entgegen den Überlegungen von
Parsons wird hier versucht, aufgrund einer eingehenden Analyse der Parsonschen
Beispielsätze eine adäquate Paraphrase dieser Sätze vorzulegen,
die unter Verwendung Fregescher Unterscheidungen ohne die Anerkennung fiktiver
Gegenstände (im Sinne Meinongs) auskommt und darüberhinaus sogar
vermeidet, die Fregeschen Sinngebilde als intensionale Gegenstände
aufzufassen. Im Ergebnis bedeutet dies, daß die von Parsons als unvermeidlich
angesehenen ontologischen Zugeständnisse (hinsichtlich nicht-existierender
Gegenstände) tatsächlich vermeidbar sind und daß die Theorie
des Fiktiven ohne diese Zugeständnisse auskommt.
Erzählung als Taufe des Helden.
Wie man auf fiktionale Objekte Bezug nimmt
Edward N. Zalta, Stanford University
Zusammenfassung. Der Autor beantwortet in diesem Aufsatz eine Frage,
die zu den gängigen Theorien nicht-existierender Gegenstände
gestellt worden ist. Die Frage betrifft die Art und Weise, wie die Namen
fiktionaler Figuren ihre Denotationen erhalten, wenn sie als Namen analysiert
werden, die nicht-existierende Gegenstände denotieren. Weil nicht-existierende
Gegenstände mit existierenden Gegenständen nicht in kausaler
Wechselwirkung stehen können, wird angenommen, daß man die kausale
oder historische Theorie der Referenz hier nicht benutzen kann und damit
auch die Kausalkette nicht bis hin zu einer ersten "Benennung" oder "Taufe"
zurückverfolgen kann. Die Frage ist deshalb: Womit fängt die
Kette an? Die Antwort: Geschichten-Erzählen ist als eine sich lang
hinziehende Taufe aufzufassen. Den Einzelheiten dieses Vorschlags wird
in diesem Aufsatz nachgegangen. Ist die Geschichte einmal erzählt
und sind die Personen getauft, sorgen apriorische metaphysische Prinzipien,
die das Geschichten-Erzählen mit dem Bereich der nicht-existierenden
Gegenstände verknüpfen, für die referentielle, nicht-kausale
Verbindung zwischen den beim Geschichten-Erzählen verwendeten Namen
und den von den Namen denotierten Gegenständen.
Semantik der Prädikation ohne
Abstraktion
Karel Lambert, University of California at Irvine
Zusammenfassung. Dieser Aufsatz hat vier Teile. In Teil 1 wird das logische
Prinzip der Abstraktion vorausgesetzt und das Prinzip der Prädikation
erläutert; es wird nachgewiesen, daß das Prinzip der Prädikation
nicht-extensional ist, da es zuläßt, daß der Wahrheitswert
eines Satzes sich ändert, wenn koextensionale Prädikate in ihm
gegeneinander ausgetauscht werden. Teil 2 zeigt aufgrund informeller Argumentation,
daß das Prinzip der Abstraktion falsch ist. Teil 3 entwickelt eine
formale Semantik, die ohne dieses Prinzip auskommt. Teil 4 untersucht erneut
das Prinzip der Prädikation und beweist, daß es auf der in Teil
3 geschaffenen Grundlage extensional ist.
Fiktion ohne Fiktionen. Nelson Goodmans
Beitrag zur Aktualität "nicht-existenter" und "fiktionaler" Objekte
Jens F. Ihwe, Universiteit van Amsterdam
Zusammenfassung. Der Aufsatz zeigt, wie die Paradoxien der Fiktion,
die in der modernen Sprachphilosophie und Literaturtheorie entstanden sind,
in der Symboltheorie Nelson Goodmans aufgelöst werden können.
Für Goodman kommt es zu keiner Paradoxie, da er der Fiktion einen
grundsätzlich anderen erkenntnistheoretischen und logischen Status
zuerkennt. Fiktion wie Nicht-Fiktion sind für ihn gleichermaßen
an der Schaffung wirklicher Welten beteiligt. Voraussetzung dafür
ist seine Erweiterung des Referenzbegriffs, die der Aufsatz in den Grundzügen
skizziert.
Wissenschaft, Mythos, Fiktion: Sie
alle überschreiten die Grenzen des Wirklichen und manchmal gar die
des Möglichen
Richard Sylvan, geb. Routley, Bungendore, Australien
Zusammenfassung. Die Sistologie, die allgemeine Untersuchung aller Gegenstände,
handelt im Gegensatz zur Ontologie auch von nicht-existierenden und unmöglichen
Objekten. Es wird skizziert, wie sich das logisch erreichen läßt;
die sich ergebenden Vorteile für Linguistik, Sprache und Literatur
werden angedeutet. Die Theorie wird für einen Vergleich von Wissenschaft
und Fiktion benutzt. Wissenschaft und Fiktion unterscheiden sich syntaktisch
nicht wesentlich voneinander, inhaltlich gibt es bedeutsame Überlappungen.
Wie sich herausstellt, bilden Wissenschaft und Fiktion ineinander übergehende
Familien, bei denen die trennenden Merkmale hauptsächlich in der deduktiven
Abgeschlossenheit und in der qualifizierten Konfrontierbarkeit mit der
Erfahrung bestehen. Der Rest der Kluft zwischen Wissenschaft und Fiktion
wird vom Mythos überbrückt. Zwei Stile des Mythos werden grob
skizziert: anthropozentrische und naturalistische Mythen. Die letzteren
haben denselben Status wie überholte und verworfene wissenschaftliche
Theorien. Die bestehenden Ähnlichkeiten werden für eine neue
Darstellung von wissenschaftlicher Theorienbildung und wissenschaftlicher
Erklärung ausgenutzt. Eine wissenschaftliche Theorie ist eine Geschichte,
die Wirklichkeitsbedingungen erfüllt. Auch die wissenschaftliche Erklärung
paßt in den Rahmen, der mit dem Begriff der Geschichte gegeben ist.
Die Darstellung erfaßt, was für viele Erklärungen zentral
ist: Erklärung des Existierenden mit Hilfe von Nicht-Existierendem.
Die Wissenschaft befaßt sich ihrem Wesen nach nicht nur mit dem Nicht-Existierenden,
sondern auch mit dem Unmöglichen. In diesem Zusammenhang erhalten
auch widersprüchliche Theorien und andere widersprüchliche Objekte
ihre Rolle.
Zwischen Fiktion und Realität:
das Phantom
Klaus Bartels, Universität Hamburg
Zusammenfassung. Der Aufsatz stellt die Frage, ob es sinnvoll ist, zusätzlich
zu den Kategorien des "Realen" und des "Fiktiven" die Kategorie des "Phantomatischen"
einzuführen. Die Analyse der Manuskript- und der Buchdruckkultur zeigt,
daß lese- und schreibkundige Gesellschaften in der Technik der Gedächtnisspeicherung
auf spezifische halluzinatorische Merkformen zurückgreifen. Diese
traditionellen "artificial memories" verbinden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts
mit elektrischen Techniken der Gedächtnisspeicherung zum Phantomatischen.