Werner Ingendahl
Interpretation als Lebenspraxis. Modi der Erfahrung
von und mit Literatur
Hans Scherer
Siglen als Indikatoren des Kulturwandels
Wilhelm Köller
Dimensionen des Metaphernproblems
Gunther Weimann, Klaus Boehnke, Peter Noack
Jugendsymbole: Funktionen des Buttontragens
Einlage
Michail Bilinkis, Alexej Turowski
Geschwisterliebe. Zur Entschlüsselung eines
alchemistischen Intertexts
Erhebung
Annemarie Lange-Seidl
Semiotik an den Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs
und der Schweiz
Interpretation als Lebenspraxis.
Modi der Erfahrung von und mit Literatur
Werner Ingendahl, Gesamthochschule Wuppertal
Zusammenfassung. Im Anschluß an K. Chvatiks Typologie der menschlichen
Einstellungen zur Welt (vgl. Zeitschrift für Semiotik 5, 1983:
229-242) unterscheidet der Autor vier grundlegende Erfahrungsmodi: (1)
den praktischen (alltagsweltlichen) Modus: Erfahrung im Rahmen nutzenorientierter
Handlungen, (2) den theoretischen Modus: Erfahrung durch erkenntnisorientierte
Reflexion, (3) den ästhetischen Modus: Erfahrung durch die Sinne,
das Spiel und die Phantasie und (4) den ethisch-politischen Modus: Erfahrung
im Rahmen der Abwägung von Handlungskonsequenzen. Diese vier Erfahrungsmodi
werden in einer Interpretation des Gedichts "Der Radwechsel" von Brecht
auf ihre erschließenden Leistungen hin befragt. Dabei zeigt sich,
daß die vier Modi sowohl je eigene Erkenntnisse erbringen, als auch
- in einer didaktischen Reihe zusammenwirkend - Interpretation als Lebenspraxis
erfahren lassen.
Siglen als Indikatoren des Kulturwandels
Hans Scherer, Technische Hochschule Aachen
Zusammenfassung. Das "Worten der Welt" nimmt in unserer Zeit eine entscheidende
Wende weg von einem impressionistischen und hin zu einem rationalen Zugriff
zu den Gegenständen unserer Vorstellung. Durch immer differenziertere
Begrifflichkeiten entsteht ein unüberschaubares Fachvokabular, als
dessen augenfälligster Exponent die Siglen ins Blickfeld treten. Ihr
hoher kommunikativer Wert beruht auf dem Umstand, daß sie aufgrund
der Initialfügung einen beträchtlichen Rest an Selbstdeutigkeit
konservieren, so daß mit einem kommunikativen Minimalaufwand ein
Höchstmaß wohldefinierter Information transportiert werden kann.
Der vielfach beklagte Hermetismus wird einerseits durch kontextuelle Hinweise
gemildert; er ist andererseits sogar Voraussetzung dafür, daß
Siglen wie Normalwörter oder als übernationale Lexeme verwendet
werden können.
Dimensionen des Metaphernproblems
Wilhelm Köller, Gesamthochschule Kassel
Zusammenfassung. Das Metaphernproblem hat seit über 2000 Jahren
die theoretische Neugier auf sich gezogen, weil es gleichsam stellvertretend
für das Sprachproblem selbst untersucht werden kann. Eine abschließende
Metapherntheorie wird es wahrscheinlich ebensowenig geben wie eine abschließende
Sprachtheorie, weil das Metaphernproblem so komplex ist, daß sich
viele Wissenschaften sinnvoll mit ihm beschäftigen können. Hier
soll versucht werden darzustellen, welche Dimensionen des Metaphernproblems
sich zeigen, wenn es aus der Perspektive der Methodologie, der Logik, der
Zeichentheorie, der Erkenntnistheorie, der Anthropologie, der Handlungstheorie
und der Ästhetik betrachtet wird.
Jugendsymbole: Funktionen des Buttontragens
Gunther Weimann, Klaus Boehnke, Peter Noack, Berlin
Zusammenfassung. Dieser Aufsatz untersucht Bedeutung und Funktion von
Buttons in der Jugendkultur. Im ersten Teil wird ein Rahmen skizziert,
der eine semiotische Analyse dieser verbalen und nonverbalen visuellen
Zeichen ermöglicht. Ein auf der Morrisschen Dreiteilung der Semiotik
beruhendes Untersuchungsmodell wird entwickelt, um Buttons klassifizieren
zu können. Für die Entwicklung einer "Buttonpragmatik" bietet
Jakobsons Funktionsklassifikation der Sprachverwendung in referentielle,
emotive, konative, phatische, metasprachliche und poetische Funktionen
einen Ansatzpunkt. Im zweiten Teil werden sieben Annahmen zu Funktionen
des Buttontragens diskutiert und mit Jakobsons Sprachfunktionen in Beziehung
gesetzt. Die subjektive Wichtigkeit der angenommenen Funktionen des Buttontragens
wird im letzten Teil in einer Interviewstudie überprüft. Es zeigt
sich, daß es eine für alle Jugendliche gültige Hierarchie
von Funktionen des visuellen Zeichengebrauchs nicht gibt. Nur die phatische
Funktion ist für alle Jugendliche von höherer subjektiver Wichtigkeit.
Insgesamt kann geschlußfolgert werden, daß Buttontragen zu
Kommunikationszwecken zwar als Jugendspezifikum zu begreifen ist, die exakte
Funktion des Zeichengebrauchs aber eher als gruppenspezifisch anzusehen
ist.
Einlage
Geschwisterliebe. Zur Entschlüsselung eines alchemistischen
Intertexts
Michail Bilinkis, Alexej Turowski, Moskau
Zusammenfassung. Die Verfasser deuten einen Märchentext aus einem
alchemistischen Buch des 18. Jahrhunderts, indem sie jedem Ereignis einen
chemischen Prozeß zuordnen. Die Übersetzung des narrativen alchemistischen
Textes in die Formelsprache der modernen Chemie erweist sich als schwierig,
aber nicht unmöglich.