Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

„Semiotik und Medizin“
Jahr: 1984
Band:  6
Heft: 1/2

 
Thure von Uexküll
Vorwort 

Martin Krampen
Die Rolle des Index in den Wissenschaften

Wolfgang Wesiack
Die Bewältigung der Unsicherheit in der Medizin: 
ein semiotisches Problem

Frowine Leyh
Die Bedeutung dermatologischer Zeichen

Thure von Uexküll 
Symptome als Zeichen für Zustände in lebenden Systemen 

Thomas A. Sebeok 
Symptome, systematisch und historisch

Thure von Uexküll
Historische Überlegung zu dem Problem einer Medizin-Semiotik 

Aus der Forschung 
Claus-W. Wallesch
Pathologie des Schriftgebrauchs 
Alexien und Agraphien und ihre Beziehung zu anderen 
neuropsychologischen Störungsbildern

Diskussion 
Heinz Behrwind, Dieter Flader und Hans-Joachim Griep
Kritische Thesen zum Anspruch der "Objektiven Hermeneutik" 

Projekt 
Klaus Boehnke und Peter Noack 
Zum Symbolgebrauch von Jugendlichen 

Literaturbericht 
Svend Erik Larsen, Per Erik Ljung, Sven Storelv und Eero Tarasti 
Semiotik in Skandinavien 
 


Vorwort 
Semiotik und Medizin 

Thure von Uexküll, Freiburg i. Br. 

Zusammenfassung. Die Semiotik, die im 20. Jahrhundert als Verallgemeinerung der Sprachwissenschaften Einfluß gewonnen hat, hat einst in der Antike als Lehre von den Krankheitszeichen begonnen. Als solche war sie eine 
Grundlagenwissenschaft der Medizin und hat diesen Rang bis ins 17. Jahrhundert hinein behalten, als naturwissenschaftliche Methoden in der Medizin die führende Rolle übernahmen. Heute sind die Grenzen dieser Methoden klar 
erkennbar, und zeichenbezogene Metaphern erhalten in Krankheitsbeschreibungen wieder zunehmendes Gewicht, wodurch sich ein Paradigmenwechsel in der Medizin anzukündigen scheint. Die heutige Semiotik bietet einen terminologischen Rahmen an, in dem diese Metaphern expliziert und die organismischen und zwischenmenschlichen medizinischen Vorgänge auf einheitliche Weise beschrieben werden können. 
 


Die Rolle des Index in den Wissenschaften

Martin Krampen, Ulm 

Zusammenfassung. Krankheitssymptome sind Indexzeichen. Der Beitrag analysiert den Status der Indexzeichen innerhalb der Zeichenklassifikationen von Charles S. Peirce und unterscheidet vier Typen von Indexzeichen. Die verschiedenen Indexzeichen helfen dem Arzt, seine Unsicherheit bezüglich der angemessenen Therapie zu beseitigen. Das geschieht auf verschiedene Weisen, die vergleichbar sind den verschiedenen Weisen, in denen der Wissenschaftler in den nomothetischen und den hermeneutischen Wissenschaften seine Unsicherheit beseitigt. 
 


Die Bewältigung der Unsicherheit in der Medizin: ein semiotisches Problem

Wolfgang Wesiack, Aalen 

Zusammenfassung. Die Medizin ist eine im wesentlichen semiotische Disziplin, 
die Naturereignisse beobachtet, sie als Krankheitszeichen interpretiert und 
ausgehend von dieser Diagnose auf die angemessene Therapie schließt. In ihrer 
Geschichte hat die Medizin drei Phasen durchlaufen: 1. Die frühe Medizin 
interpretierte körperexterne Ereignisse wie den Vogelflug oder den Stand der 
Gestirne als Krankheitszeichen (Phase der magischen Exosemiotik). 2. Die 
wissenschaftliche Medizin von den Griechen bis ins 18. Jahrhundert 
berücksichtigte nur noch die Körperbeschaffenheit und das Verhalten des 
Patienten als potentielle Krankheitszeichen (Phase der unmittelbar 
patientenzentrierten Semiotik). 3. Die Medizin im Schlepptau der 
Naturwissenschaften reduzierte die Krankheitszeichen weiter auf die meßbaren 
Aspekte der Ergebnisse diagnostischer Experimente (Phase der instrumentellen 
Semiotik). Kennzeichnend für die heutige Medizin ist dementsprechend eine 
Tendenz zur Überbewertung lokaler Meßergebnisse und zur Geringschätzung von weniger leicht meßbaren Vorgängen wie Mimik, Gestik und Traumerzählungen des Patienten. Diese Entwicklung hat der Medizin nicht nur den Vorwurf der "Unmenschlichkeit" eingebracht, sondern auch den Aufschlußwert der Diagnose für die Therapie immer geringer werden lassen. Nur die vermehrte Einbeziehung der weniger sicheren und weniger leicht meßbaren Zeichen in eine ganzheitliche Diagnose wird die Medizin aus ihrer gegenwärtigen Krise herausführen. 
 


Die Bedeutung dermatologischer Zeichen

Frowine Leyh, Lübeck 

Zusammenfassung. Der Beitrag liefert eine semiotische Analyse der 
dermatologischen Effloreszenzenlehre. Jedes Hautsymptom wird in Bezug auf eine Primärkategorie, eine Sekundärkategorie und sechs Hilfskategorien 
klassifiziert. Dieses Verfahren ermöglicht es, mehrere hundert verschiedene 
Hautkrankheiten zu diagnostizieren. Zugrunde liegt diesem Prozeß der 
dermatologische Effloreszenzenkode, der die Krankheiten ausdrückt und bestimmt. 
 


Symptome als Zeichen für Zustände in lebenden Systemen

Thure von Uexküll, Freiburg i. Br. 

Zusammenfassung. Die heutige Medizin betrachtet Krankheit als Betriebsstörung in einem biochemischen Mechanismus, die durch Beseitigung der Ursachen behoben werden muß. Unter Diagnose versteht sie den Rückschluß von den Symptomen (Signifikanten) der Betriebsstörung auf ihre Ursachen (Signifikate). Die hier beteiligte Zeichenbeziehung scheint nichts weiter als eine binäre Relation zwischen Symptomen und Ursachen zu sein. Eine derartige Auffassung wird jedoch im vorliegenden Beitrag aufgrund einer Analyse der betreffenden Schlußprozesse zurückgewiesen. Die multifaktorielle Genese von Krankheiten läßt sich nicht mit Hilfe von binären Kausalbeziehungen, sondern nur im Rahmen der Systemtheorie 
erfassen. Ein Organismus ist ein System, dessen Bedürfnisse einen Kode 
bestimmen, mit Hilfe dessen er die Einwirkungen der Umwelt in spezifischer 
Weise interpretieren und auf sie angemessen reagieren kann. Einwirkung, 
Interpretation und Reaktion im systemtheoretischen Ansatz lassen sich in Bezug 
setzen zu Zeichen, Interpretant und Objekt in der Peirceschen Semiotik. Die 
hier vorgelegte Synthese von Systemtheorie und Semiotik ermöglicht eine 
einheitliche Beschreibung der verschiedenen Zeichenprozesse auf der Ebene der Zellen, der Organe, der Organsysteme, der Organismen und der Gesellschaften. Entsprechend diesem Modell wird ein Zeichen, auf das eine angemessene Reaktion auf seiner eigenen Ebene unmöglich ist, in ein Zeichen auf der nächst höheren Ebene übersetzt. Zur Krankheit kommt es, wenn diese mehrfache Übersetzungen innerhalb des Organismus nicht die angestrebte Reaktion hervorruft. In diesem Fall werden die beteiligten Zeichen als Krankheitssymptome interpretiert. Die ärztliche Diagnose besteht in der Übersetzung dieser organismischen Symptome in konventionelle Zeichen, aus denen angemessene Reaktionen der Gesellschaft folgen. Der für diese Übersetzung notwendige Kode besteht in unseren verschiedenen Krankheitsbegriffen. 
 


Symptome, systematisch und historisch

Thomas A. Sebeok, Indiana University, Bloomington 

Zusammenfassung. Den Symptombegriff kann man einerseits untersuchen im Hinblick auf seinen Stellenwert im Wortfeld der Zeichenbegriffe, andererseits im Hinblick auf die medizinischen Phänomene, die seit der Antike als "Symptome" 
bezeichnet wurden. Dieser Beitrag verfolgt beide Ansätze. "Symptom" wird in 
Bezug gesetzt zu "Zeichen" und "Signal", zu "Hinweis", "Anhaltspunkt" und 
"Indikator", zu "Ikon", "Index" und "Symbol", zu "Legizeichen" und "Sinzeichen", "Typ und "Token", zu "Kommunikation" und "Information", zu "Induktion", "Deduktion" und "Abduktion"' zu "Pars pro toto" und anderen "Metonymien", zu "natürlichen" und "künstlichen" Zeichen, zu "Spuren", "Marken" und anderen Formen der "Evidenz", zu "subjektiven" und "objektiven", "privaten" und "öffentlichen" Zeichen und "Syndromen", zu "Innenwelt", "Außenwelt" und "Umwelt" zu "körperlichen Funktionsänderungen" und "Schmerz", zu "Diagnose" und "Prognose", "Ätiologie" und "Therapie". Anschließend skizziert der Beitrag anhand einschlägiger Passagen aus den Meistern der medizinischen Semiotik die Geschichte der Symptomatologie von Hippokrates und Alkmaion von Kroton, Galen und Philodemus bis hin zu Thomas Sydenham, John Locke, Friedrich J. K. Henle und CADUCEUS. Wie sich herausstellt, ist die Symptomatologie derjenige Zweig der Semiotik, der uns lehrt, wie die Ärzte in ihrem kulturellen Milieu funktionieren. 
 


Historische Überlegung zu dem Problem einer Medizin-Semiotik

Thure von Uexküll, Freiburg i. Br. 

Zusammenfassung. Die medizinischen Disziplinen Diagnostik und Therapeutik gehen von entgegengesetzten Konzeptionen des Krankheitsprozesses aus. Während für die Diagnostik der Symptombegriff im Mittelpunkt steht, stützt sich die Therapeutik auf den Kausalitätsbegriff. Die Frage, ob die Beziehung zwischen Krankheit und Symptom semiotischer oder kausaler Natur ist, scheint bis heute ungelöst. Die wissenschaftliche Medizin der Antike und des Mittelalters behandelte diese Beziehung als semiotische Relation und baute ihre eigenen empirischen Methoden darauf auf, indem sie Körpersymptome zur Basis für Aussagen über die Vergangenheit und die Zukunft eines Organismus machte. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wurde dieses semiotische Paradigma durch das kausale Paradigma, in dem der menschliche Körper als biochemischer Mechanismus behandelt wird, immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Wer der Semiotik in der heutigen Medizin ihre alte dominierende Rolle zurückgeben will, hat drei Aufgaben zu lösen: (1) Er muß herausfinden, warum die antike und mittelalterliche medizinische Semiotik nicht in der Lage war, einen für eine effektive Therapie brauchbaren Kausalitätsbegriff zu entwickeln. (2) Er muß aufzeigen, inwiefern das gegenwärtig vorherrschende mechanische Modell des menschlichen Körpers ungenügend ist. (3) Er muß nachweisen, daß die moderne Semiotik einen angemessenen begrifflichen Rahmen für die Formulierung der Probleme des Arztes in Diagnose und Therapie zur Verfügung stellen kann. Der Beitrag zeigt, daß diese Aufgaben lösbar sind und skizziert erste Antworten. 
 


Aus der Forschung 
Pathologie des Schriftgebrauchs. Alexien und Agraphien und ihre Beziehung zu 
anderen neuropsychologischen Störungsbildern

Claus W. Wallesch, Universität Freiburg 

Zusammenfassung. Störungen schriftsprachlicher Leistungen nach vollzogenem 
Spracherwerb aufgrund von Hirnverletzungen werden dargestellt, diskutiert und 
in Beziehung gesetzt zu erworbenen Störungen der Sprache, des Handelns am 
Objekt und im Raum sowie der Wahrnehmung von Sehdingen im Raum. Störungen schriftsprachlicher Leistungen sind nur in Ausnahmefällen von anderen Störungen isolierbar. Eine Unterteilung schriftsprachlicher Defizite in Alexien und Agraphien erscheint, abgesehen von Sonderfällen, klinisch wenig brauchbar, da das Störungsbild damit nicht ausreichend erfaßt werden kann. Es erscheint sinnvoller, Störungen als Auswirkungen komplexerer neurophysiologischer Störungen auf schriftsprachliche Leistungen zu beschreiben. Entsprechend sollte auch die Therapie von Schreibstörungen nur auf der Grundlage neuropsychologischer Untersuchungen erfolgen. 

 


 
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