Thure von Uexküll
Vorwort
Martin Krampen
Die Rolle des Index in den Wissenschaften
Wolfgang Wesiack
Die Bewältigung der Unsicherheit in der Medizin:
ein semiotisches Problem
Frowine Leyh
Die Bedeutung dermatologischer Zeichen
Thure von Uexküll
Symptome als Zeichen für Zustände in lebenden
Systemen
Thomas A. Sebeok
Symptome, systematisch und historisch
Thure von Uexküll
Historische Überlegung zu dem Problem einer Medizin-Semiotik
Aus der Forschung
Claus-W. Wallesch
Pathologie des Schriftgebrauchs
Alexien und Agraphien und ihre Beziehung zu anderen
neuropsychologischen Störungsbildern
Diskussion
Heinz Behrwind, Dieter Flader und Hans-Joachim Griep
Kritische Thesen zum Anspruch der "Objektiven Hermeneutik"
Projekt
Klaus Boehnke und Peter Noack
Zum Symbolgebrauch von Jugendlichen
Literaturbericht
Svend Erik Larsen, Per Erik Ljung, Sven Storelv und Eero
Tarasti
Semiotik in Skandinavien
Vorwort
Semiotik und Medizin
Thure von Uexküll, Freiburg i. Br.
Zusammenfassung. Die Semiotik, die im 20. Jahrhundert als Verallgemeinerung
der Sprachwissenschaften Einfluß gewonnen hat, hat einst in der Antike
als Lehre von den Krankheitszeichen begonnen. Als solche war sie eine
Grundlagenwissenschaft der Medizin und hat diesen Rang bis ins 17.
Jahrhundert hinein behalten, als naturwissenschaftliche Methoden in der
Medizin die führende Rolle übernahmen. Heute sind die Grenzen
dieser Methoden klar
erkennbar, und zeichenbezogene Metaphern erhalten in Krankheitsbeschreibungen
wieder zunehmendes Gewicht, wodurch sich ein Paradigmenwechsel in der Medizin
anzukündigen scheint. Die heutige Semiotik bietet einen terminologischen
Rahmen an, in dem diese Metaphern expliziert und die organismischen und
zwischenmenschlichen medizinischen Vorgänge auf einheitliche Weise
beschrieben werden können.
Die Rolle des Index in den Wissenschaften
Martin Krampen, Ulm
Zusammenfassung. Krankheitssymptome sind Indexzeichen. Der Beitrag analysiert
den Status der Indexzeichen innerhalb der Zeichenklassifikationen von Charles
S. Peirce und unterscheidet vier Typen von Indexzeichen. Die verschiedenen
Indexzeichen helfen dem Arzt, seine Unsicherheit bezüglich der angemessenen
Therapie zu beseitigen. Das geschieht auf verschiedene Weisen, die vergleichbar
sind den verschiedenen Weisen, in denen der Wissenschaftler in den nomothetischen
und den hermeneutischen Wissenschaften seine Unsicherheit beseitigt.
Die Bewältigung der Unsicherheit
in der Medizin: ein semiotisches Problem
Wolfgang Wesiack, Aalen
Zusammenfassung. Die Medizin ist eine im wesentlichen semiotische Disziplin,
die Naturereignisse beobachtet, sie als Krankheitszeichen interpretiert
und
ausgehend von dieser Diagnose auf die angemessene Therapie schließt.
In ihrer
Geschichte hat die Medizin drei Phasen durchlaufen: 1. Die frühe
Medizin
interpretierte körperexterne Ereignisse wie den Vogelflug oder
den Stand der
Gestirne als Krankheitszeichen (Phase der magischen Exosemiotik). 2.
Die
wissenschaftliche Medizin von den Griechen bis ins 18. Jahrhundert
berücksichtigte nur noch die Körperbeschaffenheit und das
Verhalten des
Patienten als potentielle Krankheitszeichen (Phase der unmittelbar
patientenzentrierten Semiotik). 3. Die Medizin im Schlepptau der
Naturwissenschaften reduzierte die Krankheitszeichen weiter auf die
meßbaren
Aspekte der Ergebnisse diagnostischer Experimente (Phase der instrumentellen
Semiotik). Kennzeichnend für die heutige Medizin ist dementsprechend
eine
Tendenz zur Überbewertung lokaler Meßergebnisse und zur
Geringschätzung von weniger leicht meßbaren Vorgängen wie
Mimik, Gestik und Traumerzählungen des Patienten. Diese Entwicklung
hat der Medizin nicht nur den Vorwurf der "Unmenschlichkeit" eingebracht,
sondern auch den Aufschlußwert der Diagnose für die Therapie
immer geringer werden lassen. Nur die vermehrte Einbeziehung der weniger
sicheren und weniger leicht meßbaren Zeichen in eine ganzheitliche
Diagnose wird die Medizin aus ihrer gegenwärtigen Krise herausführen.
Die Bedeutung dermatologischer Zeichen
Frowine Leyh, Lübeck
Zusammenfassung. Der Beitrag liefert eine semiotische Analyse der
dermatologischen Effloreszenzenlehre. Jedes Hautsymptom wird in Bezug
auf eine Primärkategorie, eine Sekundärkategorie und sechs Hilfskategorien
klassifiziert. Dieses Verfahren ermöglicht es, mehrere hundert
verschiedene
Hautkrankheiten zu diagnostizieren. Zugrunde liegt diesem Prozeß
der
dermatologische Effloreszenzenkode, der die Krankheiten ausdrückt
und bestimmt.
Symptome als Zeichen für Zustände
in lebenden Systemen
Thure von Uexküll, Freiburg i. Br.
Zusammenfassung. Die heutige Medizin betrachtet Krankheit als Betriebsstörung
in einem biochemischen Mechanismus, die durch Beseitigung der Ursachen
behoben werden muß. Unter Diagnose versteht sie den Rückschluß
von den Symptomen (Signifikanten) der Betriebsstörung auf ihre Ursachen
(Signifikate). Die hier beteiligte Zeichenbeziehung scheint nichts weiter
als eine binäre Relation zwischen Symptomen und Ursachen zu sein.
Eine derartige Auffassung wird jedoch im vorliegenden Beitrag aufgrund
einer Analyse der betreffenden Schlußprozesse zurückgewiesen.
Die multifaktorielle Genese von Krankheiten läßt sich nicht
mit Hilfe von binären Kausalbeziehungen, sondern nur im Rahmen der
Systemtheorie
erfassen. Ein Organismus ist ein System, dessen Bedürfnisse einen
Kode
bestimmen, mit Hilfe dessen er die Einwirkungen der Umwelt in spezifischer
Weise interpretieren und auf sie angemessen reagieren kann. Einwirkung,
Interpretation und Reaktion im systemtheoretischen Ansatz lassen sich
in Bezug
setzen zu Zeichen, Interpretant und Objekt in der Peirceschen Semiotik.
Die
hier vorgelegte Synthese von Systemtheorie und Semiotik ermöglicht
eine
einheitliche Beschreibung der verschiedenen Zeichenprozesse auf der
Ebene der Zellen, der Organe, der Organsysteme, der Organismen und der
Gesellschaften. Entsprechend diesem Modell wird ein Zeichen, auf das eine
angemessene Reaktion auf seiner eigenen Ebene unmöglich ist, in ein
Zeichen auf der nächst höheren Ebene übersetzt. Zur Krankheit
kommt es, wenn diese mehrfache Übersetzungen innerhalb des Organismus
nicht die angestrebte Reaktion hervorruft. In diesem Fall werden die beteiligten
Zeichen als Krankheitssymptome interpretiert. Die ärztliche Diagnose
besteht in der Übersetzung dieser organismischen Symptome in konventionelle
Zeichen, aus denen angemessene Reaktionen der Gesellschaft folgen. Der
für diese Übersetzung notwendige Kode besteht in unseren verschiedenen
Krankheitsbegriffen.
Symptome, systematisch und historisch
Thomas A. Sebeok, Indiana University, Bloomington
Zusammenfassung. Den Symptombegriff kann man einerseits untersuchen
im Hinblick auf seinen Stellenwert im Wortfeld der Zeichenbegriffe, andererseits
im Hinblick auf die medizinischen Phänomene, die seit der Antike als
"Symptome"
bezeichnet wurden. Dieser Beitrag verfolgt beide Ansätze. "Symptom"
wird in
Bezug gesetzt zu "Zeichen" und "Signal", zu "Hinweis", "Anhaltspunkt"
und
"Indikator", zu "Ikon", "Index" und "Symbol", zu "Legizeichen" und
"Sinzeichen", "Typ und "Token", zu "Kommunikation" und "Information", zu
"Induktion", "Deduktion" und "Abduktion"' zu "Pars pro toto" und anderen
"Metonymien", zu "natürlichen" und "künstlichen" Zeichen, zu
"Spuren", "Marken" und anderen Formen der "Evidenz", zu "subjektiven" und
"objektiven", "privaten" und "öffentlichen" Zeichen und "Syndromen",
zu "Innenwelt", "Außenwelt" und "Umwelt" zu "körperlichen Funktionsänderungen"
und "Schmerz", zu "Diagnose" und "Prognose", "Ätiologie" und "Therapie".
Anschließend skizziert der Beitrag anhand einschlägiger Passagen
aus den Meistern der medizinischen Semiotik die Geschichte der Symptomatologie
von Hippokrates und Alkmaion von Kroton, Galen und Philodemus bis hin zu
Thomas Sydenham, John Locke, Friedrich J. K. Henle und CADUCEUS. Wie sich
herausstellt, ist die Symptomatologie derjenige Zweig der Semiotik, der
uns lehrt, wie die Ärzte in ihrem kulturellen Milieu funktionieren.
Historische Überlegung zu dem Problem
einer Medizin-Semiotik
Thure von Uexküll, Freiburg i. Br.
Zusammenfassung. Die medizinischen Disziplinen Diagnostik und Therapeutik
gehen von entgegengesetzten Konzeptionen des Krankheitsprozesses aus. Während
für die Diagnostik der Symptombegriff im Mittelpunkt steht, stützt
sich die Therapeutik auf den Kausalitätsbegriff. Die Frage, ob die
Beziehung zwischen Krankheit und Symptom semiotischer oder kausaler Natur
ist, scheint bis heute ungelöst. Die wissenschaftliche Medizin der
Antike und des Mittelalters behandelte diese Beziehung als semiotische
Relation und baute ihre eigenen empirischen Methoden darauf auf, indem
sie Körpersymptome zur Basis für Aussagen über die Vergangenheit
und die Zukunft eines Organismus machte. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert
wurde dieses semiotische Paradigma durch das kausale Paradigma, in dem
der menschliche Körper als biochemischer Mechanismus behandelt wird,
immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Wer der Semiotik in der heutigen
Medizin ihre alte dominierende Rolle zurückgeben will, hat drei Aufgaben
zu lösen: (1) Er muß herausfinden, warum die antike und mittelalterliche
medizinische Semiotik nicht in der Lage war, einen für eine effektive
Therapie brauchbaren Kausalitätsbegriff zu entwickeln. (2) Er muß
aufzeigen, inwiefern das gegenwärtig vorherrschende mechanische Modell
des menschlichen Körpers ungenügend ist. (3) Er muß nachweisen,
daß die moderne Semiotik einen angemessenen begrifflichen Rahmen
für die Formulierung der Probleme des Arztes in Diagnose und Therapie
zur Verfügung stellen kann. Der Beitrag zeigt, daß diese Aufgaben
lösbar sind und skizziert erste Antworten.
Aus der Forschung
Pathologie des Schriftgebrauchs. Alexien und Agraphien
und ihre Beziehung zu
anderen neuropsychologischen Störungsbildern
Claus W. Wallesch, Universität Freiburg
Zusammenfassung. Störungen schriftsprachlicher Leistungen nach
vollzogenem
Spracherwerb aufgrund von Hirnverletzungen werden dargestellt, diskutiert
und
in Beziehung gesetzt zu erworbenen Störungen der Sprache, des
Handelns am
Objekt und im Raum sowie der Wahrnehmung von Sehdingen im Raum. Störungen
schriftsprachlicher Leistungen sind nur in Ausnahmefällen von anderen
Störungen isolierbar. Eine Unterteilung schriftsprachlicher Defizite
in Alexien und Agraphien erscheint, abgesehen von Sonderfällen, klinisch
wenig brauchbar, da das Störungsbild damit nicht ausreichend erfaßt
werden kann. Es erscheint sinnvoller, Störungen als Auswirkungen komplexerer
neurophysiologischer Störungen auf schriftsprachliche Leistungen zu
beschreiben. Entsprechend sollte auch die Therapie von Schreibstörungen
nur auf der Grundlage neuropsychologischer Untersuchungen erfolgen.