Roland Posner
Einleitung
Alicja Sakaguchi
Plansprachen zwischen Spontaneität und Standardisierung.
Semiotik und Interlinguistik
Helmut Lüdtke
Sprache und Schrift.
Sieben Thesen
Claus W. Wallesch
Schreiben, seine Anatomie und Physiologie
William C. Watt
Grade der Systemhaftigkeit.
Zur Homogenität der Alphabetschrift
Diskussion: Systemhaftigkeit
Roland Posner
Kodes als Zeichen
Wolfgang Wenning
Grade visueller Systemhaftigkeit
Wulf Rehder
Systemhaftigkeit und Schriftrichtung
Holger van den Boom
Systemhaftigkeit und Kodierung
Reinhard Köhler und Gabriel Altmann
Systemtheorie und Semiotik
Einlage
K. Lothar Hildebrand
Claude Chappe und die Lufttelegraphie
Erhebung
Annemarie Lange-Seidl
Semiotik an den Universitäten der Bundesrepublik
Deutschland, Österreichs und der Schweiz
Einleitung
Sprache - Schriftsprache - Plansprache
Roland Posner, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Der Beitrag führt in das Verhältnis von Sprache
Schriftsprache und Planspache zueinander ein, indem er die Schwierigkeiten
behandelt, die sich den Versuchen entgegenstellen den Aufwand für
die sprachliche Kommunikation zu senken. Ausgehend von Beispielen aus der
Geschichte der Zahldarstellung und der Verschriftung natürlicher Sprachen
werden zwei Notationsprinzipien formuliert, die ein Höchstmaß
an Zeichenökonomie gewährleisten. Abschließend wird die
Frage der Wünschbarkeit einer künstlich normierten Weltsprache
diskutiert.
Plansprachen zwischen Spontaneität
und Standardisierung. Semiotik und Interlinguistik
Alicja Sakaguchi, Universität Paderborn
Zusammenfassung. Die Interlinguistik studiert die Möglichkeiten
einer
Verbesserung der menschlichen Kommunikation durch Revision der in Gebrauch
befindlichen Sprachsysteme. Der Beitrag definiert die Interlinguistik im
Kontext von Semiotik und Linguistik und klassifiziert die verschiedenen
Vorschläge für interlinguistische Systeme, die im Laufe der
Geschichte gemacht
worden sind. Er unterscheidet zwischen A-priori-Sprachen und
A-posteriori-Sprachen sowie zwischen monosprachlichen Systemen, d.
h.
Vereinfachungen bestimmter natürlicher Sprachen, und polysprachlichen
Systemen, d.h. Kombinationen von Teilsystemen mehrerer verschiedener natürlicher
Sprachen. Rationalistische Systeme werden naturalistischen Systemen gegenübergestellt,
und die Versuche zur Integration der bestehenden
Plansprachen in ein umfassendes interlinguistisches System werden besprochen.
Wenn eine Plansprache von einer heterogenen Gruppe von Menschen in
Gebrauch genommen wird, tendiert sie zu spontanem Sprachwandel und damit
zur Abweichung von der ursprünglichen Planung. Der Beitrag setzt sich
mit diesem Problem auseinander und ordnet die diskutierten Typen interlinguistischer
Systeme nach dem Grad ihrer Standardisierung bzw. nach der Spontaneität,
die in ihnen zulässig ist.
Sprache und Schrift: sieben Thesen
Helmut Lüdtke, Universität Kiel
Zusammenfassung. Der Aufsatz stellt sieben Thesen zur Diskussion, die
den
empirischen Charakter von Linguistik und Semiotik, den Status ihrer
Untersuchungsgegenstände, deren biologische Fundierung und deren
Verhältnis zu den Gegenständen anderer Disziplinen betreffen.
Im Mittelpunkt steht der
Unterschied zwischen Sprache und Schrift, der in Analogie gesetzt wird
zu dem
Unterschied zwischen Hand und Werkzeug. Es wird gezeigt, daß
die Verkettung von Buchstaben zum geschriebenen Text ein irreführendes
Modell für den Aufbau von Redetexten ist. Sprachwandel wird aufgefaßt
als Übergang von einer koexistierenden Sprachvariante zur anderen
im Rahmen eines
System/Zeit-Kontinuums.
Schreiben, seine Anatomie und Physiologie
Claus W. Wallesch, Universität Freiburg
Zusammenfassung. Der Aufsatz stellt die anatomischen Voraussetzungen
und die physiologischen Vorgänge dar, die am Schreiben beteiligt sind.
Wesentlich
erscheint, daß die Erzeugung eines bestimmten Schriftbildes nicht
an den
Einsatz einer spezifischen Muskelgruppe gebunden ist. Daraus folgt
die
Notwendigkeit peripher-zentraler Regelkreise im Schreibprozeß.
Im Gehirn ist
die Schreibmotorik in Cortex, Basalganglien und Kleinhirn repräsentiert.
Die
Schreibbewegung kann nur durch gemeinsame Aktion dieser Hirnstrukturen
zustande kommen. Das Phänomen konstanter Strukturen der Handschrift
als Ausdruck "kinetischer Melodien" entzieht sich allerdings noch der neurophysiologischen
Erklärung.
Grade der Systemhaftigkeit.
Zur Homogenität der Alphabetschrift
William C. Watt, University of California, Irvine
Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Tatsache, daß eine
Menge
semiotischer Elemente dazu neigt, sich in Struktur und Funktion wie
ein System
zu verhalten. Da angenommen wird, daß die Systemhaftigkeit einer
Menge auf ihre Homogenität zurückgeführt werden kann, werden
Grade der Systemhaftigkeit auf der Grundlage von Homogenitätsmaßen
definiert. Drei alternative Homogenitätskonzepte werden diskutiert:
(1) Eine Menge ist um so homogener, je gleichmäßiger ihre Eigenschaften
über die Elemente verteilt sind, (2) eine Menge ist um so homogener,
je geringer im Durchschnitt die Zahl der
Unterschiede zwischen den Elementen ist. (3) eine Menge ist um so homogener,
je mehr die Zahl der Übereinstimmungen die Zahl der Unterschiede übertrifft.
Während die ersten beiden Konzepte sich als unangemessen erweisen,
wird das dritte akzeptiert und durch die engverwandten Maße der "Xi-Homogenität"
und der "Zeta-Homogenität" expliziert. Die Ergebnisse dieser Überlegungen
werden auf die Beschreibung von Homogenisierungsprozessen angewandt, die
in der
Entwicklung der Allgemeinen Modernen Römischen (AMR) Großbuchstaben
aus den archaischen griechischen und phönizischen Buchstaben stattgefunden
haben. Dabei zeigt sich, daß es neben der Homogenisierung auch noch
andere
Entwicklungsfaktoren gibt, die auf ein semiotisches System einwirken:
Trägheit,
Erleichterung und Heterogenisierung.