Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Intertextualität
Jahr: 2002
Band:  24
Heft: 2-3

 
Henriette Herwig
Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung
im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe

Anne Bohnenkamp
Intertextualität als Realisation von Weltliteratur:
Literarische Landschaften in Goethes Faust

Franziska Schößler
Markierte Zitate und Kultur als Intertext: Varianten
der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit

Werner Stauffacher
Intertextualität und Rezeptionsgeschichte bei Alfred Döblin:
„Goethe dämmerte mir sehr spät.“


J. Ulrich Binggeli
Intertextualität und Lektüresemiotik: Der Räuber-Roman
von Robert Walser

Henriette Herwig
Intertextualität als Mittel der Assimilations- und Orthodoxiekritik
in Joseph Roths Hiob. Roman eines einfachen Mannes


Brigitta Oesch
Schiffbruch des Erzählens: Eine intertextuelle Lektüre der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung

Peter Rusterholz
Vom ,Werk’ zur Intertextualität der Stoffe:
Friedrich Dürrenmatts Wandlung

Preisverleihung
Ernest W. B. Hess-Lüttich
Körper – Verkörperung – Entkörperung:
Zum Thema und zu den Preisschriften des Förderpreises
Semiotik der DGS 2002

Ulf Harendarski
Zur Deixis auf eine andere Welt

Peter Rusterholz
Bericht über die Preisschrift K: „Entkörperlichung, Whiteness
und das amerikanische Gegenwartskino – Zum Körperdiskurs
in den Kulturwissenschaften“

Bärbel Tischleder
Zur symbolischen Topographie des weißen Amerika in Fargo


Einführung

Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe

Henriette Herwig

Zusammenfassung. Dieser einführende Aufsatz fragt nach Formen und Funktionen der Beziehungen zwischen literarischen Texten, stellt die für die Literaturwissenschaft relevanten Intertextualitätstheorien und die in ihnen entwickelten Taxonomien vor, grenzt den engen, textdeskriptiven Intertextualitätsbegriff vom weiten, ontologischen Konzept von Intertextualität ab und plädiert für eine semiotisch fundierte, kontextorientierte Verbindung produktionsästhetischer und rezeptionsästhetischer Intertextualität. Abschließend stellt er in Grundzügen die in diesem Themenheft zusammengestellten Aufsätze vor.
 


Intertextualität als Realisation von Weltliteratur:
Literarische Landschaften in Goethes Faust

Anne Bohnenkamp

Zusammenfassung. Ausgehend von der Verwendung des Begriffs „Landschaft“ bei Goethe geht es in dem Beitrag um die intertextuellen Strukturen (in weitem und engem Verständnis des Begriffs) dieses erkenntnistheoretischen und ästhetischen Schlüsselkonzepts der Moderne. Der Beitrag beschreibt in diesem Zusammenhang die herausragende Rolle von Landschaftsschilderungen im Faust und fragt nach ihren Formen und Funktionen. Eine intertextuelle Lektüre der Szene „Anmutige Gegend“ zeigt, dass die hier geschilderte Landschaft dialogische Bezüge einerseits zur Rolle der Natur in Dantes Commedia, andererseits zur Landschaftswahrnehmung in Byrons Manfred aufweist. Gerade im Hinblick auf seine Landschaften lässt sich Goethes Faust als eine Realisation von Goethes Idee einer „Weltliteratur“ lesen, für die intertextuelle Bezüge konstitutiv sind.


Markierte Zitate und Kultur als Intertext: Varianten der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit

Franziska Schößler

Zusammenfassung. Gezeigt wird, dass sich Textlektüren, die vor dem Hintergrund des engen oder aber des weiten Begriffs von Intertextualität entstehen, durchaus ergänzen können, die beiden divergierenden Konzepte von Intertextualität mithin nicht strikt antagonistisch zueinander stehen. Wird in einem ersten Abschnitt den markierten wie unmarkierten intertextuellen Bezügen in Thomas Manns zweitem Roman Königliche Hoheit nachgegangen, vornehmlich den Bezügen zu Carnegies Kaufmannsschrift Empire of Business, so wird dieses ‚Lustspiel in Romanform’ in einem zweiten Abschnitt auf die (Text-)Kultur seiner Zeit bezogen. Hintergrund bildet der weit gefasste Begriff von Intertextualität, wie er von der Diskursanalyse und dem New Historicism aufgegriffen wird. Im Zentrum dieser ‚kulturellen Kontextualisierung’ steht der Begriff des Leistungsethos bei Thomas Mann, Max Weber und Nietzsche, der zugleich die Funktionsstelle von Carnegie in Thomas Manns Roman klärt.
 


Intertextualität und Rezeptionsgeschichte bei Alfred Döblin: „Goethe dämmerte mir sehr spät.“

Werner Stauffacher

Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Rolle der Synästhesie beim
Komponieren, Aufführen und Verstehen von Musik. Er diskutiert zunächst die
Quellenlage des 16. bis 19. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss, dass die
in der Literatur zu findende Einordnung vieler Autoren als Synästhetiker
revidiert werden muss. Dann bespricht er den Wandel der Einstellungen zur
Synästhesie als pathologischer Erscheinung (zweite Hälfte des 19.
Jahrhunderts) und schöpferischem Potential (Beginn des 20. Jahrhunderts) im
Hinblick auf seine Konsequenzen für Wissenschaft und Kunst. Vier
Einzelfallstudien an Komponisten unterschiedlicher Generationen des 20.
Jahrhunderts (Alexander Scrjabin, Alexander László, Olivier Messiaen und
Michael Denhoff) führen schließlich zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis
zwischen Synästhesie und Musik so vielfältig ist wie die individuellen
Ausprägungen der Synästhesie. Zudem wird die Annahme, dass die vier
untersuchten Komponisten im strengen Sinne Synästhetiker sind, in Zweifel
gezogen.
 


Intertextualität und Lektüresemiotik: Der Räuber-Roman von Robert Walser

J. Ulrich Binggeli

Zusammenfassung. Von einem lektüresemiotischen Ansatz aus verfolgt dieser Aufsatz die These, dass der Räuber-Roman des Schweizer Schriftstellers Robert Walser, das umfangreichste und irritierendste Stück aus dem Konvolut des sogenannten Bleistiftgebietes, ein verkappter Liebesroman ist. Während strukturalistische und poststrukturalistische Untersuchungen – als Reaktion auf geschichtsphilosophisch, sozialethisch, tiefenpsychologisch oder religiös-ikonographisch orientierte Versuche, Walsers Verrätselungskunst aufzulösen –, auf textimmanente Sprachstrukturen fokussierten, rückte mit der Intertextualitätsforschung als neuem literaturwissenschaftlichem Paradigma die intertextuelle Verspiegelung von Walsers Texten ins Zentrum des Interesses. Indem dieser Aufsatz die Prätext-Relationen des Räuber-Romans vor allem zu Vulpius’ Räubergeschichte Rinaldo Rinaldini und Schillers Drama Die Räuber untersucht, kann er die tief ironische Erzählhaltung, teilweise auch komische Brechung bei der Behandlung der Liebesthematik im Roman nachweisen.
 


Intertextualität als Mittel der Assimilations- und Orthodoxiekritik in Joseph Roths Hiob. Roman eines einfachen Mannes

Henriette Herwig

Zusammenfassung. Ausgehend von einer lektüresemiotischen Konzeption von Intertextualität verbindet der vorliegende Aufsatz die ethnographische Frage nach der Art der Darstellung ostjüdischer Lebensformen in Joseph Roths Hiob-Roman mit der Frage nach der poetischen Funktion seiner intertextuellen Relationen zu drei kanonischen Erzählungen des Alten Testaments: zur Hiobsgeschichte, zur Josephslegende und zur Geschichte der alttestamentlichen Richterin, Prophetin und Heerführerin Debora. Dabei zeigt sich, dass das durch den Titel des Romans nahegelegte Verständnis Mendel Singers als einer Hiobsgestalt in dem Maße relativiert wird, in dem der intertextuelle Bezug zur Josephslegende den zum Hiob-Buch verdrängt. Bei Mendels Frau Deborah legt die intertextuelle Relation zum Buch Richter umgekehrt ein Verständnis der Figur nahe, das die intratextuelle Misogynie des Romans korrigiert. Auf die mit dem Zusammenbruch der Assimilationshoffnungen der europäischen Juden verbundene Krisenerfahrung antwortet der Text mit einer Form der Aktualisierung biblischer Legenden, die diese entmythologisiert und den Rückzug in die Orthodoxie als Lösung ebenso verwirft wie die nationale Assimilation.
 


Schiffbruch des Erzählens: Eine intertextuelle Lektüre der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung

Brigitta Oesch

Zusammenfassung. Im Zentrum dieses Beitrags steht die Analyse der intertextuellen Bezüge zwischen dem Rotkäppchen-Märchen der Gebrüder Grimm und der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung. Es wird untersucht, wie mit der Referenz auf einen Einzeltext die dahinter stehende Erzähltradition und ihre konstitutiven Bedingungen ex negativo im Romanganzen funktionalisiert werden. Der literarische Topos des zur Erhaltung von Leben und Lebenshoffnung inszenierten Erzählens zerbricht an der in der Rahmenhandlung der poetischen Fiktion thematisierten Verfolgung und Ermordung jüdischer Kinder im „Dritten Reich“. Das Versagen dieser tradierten Erzählsituation ist Teil einer werkimmanenten Poetik und spiegelt die Problematik des Erzählens nach 1945.
 


Vom ,Werk’ zur Intertextualität der Stoffe:
Friedrich Dürrenmatts Wandlung

Peter Rusterholz

Zusammenfassung. Unterschiedliche Zeichen-, Sprach- und Kunstbegriffe führen zu unterschiedlichen Konzepten von Intertextualität. Vorerst wird deshalb die Beziehung zwischen verschiedenen Begriffen von Intertextualität und den aktuellen Problemen der Literatur- und Interpretationstheorie erläutert. Die Wandlungen des Autor- und Textverständnisses von Friedrich Dürrenmatt zeigen exemplarisch eine Entwicklung vom geschlossenen Werk zum offenen Textsystem intertextueller Relationen.
 



 
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