Henriette Herwig
Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung
im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe
Anne Bohnenkamp
Intertextualität als Realisation von Weltliteratur:
Literarische Landschaften in Goethes Faust
Franziska Schößler
Markierte Zitate und Kultur als Intertext: Varianten
der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche
Hoheit
Werner Stauffacher
Intertextualität und Rezeptionsgeschichte bei Alfred
Döblin:
„Goethe dämmerte mir sehr spät.“
J. Ulrich Binggeli
Intertextualität und Lektüresemiotik: Der Räuber-Roman
von Robert Walser
Henriette Herwig
Intertextualität als Mittel der Assimilations- und
Orthodoxiekritik
in Joseph Roths Hiob. Roman eines einfachen Mannes
Brigitta Oesch
Schiffbruch des Erzählens: Eine intertextuelle Lektüre
der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die größere
Hoffnung
Peter Rusterholz
Vom ,Werk’ zur Intertextualität der Stoffe:
Friedrich Dürrenmatts Wandlung
Preisverleihung
Ernest W. B. Hess-Lüttich
Körper – Verkörperung – Entkörperung:
Zum Thema und zu den Preisschriften des Förderpreises
Semiotik der DGS 2002
Ulf Harendarski
Zur Deixis auf eine andere Welt
Peter Rusterholz
Bericht über die Preisschrift K: „Entkörperlichung,
Whiteness
und das amerikanische Gegenwartskino – Zum Körperdiskurs
in den Kulturwissenschaften“
Bärbel Tischleder
Zur symbolischen Topographie des weißen Amerika in Fargo
Einführung
Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung
im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegriffe
Henriette Herwig
Zusammenfassung. Dieser einführende Aufsatz fragt nach Formen und Funktionen
der Beziehungen zwischen literarischen Texten, stellt die für die
Literaturwissenschaft relevanten Intertextualitätstheorien und
die in ihnen entwickelten Taxonomien vor, grenzt den engen, textdeskriptiven
Intertextualitätsbegriff vom weiten, ontologischen Konzept von
Intertextualität ab und plädiert für eine semiotisch
fundierte, kontextorientierte Verbindung produktionsästhetischer
und rezeptionsästhetischer Intertextualität. Abschließend
stellt er in Grundzügen die in diesem Themenheft zusammengestellten
Aufsätze vor.
Intertextualität als Realisation
von Weltliteratur:
Literarische Landschaften in Goethes Faust
Anne Bohnenkamp
Zusammenfassung. Ausgehend von der Verwendung des Begriffs „Landschaft“
bei Goethe geht es in dem Beitrag um die intertextuellen Strukturen
(in weitem und engem Verständnis des Begriffs) dieses erkenntnistheoretischen
und ästhetischen Schlüsselkonzepts der Moderne. Der Beitrag
beschreibt in diesem Zusammenhang die herausragende Rolle von Landschaftsschilderungen
im Faust und fragt nach ihren Formen und Funktionen. Eine intertextuelle
Lektüre der Szene „Anmutige Gegend“ zeigt, dass die
hier geschilderte Landschaft dialogische Bezüge einerseits zur
Rolle der Natur in Dantes Commedia, andererseits zur Landschaftswahrnehmung
in Byrons Manfred aufweist. Gerade im Hinblick auf seine Landschaften
lässt sich Goethes Faust als eine Realisation von Goethes Idee
einer „Weltliteratur“ lesen, für die intertextuelle
Bezüge konstitutiv sind.
Markierte Zitate und Kultur als Intertext:
Varianten der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche
Hoheit
Franziska Schößler
Zusammenfassung. Gezeigt wird, dass sich Textlektüren, die vor
dem Hintergrund des engen oder aber des weiten Begriffs von Intertextualität
entstehen, durchaus ergänzen können, die beiden divergierenden
Konzepte von Intertextualität mithin nicht strikt antagonistisch
zueinander stehen. Wird in einem ersten Abschnitt den markierten wie
unmarkierten intertextuellen Bezügen in Thomas Manns zweitem Roman
Königliche Hoheit nachgegangen, vornehmlich den Bezügen
zu Carnegies Kaufmannsschrift Empire of Business, so wird dieses
‚Lustspiel in Romanform’ in einem zweiten Abschnitt auf
die (Text-)Kultur seiner Zeit bezogen. Hintergrund bildet der weit gefasste
Begriff von Intertextualität, wie er von der Diskursanalyse und
dem New Historicism aufgegriffen wird. Im Zentrum dieser ‚kulturellen
Kontextualisierung’ steht der Begriff des Leistungsethos bei Thomas
Mann, Max Weber und Nietzsche, der zugleich die Funktionsstelle von
Carnegie in Thomas Manns Roman klärt.
Intertextualität und Rezeptionsgeschichte
bei Alfred Döblin: „Goethe dämmerte mir sehr spät.“
Werner Stauffacher
Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Rolle der Synästhesie
beim
Komponieren, Aufführen und Verstehen von Musik. Er diskutiert
zunächst die
Quellenlage des 16. bis 19. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss,
dass die
in der Literatur zu findende Einordnung vieler Autoren als Synästhetiker
revidiert werden muss. Dann bespricht er den Wandel der Einstellungen
zur
Synästhesie als pathologischer Erscheinung (zweite Hälfte
des 19.
Jahrhunderts) und schöpferischem Potential (Beginn des 20. Jahrhunderts)
im
Hinblick auf seine Konsequenzen für Wissenschaft und Kunst. Vier
Einzelfallstudien an Komponisten unterschiedlicher Generationen des
20.
Jahrhunderts (Alexander Scrjabin, Alexander László, Olivier
Messiaen und
Michael Denhoff) führen schließlich zu dem Ergebnis, dass
das Verhältnis
zwischen Synästhesie und Musik so vielfältig ist wie die
individuellen
Ausprägungen der Synästhesie. Zudem wird die Annahme, dass
die vier
untersuchten Komponisten im strengen Sinne Synästhetiker sind,
in Zweifel
gezogen.
Intertextualität und Lektüresemiotik:
Der Räuber-Roman von Robert Walser
J. Ulrich Binggeli
Zusammenfassung. Von einem lektüresemiotischen Ansatz aus verfolgt
dieser Aufsatz die These, dass der Räuber-Roman des Schweizer Schriftstellers
Robert Walser, das umfangreichste und irritierendste Stück aus
dem Konvolut des sogenannten Bleistiftgebietes, ein verkappter
Liebesroman ist. Während strukturalistische und poststrukturalistische
Untersuchungen – als Reaktion auf geschichtsphilosophisch, sozialethisch,
tiefenpsychologisch oder religiös-ikonographisch orientierte Versuche,
Walsers Verrätselungskunst aufzulösen –, auf textimmanente
Sprachstrukturen fokussierten, rückte mit der Intertextualitätsforschung
als neuem literaturwissenschaftlichem Paradigma die intertextuelle Verspiegelung
von Walsers Texten ins Zentrum des Interesses. Indem dieser Aufsatz
die Prätext-Relationen des Räuber-Romans vor allem zu Vulpius’
Räubergeschichte Rinaldo Rinaldini und Schillers Drama
Die Räuber untersucht, kann er die tief ironische Erzählhaltung,
teilweise auch komische Brechung bei der Behandlung der Liebesthematik
im Roman nachweisen.
Intertextualität als Mittel der
Assimilations- und Orthodoxiekritik in Joseph Roths Hiob. Roman
eines einfachen Mannes
Henriette Herwig
Zusammenfassung. Ausgehend von einer lektüresemiotischen Konzeption
von Intertextualität verbindet der vorliegende Aufsatz die ethnographische
Frage nach der Art der Darstellung ostjüdischer Lebensformen in
Joseph Roths Hiob-Roman mit der Frage nach der poetischen Funktion
seiner intertextuellen Relationen zu drei kanonischen Erzählungen
des Alten Testaments: zur Hiobsgeschichte, zur Josephslegende
und zur Geschichte der alttestamentlichen Richterin, Prophetin und Heerführerin
Debora. Dabei zeigt sich, dass das durch den Titel des Romans nahegelegte
Verständnis Mendel Singers als einer Hiobsgestalt in dem Maße
relativiert wird, in dem der intertextuelle Bezug zur Josephslegende
den zum Hiob-Buch verdrängt. Bei Mendels Frau Deborah
legt die intertextuelle Relation zum Buch Richter umgekehrt
ein Verständnis der Figur nahe, das die intratextuelle Misogynie
des Romans korrigiert. Auf die mit dem Zusammenbruch der Assimilationshoffnungen
der europäischen Juden verbundene Krisenerfahrung antwortet der
Text mit einer Form der Aktualisierung biblischer Legenden, die diese
entmythologisiert und den Rückzug in die Orthodoxie als Lösung
ebenso verwirft wie die nationale Assimilation.
Schiffbruch des Erzählens: Eine
intertextuelle Lektüre der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers
Roman Die größere Hoffnung
Brigitta Oesch
Zusammenfassung. Im Zentrum dieses Beitrags steht die Analyse der intertextuellen
Bezüge zwischen dem Rotkäppchen-Märchen der Gebrüder
Grimm und der Rotkäppchen-Version in Ilse Aichingers Roman Die
größere Hoffnung. Es wird untersucht, wie mit der Referenz
auf einen Einzeltext die dahinter stehende Erzähltradition und
ihre konstitutiven Bedingungen ex negativo im Romanganzen funktionalisiert
werden. Der literarische Topos des zur Erhaltung von Leben und Lebenshoffnung
inszenierten Erzählens zerbricht an der in der Rahmenhandlung der
poetischen Fiktion thematisierten Verfolgung und Ermordung jüdischer
Kinder im „Dritten Reich“. Das Versagen dieser tradierten
Erzählsituation ist Teil einer werkimmanenten Poetik und spiegelt
die Problematik des Erzählens nach 1945.
Vom ,Werk’ zur Intertextualität
der Stoffe:
Friedrich Dürrenmatts Wandlung
Peter Rusterholz
Zusammenfassung. Unterschiedliche Zeichen-, Sprach- und Kunstbegriffe führen
zu unterschiedlichen Konzepten von Intertextualität. Vorerst wird
deshalb die Beziehung zwischen verschiedenen Begriffen von Intertextualität
und den aktuellen Problemen der Literatur- und Interpretationstheorie
erläutert. Die Wandlungen des Autor- und Textverständnisses
von Friedrich Dürrenmatt zeigen exemplarisch eine Entwicklung vom
geschlossenen Werk zum offenen Textsystem intertextueller Relationen.