Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

Synästhesie als Zeichenprozess
Jahr: 2002
Band:  24
Heft: 1

 
Roland Posner und Dagmar Schmauks
Synästhesie: Physiologischer Befund, Praxis der Wahrnehmung, künstlerisches
Programm

Stephanie Kneip und Jörg Jewanski
Synästhetische Wahrnehmung aus neurologischer Sicht

Hinderk M. Emrich, Markus Zedler und Udo Schneider
Bindung und Hyperbindung in intermodaler Wahrnehmung und Synästhesie

Jörg Jewanski
Farbige Töne: Synästhesie und Musik

William H. Edmondson
Farbige Buchstaben: Synästhesie und Sprache

Einlage 
Sabine Schneider 
"An allen Dingen kleben Farben":
Synästhetiker im Erzählcafé

Eva Kimminich
Synästhesie und Entkörperung der Wahrnehmung:
Bemerkungen zu einer historischen Entwicklung
in Europa vom 17. bis zum 20. Jahrhundert

Literaturbericht
Martin Vetter
Theologie und Semiotik: Zum Stand des Gesprächs
am Beispiel der Peirce-Rezeption in jüngeren Arbeiten
evangelischer Theologie

Nachruf
Jeff Bernard
In memoriam Thomas A. Sebeok (1920-2001)
 


Einführung

Synästhesie: Physiologischer Befund, Praxis der Wahrnehmung, künstlerisches
Programm

Roland Posner und Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin

Zusammenfassung. Dieser einführende Artikel bespricht zunächst die beiden
Lesarten des Wortes "Synästhesie" als Bezeichnung für einen physiologischen
Befund und für ein künstlerisches Programm. Ausgehend von der Feststellung,
dass bemerkenswert viele physiologisch fundierte Synästhesien an die
Wahrnehmung kodierter Zeichen gebunden sind, wird der zeichentheoretische
Status der Auslöser synästhetischen Wahrnehmens untersucht und eine
semiotische Klassifikation der Synästhesien in Stimulus-, Signifikanten-,
Signifikat- und Referenten-Synästhesien vorgeschlagen. In der
Charakterisierung der anderen Beiträge zum vorliegenden Zeitschriftenheft
wird der Unterschied zwischen konstitutioneller Synästhesie und Synästhesie
als künstlerischem Rezeptionsprozess herausgearbeitet: Während bei einem
konstitutionellen Synästhetiker eine Wahrnehmung unwillkürlich tatsächliche
Empfindungen in einem oder mehreren anderen Wahrnehmungskanälen auslöst,
kann bei einem synästhetischen Kunstrezipienten eine künstlerische
Wahrnehmung nur die Vorstellung solcher Empfindungen evozieren.
Synästhetische Kunstrezeption erweist sich so als intellektualisierte
Parallele eines physiologischen Prozesses.
 


Synästhetische Wahrnehmung aus neurologischer Sicht

Stefanie Kneip, Universität Köln und Jörg Jewanski, Musikhochschule Münster

Zusammenfassung. Dieser Beitrag schildert die Forschungsgeschichte zur
Synästhesie. Er beschreibt ihre Genese sowie die Problematik ihrer Diagnose
und Klassifikation. Nach einleitenden Bemerkungen zur Definition und
Auftretenshäufigkeit von Synästhesie erfolgt eine Betrachtung
synästhetischer Zeichen aus semiotischer Perspektive. Im Anschluss daran
wird die Auswirkung dieser seltenen und ungewöhnlichen Wahrnehmungsweise auf die Persönlichkeit der Betroffenen und auf ihre kognitiven Leistungen
behandelt. Die Kriterien für das Vorliegen synästhetischer Wahrnehmung
werden beschrieben und ihre verschiedenen Formen charakterisiert. Der
Beitrag schließt mit einer Darstellung aktueller neurologischer Hypothesen
zur Entstehung von Synästhesie.
 


Bindung und Hyperbindung in intermodaler Wahrnehmung und Synästhesie

Hinderk M. Emrich, Markus Zedler und Udo Schneider, Medizinische Hochschule Hannover, Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie

Zusammenfassung. Wenn ein Mensch einen gegenstand wahrnimmt, werden
Gegenstandseigenschaften über die verschiedenen Wahrnehmungskanäle in
Snnesempfindungen verwandelt, die dann in der Weise aufeinander bezogen
werden, dass der gegenstand im Bewusstsein als Einheit erscheint. Diesen
weitgehend unbekannten neurobiologischen Prozess nennt man “Bindung³. Wenn nun bei der Wahrnehmung zusätzlich zu einer gegebenen Sinnesempfindung in einem anderen Wahrnehmungskanal eine weitere Empfindung entsteht, welche nicht direkt auf einer gegenstandseigenschaft beruht, so spricht man von "Synästhesie". Zum Beispiel werden beim Farben-Hören akustische Gegenstandseigenschaften zugleich auch visuell wahrgenommen, Diesen Vorgang nennt man “Hyperbindung". In der vorliegenden Abhandlung wird angenommen, dass Bindung und Hyperbindung auf dieselben neurophysiologischen Grundlagen zurückzuführen sind. Es wird vorgeschlagen, die bei der Synästhesie auftretende Prozesskonfuguration der Hyperbindung als Modell für die Erforschung der Bindung anzusehen.
 


Synästhesie und Musik

Jörg Jewanski, Hamm

Zusammenfassung. Der Beitrag untersucht die Rolle der Synästhesie beim
Komponieren, Aufführen und Verstehen von Musik. Er diskutiert zunächst die
Quellenlage des 16. bis 19. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss, dass die
in der Literatur zu findende Einordnung vieler Autoren als Synästhetiker
revidiert werden muss. Dann bespricht er den Wandel der Einstellungen zur
Synästhesie als pathologischer Erscheinung (zweite Hälfte des 19.
Jahrhunderts) und schöpferischem Potential (Beginn des 20. Jahrhunderts) im
Hinblick auf seine Konsequenzen für Wissenschaft und Kunst. Vier
Einzelfallstudien an Komponisten unterschiedlicher Generationen des 20.
Jahrhunderts (Alexander Scrjabin, Alexander László, Olivier Messiaen und
Michael Denhoff) führen schließlich zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis
zwischen Synästhesie und Musik so vielfältig ist wie die individuellen
Ausprägungen der Synästhesie. Zudem wird die Annahme, dass die vier
untersuchten Komponisten im strengen Sinne Synästhetiker sind, in Zweifel
gezogen.
 


Farbige Buchstaben: Synästhesie und Sprache

William H. Edmondson, The University of Birmingham

Zusammenfassung. Dieser von einem Synästhetiker verfasste Beitrag schildert
die Erfahrungen einer Person, deren Wahrnehmung eines jeden Buchstaben
automatisch verknüpft ist mit dem Eindruck, eine bestimmte farbige Aura um
ihn herum zu sehen. Ein Vergleich seiner Erfahrungen mit denen von anderen
Synästhetikern sowie mit den von Nicht-Synästhetikern berichteten
Erfahrungsweisen des Buchstabenlesens veranlasst den Verfasser, Fragen nach
der Intersubjektivität der Wahrnehmung und der Objektivität der
Kommunikation zu stellen. Er diskutiert das weithin gebräuchliche Modell der
Kommunikation, das den Austausch von Botschaften voraussetzt, die auf der
Grundlage eines gemeinsamen Kodes der Kommunikationspartner formuliert und verstanden werden, und argumentiert, dass dieses Modell der Tatsache nicht gerecht wird, dass Kommunikation auch zwischen Personen möglich ist, die nicht über einen gemeinsamen Kode verfügen. Er schlägt daher vor, das
Botschaften-Modell der Kommunikation zu ersetzen durch einen Ansatz, der von der Reihenbildung und Kontextualisierung der eigenen Wahrnehmungen ausgeht, seien diese kommunikativer oder nichtkommunikativer Art. Edmonsons Vorschlag erlaubt ganz verschiedene Grade der Idiosynkrasie in der Wahrnehmung sprachlicher Zeichen und kann daher sowohl Synästhetikern als auch Nicht-Synästhetikern auf theoretisch fundierte Weise angemessene Orte in der kommunikativen Kooperation zuweisen.
 


Einlage

"An allen Dingen kleben die Farben". Synästhetiker im Erzählcafé

Sabine Schneider, Universität Leipzig

Zusammenfassung. Die Autorin ­ selbst Synästhetikerin ­ beschreibt zunächst,
an welchen Zeichen in ihrer eigenen Lebensgeschichte sie festgestellt hat,
dass ihre Wahrnehmungen viel bunter sind als die der anderen. Sie versucht
Nicht-Synästhetikern nahezubringen, wie ihre spezielle Synästhesie
funktioniert, die im Wahrnehmen von Farben bei visuellen Zeichen wie
Buchstaben und Ziffern, aber auch beim Hören von Musik und anderen
akustischen Eindrücken besteht. Ferner zeigt sie, inwiefern diese
zusätzlichen Wahrnehmungen im Alltag und beim Lernen hilfreich oder
hinderlich sein können. Abschließend wird das Leipziger “Erzählcafé"
vorgestellt, das Synästhetikern die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen
auszutauschen und sich Nicht-Synästhetikern gegenüber besser verständlich zu
machen.
 


Synästhesie und Entkörperung der Wahrnehmung. Bemerkungen zur einer
historischen Entwicklung in Europa vom 17. bis zum 20. Jahrhundert

Eva Kimminich, Universität Freiburg

Zusammenfassung. Die Begriffsgeschichte lässt erkennen, dass Synästhesie
erst seit dem 19. Jahrhundert ins Blickfeld wissenschaftlicher Fragestellung
geriet: einerseits als abnorme Verwechslung physiologisch getrennter
Vorgänge, andererseits als künstlerische Technik. Diese Definition
veranlasst die Verfasserin, Synästhesie im Kontext einer abendländischen
Geschichte menschlicher Wahrnehmungskonventionen zu betrachten. Ihr
Rückblick auf philosophische, theologische, medizinische und physiologische
Erklärungsmodelle zeigt, wie leibliches Empfinden von geistigem Erkennen
getrennt wurde. Gleichzeitig, vor allem aber seit dem 18. Jahrhundert,
sorgten mediologische, technische und technologische Entwicklungen für
Möglichkeiten der Aufrüstung und Substitution unserer Sinne. Das der Seele
oder Psyche zugeordnete synästhetische Wahrnehmen wurde im Rahmen dieser
Entwicklungen zu einem in das Reich poetischer Spielerei verwiesenen
Kuriosum. Vor diesem Hintergrund erscheint die somatische Wende der
Postmoderne in einem anderen Licht. Sie lässt ein in Vergessenheit
geratenes, teilweise auch gezielt ausgeblendetes Grundrecht menschlichen
Daseins ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken: das Recht auf eine den
biologischen Gegebenheiten unserer Spezies angemessenen
Persönlichkeitsentfaltung, die in einer primär sinnlichen Wahrnehmung
gründet. Dazu aber müssen die Voraussetzungen erst wieder geschaffen werden:
eine R ü c k b e S i n n u n g.
 


Theologie und Semiotik: Zum Stand des Gesprächs am Beispiel der
Peirce-Rezeption in jüngeren Arbeiten evangelischer Theologie

Martin Vetter, Humboldt-Universität zu Berlin

Zusammenfassung. Einen Einblick in das heutige Gespräch zwischen Theologie
und Semiotik vermitteln ausgewählte neuere Arbeiten, die die Semiotik von
Charles S. Peirce in theologischer Perspektive anwenden. Im Mittelpunkt der
theologischen Rezeption steht die Triadizität des Zeichenbegriffs.
Diskutiert wird zudem das semiotisch begründete Konzept, Wirklichkeit als
Zeichenprozess zu beschreiben. Die Frage nach der semiotischen Erfassbarkeit
des transzendenten Grundes menschlicher Zeichengebung wird theologisch
kontrovers beantwortet.
 



 
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