Herausgegeben von Ulrich Baltzer
Ulrich Baltzer
Ansatzpunkte einer Semiotik der Institutionen
Gerhard Schönrich
Zur Ontologie der Institutionen
Ulrich Baltzer
Symbol und Legitimität:
Institutionelle Handlungen und Normen
Stephan Müller
Ritual und Authentizität:
Institutionelle Ordnungen des Mittelalters im Spiegel
der höfischen Literatur
Andreas Haltenhoff
Mythos und Handlung:
Die „Sitte der Vorväter“ als soziale Institution
der Römer
Einlage
Rainer Steinhart und Dagmar Schmauks
Ampelmännchen
Ansatzpunkte einer Semiotik der Institutionen
Ulrich Baltzer, Technische Universität Dresden
Zusammenfassung. Die Beiträge zu diesem Heft, die im Sonderforschungsbereich
537 „Institutionalität und Geschichtlichkeit“ an der TU Dresden
entstanden sind, gehen von der Annahme aus, dass Institutionalität
im Wesentlichen ein semiotisches Phänomen ist. Welche Anknüpfungspunkte,
aber auch welche Vorteile ein solcher Ansatz mit Blick auf traditionelle
Konzeptionen besitzt, wird deutlich in einer Skizze der drei Haupttypen
der Institutionentheorie nach Luhmann, Berger & Luckmann und
Gehlen. Insbesondere wird sichtbar, wie ein semiotisches Institutionenverständnis
es ermöglicht, die Probleme zu vermeiden, die die traditionelle
Institutionentheorie in Verruf gebracht haben.
Zur Ontologie der Institutionen
Gerhard Schönrich, Technische Universität Dresden
Zusammenfassung. Die folgende Abhandlung geht nicht von einer fertigen
Institutionentheorie aus, um dann nach deren ontologischen Verpflichtungen
zu fragen, sondern versucht umgekehrt, anhand von Beispielen aus dem Parlamentswesen
mögliche Ontologien auf ihre Tauglichkeit für eine solche
Institutionentheorie zu prüfen. Dabei zeigt sich, dass unsere aristotelisch
geprägte Alltagsontologie mit ihrer Festlegung auf unabhängig
in der Zeit persistierende konkrete Einzeldinge als Paradigma der Wirklichkeit
die ontologisch entscheidenden Fragen nach den Identitäts- und Individuationsbedingungen
von Institutionen nicht befriedigend beantworten kann. Eine Durchsicht
der heute diskutierten Ontologietypen von monistischen Ansätzen bis
hin zu komplexen Sachverhaltsontologien führt schließlich
zum Konzept einer abweichenden Prozessontologie als aussichtsreichster
Kandidatin. In einer kritischen Diskussion wird deren Grundidee zwar bestätigt,
jedoch einer durchgreifenden semiotischen Revision unterworfen.
Symbol und Legitimität: Institutionelle
Handlungen und Normen
Ulrich Baltzer, Technische Universität Dresden
Zusammenfassung. Diese Abhandlung beantwortet die Frage, was institutionellen
Handlungen wie etwa der Fahrkartenkontrolle in der Eisenbahn ihre
Legitimität verleiht. Auf der Grundlage von Peirces Semiotik
wird nachgewiesen, dass jede institutionelle Handlung zeichenhaft strukturiert
ist, da sie auf andere Handlungen desselben Typs wie auch auf Handlungen
anderer Typen verweist, die alle wegen ihrer Bezogenheit auf eine
sinnenfällige Entität als Handlungen derselben Institution
interpretiert werden. Dies macht institutionelle Handlungen zu symbolischen
Prozessen. Im Anschluss an die philosophische Debatte über das, was
es heißt, einer Regel zu folgen, wird herausgestellt, dass die normativen
Aktivitäten, die der Regelbefolgung ihren normativen Status verleihen,
sich als symbolische Prozesse im zuvor erläuterten Sinn verstehen
lassen. Institutionelle Handlungen besitzen folglich dank ihrer symbolischen
Struktur eine interne Relation zur Normativität.
Ritual und Authentizität: Institutionelle
Ordnungen des Mittelalters im Spiegel der höfischen Literatur
Stephan Müller, Technische Universität Dresden
Zusammenfassung. Ritualisierte Handlungsformen spielen in den Institutionalisierungsprozessen
der Kultur des Mittelalters eine dominante Rolle. Die Untersuchung
fragt nach dem Zeichencharakter dieser rituellen Ordnungs- und Orientierungsleistungen
und zeigt, dass Formen öffentlicher symbolischer Kommunikation
im Mittelalter nur partiell zeichenhaften Logiken gehorchen. Dieser
Befund betont die kategorial verschiedenen hermeneutischen Rahmenbedingungen
des Mittelalters, eröffnet aber auch die Möglichkeit, durch die
Beschreibung der pragmatischen Spielregeln ritueller Kommunikation Sinnbildungsprozesse
der mittelalterlichen Gesellschaft anzusprechen, wie in der höfischen
Literatur am Beispiel von Tristan und Parzival nachgewiesen wird.
Mythos und Handlung: Die „Sitte der Vorväter“
als soziale Institution der Römer
Andreas Haltenhoff, Technische Universität Dresden
Zusammenfassung. Dieser Beitrag untersucht Struktur und Funktion des
mos maiorum, der ‘Sitte der Vorväter’ im antiken Rom. Als soziale
Institution war der mos maiorum um ein System sozialer Werte organisiert,
das sich in vorbildhaften Handlungsepisoden (exempla virtutis) symbolisch
repräsentierte. Auf der Grundlage eines an Peirce orientierten semiotischen
Modells wird gezeigt, auf welche Weise diese zur Stabilisierung des mos
maiorum beitrugen. Zugleich ergibt sich aus der Beschreibung ihrer Funktion
innerhalb des gesellschaftlichen Handlungs- und Kommunikationszusammenhangs
der mythische Charakter der exempla virtutis. Die spezifisch römischen
Züge einer solchen ‘Mythologie des mos maiorum’ werden abschließend
an Beispielen der bewussten Neuprägung zweier überlieferter Erzählungen
nochmals verdeutlicht.
Ampelmännchen
Rainer Steinhart, Frankfurt a.M.
Dagmar Schmauks, Technische Universität Berlin
Zusammenfassung. Ampelmännchen fordern nicht nur im Straßenverkehr
die Fußgänger zum Gehen oder Warten auf, sondern haben vielfältige
weitere Zeichenfunktionen. Ein weltweiter Vergleich ergibt zwar große
nationale Unterschiede, aber der prototypische Ampelmensch ist überall
männlich und meist jung und dynamisch. Einerseits werden Ampelmännchen
zunehmend standardisiert, andererseits gibt es Designer, die den einzelnen
Ampelmann als Individuum gestalten, das etwa durch bestimmte Attribute
mit seinem „Wohnort“ in Beziehung steht. Ferner erhalten Ampelmännchen
durch ihr Matertial einen individuellen „Körper“, der wie jedes materielle
Objekt altern und beschädigt werden kann. In den letzten Jahren sind
Ampelmännchen – nicht zuletzt durch die hier beschriebenen Projekte
– öffentlich stärker beachtet worden als zuvor. Folglich konnten
sie sich auch in der Werbung als Motiv etablieren, dessen Dialektik von
Fortschreiten und Verharren spontan vestanden wird.