Arbeitsstelle für Semiotik AfS

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Die „Zeitschrift für Semiotik“: Abstracts 

„Chinesische Zeichenkonzeptionen“
Jahr: 2000
Band:  22
Heft: 2

Hans-Georg Möller
Einleitung

Hans-Georg Möller
Verführte Vögel, verschwundene Maler und vernichtetes Fett: 
Über Kunstlegenden und Zeichenparadigmen in China und Europa

Rolf Trauzettel
Der Schatten in chinesischer Kunst, Literatur und Philosophie: 
Leeres Zeichen und Zeichen der Leere

Michael Lackner
Was Millionen Wörter nicht sagen können: Diagramme zur Visualisierung 
klassischer Texte im China des 13. und 14. Jahrhunderts

Einlage 
Jari Grosse-Ruyken
Werbung in China 

Literaturbericht 
You-Zheng Li 
Semiotik im China des 20. Jahrhunderts
 


Einleitung
Chinesische Zeichenkonzeptionen

Hans-Georg Möller, Universität Bonn 

Zusammenfassung. Die Sinologie als Wissenschaft ohne spezifische Methodik ist auf die Methoden anderer Disziplinen angewiesen. Gerade die Semiotik kommt der Sinologie entgegen, weil sie für viele verschiedene kulturelle und soziale Themenbereiche offen ist. Außerdem ermöglicht es ihr theoretisches Abstraktionsniveau, über herkömmliche dokumentarische und deskriptive Darstellungsformen hinauszukommen. Umgekehrt kann China als ausgeprägte „Zeichenkultur" und als Land mit einer neu entstehenden, eigenständigen Semiotik für die „westliche" Semiotik ein interessantes Forschungsfeld bieten. Eine auf China bezogene Kultur-Semiotik kann in Anlehnung an einen Forschungsansatz von Niklas Luhmann Zusammenhänge zwischen Zeichen- und Sozialstrukturen aufdecken. Spezifisch chinesische Zeichenkonzeptionen sprechen dem leeren Zeichen einen besonderen Rang zu, konstruieren eine Semiotik der Präsenz und fassen bestimmte Zeichen als „Offenbarungen" auf. Spezifische Semantiken in China verstehen die Kunst weniger vom Werk als vom Vollzug her und nehmen den Schatten weniger als Schlagschatten und mehr als Schattenseite im Gegensatz zur Sonnenseite wahr. 
 


Verführte Vögel, verschwundene Maler und vernichtetes Fett: Über Kunstlegenden und Zeichenparadigmen in China und Europa

Hans-Georg Möller, Universität Bonn 

Zusammenfassung. Durch die Analyse dreier Legenden über Kunstwerke – einer aus dem alten China, einer aus dem alten und einer aus dem gegenwärtigen Europa – sollen Leitvorstellungen über Zeichen in verschiedenen Kulturen miteinander verglichen werden. Dabei werden die komplexen Erzählungen jeweils auf einfache semiotische Strukturen reduziert. Die erste Struktur, die im alten China präsent war, wird als Struktur der Präsenz bezeichnet, da sie auf der gleichwertigen Präsenz von Signifikant und Signifikat beruht. Die für das alte Europa wichtige Struktur der Repräsentation beruht demgegenüber auf einem Bruch zwischen dem präsenten Signifikat und dem es „nur" repräsentierenden Signifikanten. Eine dritte Struktur schließlich, die in der gegenwärtigen „postmodernen" Zeit offenbar populär ist, siedelt sowohl Signifikat als auch Signifikant jenseits jeder Präsenz an. Sie kann als Schema der Signifikanz bezeichnet werden. 
 


Der Schatten in chinesischer Kunst, Literatur und Philosophie: Leeres Zeichen und Zeichen der Leere

Rolf Trauzettel, Universität Bonn 

Zusammenfassung. Dieser Essay geht aus von der verblüffenden Tatsache, dass in der traditionellen chinesischen Malerei – abgesehen von einer bekannten Ausnahme – nie der Schlagschatten dargestellt worden ist. Im ersten Teil wird dafür eine Erklärung versucht. Anschließend wird gezeigt, dass das Phänomen des Schattens in der Differenz von Schlagschatten und schattigem Ort in der Literatur und Philosophie einen hohen Symbolwert gewonnen hat: als leeres Zeichen und als Zeichen der Leere. 
 


Was Millionen Wörter nicht sagen können: Diagramme zur Visualisierung klassischer Texte im China des 13. bis 14. Jahrhunderts

Michael Lackner, Universität Göttingen 

Zusammenfassung. Der Aufsatz befasst sich mit einer speziellen Sorte von Diagrammen, die zwischen dem Ende der Südlichen Song-Zeit und dem Beginn der Yuan-Zeit unter anderem in der Schule von Jinhua praktiziert wurden. Diese Form der nichtlinearen Analyse von Texten des chinesischen Kanons vereint häufig semantische und syntaktische Aspekte der Deutung. Mögliche Vorbilder der Diagramme werden vorgestellt und Beispiele für die vielfältigen Vorteile diagrammatischer Textanalyse werden gegeben. Abschließend folgen einige Bemerkungen über Diagramme zu Texten in komparatistischer Perspektive. 
 



Einlage 

Werbung in China

Jari Grosse-Ruyken, Universität Bonn 

Zusammenfassung. Dieser Beitrag analysiert Anzeigen aus chinesischen Zeitungen hinsichtlich der in ihnen verwendeten Kodes. Anhand von Beispielen wird gezeigt, dass auch in der chinesischen Werbung eine Abwendung von westlichen Vorbildern stattfindet. Der entstehende Leerraum wird gefüllt durch nicht sehr konkrete Vorstellungen von nationaler Größe und chinesischer Tradition. Dies geschieht jedoch nicht mit großer Konsequenz, und diesem Zwiespalt gilt besondere Aufmerksamkeit. 
 



Literaturbericht 

Semiotik im China des 20. Jahrhunderts

You-Zheng Li, Chinesische Akademie für Gesellschaftswissenschaften, Beijing 

Zusammenfassung. Seit etwa zwei Jahrzehnten entsteht in China eine moderne Semiotik. Dabei kommt der Film-Semiotik eine Vorreiter-Rolle zu. Die Einführung der Semiotik in China hatte einen paradigmatischen Charakter, denn sie zog einen Wandel zum Pluralismus in der kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Methodik nach sich. Die Semiotik in China ist auf die Rezeption westlicher semiotischer Theorien gegründet, aber man versucht mehr und mehr, diese Theorien mit der Analyse der eigenen Tradition zu verbinden, so dass eine eigenständige chinesische Semiotik entwickelt werden kann. Im Sinne einer Förderung der Kulturwissenschaften sowie einer Internationalisierung der Semiotik ist ein erweiterter Austausch zwischen chinesischer und westlicher – und gerade auch deutscher – Semiotik wünschenswert. 
 

 


 
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